Die weiße Nacht
- Piper
- Erschienen: Januar 2026
- 1


Düstere Zeiten und bewegende Schicksale.
Berlin, 14. Dezember 1946: Bereits in aller Frühe ist die junge Fotografin Lou Faber wie gewöhnlich mit ihre Leica-Kamera trotz eisiger Kälte in den zerbombten Straßen der Hauptstadt unterwegs und beobachtet das Schauspiel der Farben, wenn der neue Tag erwacht. Schönheit in einer unwirklichen Welt. Doch in einer Ruine am Blücherplatz macht sie diesmal eine erschreckende Entdeckung: Von den Straßenresten nicht einsehbar findet sie eine Frauenleiche, die mit gefalteten Händen im Schnee liegt. Lou kann nicht anders: Sie hebt ihre Kamera, fokussiert und drückt den Auslöser. Noch weiß die junge Frau nicht, dass sie mit ihren Fotos unfreiwillig zur Ermittlung des Mörders beiträgt.
Kriminalkommissar Alfred König und sein junger Assistent Inspektor Trautwein nehmen die Ermittlungen im Fall der Toten auf - und das in Nachkriegsdeutschland mit äußerst beschränkten Mitteln. König muss sich auf seine Intention und seinen unnachgiebigen Willen, für Gerechtigkeit zu sorgen, verlassen. Doch während Heiligabend näher rückt, bekommt es die Berliner Polizei mit weiteren Opfern des Täters zu tun. Hilfesuchend wendet sich König an die junge Fotografin, zu der er eine ungewöhnliche Verbindung spürt. Denn sie sieht, was andere übersehen. Eine Spur führt in die nahe Vergangenheit und einen Ort, über den bis heute eine Glocke aus Leid, Schmerz und Grausamkeit zu liegen scheint.
„Fräulein Gold“ - Autorin
Die gebürtige Berlinerin Anne Stern ist promovierte Germanistin und Historikerin. Ihre mittlerweile acht Romane über die Berliner Hebamme „Fräulein Gold“, die seit 2020 beim Rowohlt Verlag erscheinen, stehen regelmäßig in den Bestsellerlisten. Aber auch in anderen Werken der Autorin - wie der vierteiligen Romanreihe „Die Frauen vom Karlsplatz“ - stehen Frauen im Mittelpunkt der Handlung, die zumeist im historischen Berlin des späten 19. Jahrhunderts sowie des frühen 20. Jahrhunderts agieren. Man darf Stern durchaus als Vielschreiberin bezeichnen, veröffentlichte sie seit 2019 doch mehr als 20 Romane.
Nun erscheint beim Piper Verlag mit „Die weiße Nacht“ der Auftakt ihrer neuen Reihe und der erste Fall für Lou Faber und Alfred König. Ein historisch präziser und menschlich bewegender Nachkriegskrimi. Stunde null, bei der alles auf Anfang steht. Und dennoch eine unfassbar schwere Zeit, da die Vergangenheit ebenso wie die Gegenwart schwer auf den Menschen lastet.
Dunkle Zeiten
Anne Stern wählt für ihre neue Reihe eine Zeit, der es selbstredend an Unbekümmertheit und Fröhlichkeit fehlt. Dies spürt man dem Roman an. Ein dunkler Grundton und eine leidvolle Stimmung durchfluten das Buch. Es gibt kaum heitere, unbeschwerte Momente. Entbehrung, Leid und die schmerzvollen Nachklänge der NS-Zeit spürt man nahezu auf jeder Seite. Sie begleiten den Leser und lassen ihn nicht los. Wie Lou Faber hat Anne Stern einen feinen Blick für das Berlin der damaligen Zeit, einer Stadt, die immer noch von NS-Befürwortern und Mitläufern ebenso wie von ideologischen Gräben und Machtkämpfen zwischen den Siegermächten durchdrungen ist. Auch das Alltagsleben der einfachen Menschen, den Schwarzmarkt und den Wunsch nach Normalität fängt die Autorin in einer genauen Milieustudie wunderbar ein.
Widerstand und Moral
Im Mittelpunkt stehen zwei Protagonisten, die zunächst vollkommen unterschiedlich erscheinen: die junge Fotografin Marielouise „Lou“ Faber, die ihre Ausbildung an der photografischen Lehranstalt abschloss und vom Verkauf ihrer Fotos an diverse Frauenmagazine lebt, was zuletzt immer schwieriger wurde, und der dünne, körperlich eingeschränkte Kommissar Alfred König, der durch einen wütenden Aufseher in einem Zuchthaus sein linkes Augenlicht verlor. Was beide verbindet, ist ihre moralische Aufrichtigkeit und ihr Widerstand in dunklen Zeiten, was sie bitter bezahlen mussten. Doch ihren Willen, für das Richtige einzustehen, konnten selbst die Nazis ihnen nicht nehmen. Zwei Figuren, die wohl nichts mehr zu verlieren haben. Anne Stern tut gut daran, diese Figuren nicht zu glorifizieren. Faber und König wirken durch ihr Auftreten und Handeln, nicht durch ihre Suche nach Anerkennung.
Historischer (Kriminal-)Roman
Der historische Hintergrund des Romans ist - wie man es von der Autorin kennt - genau und akribisch recherchiert. Ab und an verfängt sich Anne Stern vielleicht etwas zu sehr in den Schilderungen und Darstellungen des Lebens in der Nachkriegszeit und in Nebensträngen. Dadurch verliert sie vereinzelt den Blick für den eigentlichen Kriminalfall aus den Augen. Der Schritt vom Historien- zum Kriminalroman gelingt der Autorin aber mit zunehmender Dauer der Handlung besser. Auch wenn die Umsetzung der Mordreihe nicht in allen Punkten restlos überzeugen mag und manches etwas vorhersehbar erscheint, geht das Motiv des Täters unter die Haut und wird keinen Leser kaltlassen. Denn die Schrecken der NS-Zeit sind auch im Hungerwinter 1946/47 längst noch nicht vergangen.
Fazit
Ein packender und bewegender Auftakt der Faber-König-Reihe, der ein dunkles Kapitel der NS-Zeit aufgreift. Historisch genau, mit einer klaren, mitunter poetischen Sprache, schildert Anne Stern den Kampf einer jungen Fotografin und eines neu eingesetzten Kommissars für Gerechtigkeit in einer Zeit, die dies eigentlich nicht kennt. Bei aller gelungenen Darstellung des Nachkriegslebens und einer sehr emotionalen Figurendarstellung, würde der Handlung etwas mehr Erzähltempo und eine noch stärkere Fokussierung auf den Kriminalfall guttun.

Anne Stern, Piper

Deine Meinung zu »Die weiße Nacht«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!