Die Einstein-Vendetta
- Jacoby & Stuart
- Erschienen: Juli 2025
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Ermorden, wen man zu fassen bekommt.
Anfang August des Jahres 1944 ist der Zweite Weltkrieg für Nazideutschland verloren. An allen Fronten zieht man sich zurück, doch bevor man weicht, terrorisiert und tötet man die ‚Verräter‘, die für die Niederlage mitverantwortlich gemacht werden. So geschieht es auch in Italien, das nach der Absetzung des Diktators Mussolini Ende Juli 1943 von deutschen Truppen besetzt wurde. Nach der Landung der Alliierten kämpfen sich diese mühsam, aber entschlossen von Süditalien gen Norden voran. Nun haben sie Florenz erreicht.
Dort lebt in einer kleinen Villa der Ingenieur und Obstlandwirt Robert Einstein mit seiner Familie. Der Cousin des berühmten Physikers Albert Einstein (1879-1955), der mit der Entdeckung der Relativitätstheorie die Wissenschaftswelt revolutioniert hat, ist mit Gattin Cesarina „Nina“ und den beiden Töchtern Luce und Anna Maria „Cicì“ schon seit Jahren in Italien ansässig.
Obwohl Jude, blieb Robert bisher vom eher pflichtschuldig dem nazideutschen Rassenwahn folgenden Mussolini-Regime verschont. Nun wollen die Deutschen offensichtlich ein letztes, grausames Zeichen setzen: Am 3. August 1944 dringen deutsche Soldaten in das Heim der Einsteins ein. Da sie den Hausherrn nicht finden, bringen sie Nina, Luce und Cicì um. Robert hält noch elf Monate durch, dann nimmt er sich das Leben.
Der Mehrfachmord reiht sich in eine lange Reihe ähnlicher und noch schlimmerer Kriegsverbrechen ein. Mehrfach wird versucht, die Täter namhaft zu machen und anzuklagen, doch erst nach mehr als einem halben Jahrhundert werden die Bemühungen unter Einsatz modernster kriminologischer Technik intensiviert. Da sind sämtliche Spuren längst eiskalt, die möglichen Täter tot oder uralt und dement ...
Tief in den Falten der Geschichte verschwunden
Manches Kapitel der Kriminalgeschichte ist so absurd, dass kein Romanautor es als Plot wählen würde. Die „Einstein-Vendetta“, die der englische Historiker und Journalist Thomas Harding nacherzählt, gehört sicherlich in diese Kategorie. Sie enthält alles, was ein Rätsel ausmacht, leidet jedoch unter einem Manko: Gelöst wird es nicht, was ungeachtet der ausführlichen Begründung des Verfassers, wieso dies letztlich irrelevant ist, diese Chronik eines Verbrechens und der Bemühung seiner Aufklärung vage wirken lässt.
Harding hat ausgiebig recherchiert und viele Archive besucht. Darüber hinaus war er vor Ort und konnte wichtige Zeugen noch persönlich befragen. Doch die Jagd nach Informationen führte immer wieder ins Leere. Die Faktenlage ist dünn, und daran wird sich wohl nichts ändern. Der Mord an der Familie Einstein fiel in eine Periode, als solche Bluttaten buchstäblich an der Tagesordnung waren. Akribisch festgehalten wurden solche Mordaktionen natürlich nicht, zumal sie nicht selten spontan und aus einer wütenden Überreaktion heraus begangen wurden: Die Täter standen unter psychischem Druck, weil sie der Feind vor sich hertrieb.
Obwohl erstmals bereits kurz nach dem Dreifachmord ermittelt wurde, blieben die Fakten, mit denen man arbeiten konnte, wie schon gesagt dürftig. In ihrer Angst haben die Überlebenden nicht auf später fahndungsrelevante Tatsachen geachtet. Obwohl das deutsche Militär Buch über seine Einsätze führte, taucht die Mordaktion nirgendwo auf. Hat man sie befohlen? Wie weit nach ‚oben‘ muss man gehen, um die Auftraggeber zu entlarven? Welchen Grund gab es überhaupt, eine bestimmte Familie zu verfolgen, während das Kriegschaos regierte?
Rachejagd auf ‚Stellvertreter‘?
Kann es wirklich sein, dass es nicht primär um Robert Einstein und dessen Familie ging, sondern um seinen Cousin Albert, der von den Nazis unerreichbar in den USA lebte und dort nicht nur forschte, sondern sich auch immer wieder gegen den Krieg und besonders das nazideutsche Regime wandte? Ein Mann wie Einstein fand weltweit Gehör, doch waren die Gewaltherrscher in Deutschland so verblendet, dass sie sich in ihrem hilflosen Zorn an den einzigen Einsteins ‚rächten‘, die in ihrem schrumpfenden Einflussbereich verblieben waren?
Der Untertitel deutet dies nicht nur an. „Hitler, Mussolini und die wahre Geschichte eines Mordes“ ist allerdings vor allem Werbetrommelgedröhn. Es gibt keinerlei gesicherten Informationen, die den Mord in Italien mit Hitler oder Mussolini in Zusammenhang bringen, die „wahre Geschichte“ bleibt wie gesagt ungeschrieben. Vieles muss Vermutung bleiben, wobei der Autor entschied, wie weit er in dieser Hinsicht gehen wollte. Harding bleibt erfreulich zurückhaltend und munkelt nicht von Geheimnissen, wo sich die Wahrheit der Nachforschung schlicht entzieht.
Er nutzt die Gelegenheit, um zu Recht darauf hinzuweisen, dass der Fall womöglich geklärt wäre, hätte die Verfolgung deutscher Kriegsverbrechen generell nicht so viele Jahrzehnte auf sich warten lassen. Hinzu kam eine speziell italienische Problematik. Dort sah man sich lange als Opfer Nazideutschlands und blendete aus, wie eng man unter Mussolini bis Juli 1943 mit Hitler zusammengearbeitet und dabei selbst Kriegsverbrechen begangen hatte. Entsprechende Akten wurden vernichtet oder versteckt, viele Schuldige übernahmen bald wieder hohe Positionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Der lange Schatten der Vergangenheit
Folgerichtig beschäftigt sich Harding in einem dritten Großkapitel schon ab Seite 167 mit einer langen, mühseligen Nachgeschichte. Seit den 1990er Jahren gab es mehrere Versuche, den Mordfall aufzurollen. Der Autor, der spätestens in den 2020er Jahren selbst involviert war, beschreibt eine intensive, aber frustrierende Jagd auf Informationen und Menschen, die sich in Luft und Asche aufgelöst hatten.
Das wiederholte, immer intensivere Drehen und Wenden der wenigen Indizien blieb ungeachtet digitaler Wundertechnik erfolglos. Die Erinnerungen der Zeugen verwirrten sich im Laufe zu vieler Lebensjahrzehnte. Auf Quellen konnte man sich nicht verlassen. Sie waren lückenhaft oder widersprachen einander, statt sich zu ergänzen. So konnte man stets nur bis zu einem gewissen Punkt untersuchen bzw. recherchieren.
Plastisch stellt Harding die ‚menschliche‘ Seite dieses „True-Crime“-Falls heraus, der keineswegs nur Mordopfer und Täter kennt. Die Zeugen wurden teilweise sehr alt. Manche mussten sich siebzig oder gar achtzig Jahre mit ihren Erinnerungen plagen. Die Zeit heilt keineswegs alle Wunden. Das Gehirn wirkt vergesslich, aber Zeiten bzw. Gefühle aus einer Krise bewahrt es auf. Sie lassen sich jederzeit abrufen oder drängen sich aus dem Off in den Vordergrund. Robert Einstein fiel seiner Not elf Monate nach dem Tod seiner Familie zum Opfer. Andere Zeugen verstummten über Jahrzehnte, weil sie sich schuldig fühlten: Warum ‚durften‘ sie überleben?
Es wird nicht leichter
Harding geht auch auf die Resonanz ein, die der dreifache Einstein-Mord hervorrief. Er beginnt mit dem erschütterten Albert Einstein, der nicht nur einen Cousin, sondern auch einen Freund aus Kindheitstagen verloren und auch dessen Familie gekannt hatte. Die Seelennöte der Zeugen wurde bereits angesprochen. Selbst wenn es lange nicht zur Sprache kam, prägte das Leid auch deren Familienleben - und das über Generationen.
In dem kleinen Dorf bei Florenz erinnert man sich auf dem Friedhof immer noch der Einsteins, die hier begraben liegen. (Dass Robert Jude war, ignorierte 1945 selbst die katholische Kirche und bettete ihn neben seine Familie.) Harding spannt den Bogen auch deshalb bis in die Gegenwart, weil in Italien extremistische und neofaschistische Kräfte erstarken. Ohne die nazigeprägte Vergangenheit mit dieser Gegenwart gleichzusetzen, warnt der Verfasser vor einem Klima, in dem sich ‚Vorfälle‘ wie der Dreifachmord wiederholen könnten, denn sie gehören zur Natur der Gewaltherrschaft.
Fotos zeigen die verstorbenen Einsteins, Zeitzeugen und den Tatort. Ebenfalls gewürdigt werden Wissenschaftler, Juristen und Historiker, die sich bemühten, den Fall doch noch aufzuklären. Entstanden ist ein Werk, das notgedrungen dem Thema nicht auf den Grund gehen sein kann, obwohl der Verfasser so tief wie (ihm) möglich geschürft hat. Dies verrät auch ein Anmerkungsapparat, der so (und zu) ausführlich geraten ist, dass er quasi ein weiteres Buchkapitel darstellt.
Fazit
Darstellung eines Mordfalls, der exemplarisch für ein Bündel von Sünden der Vergangenheit steht, die der Verfasser akribisch auflistet und kommentiert. Dies erhält das Interesse, obwohl der Fall ungeklärt bleibt.

Thomas Harding, Jacoby & Stuart

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