Wisting und die Untiefen der Vergangenheit
- Piper
- Erschienen: Mai 2025
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Was (und wer) im See auftauchte.
Obwohl vergleichsweise hoch im Norden gelegen, erreicht der Klimawandel längst auch Südnorwegen. Das Wasserspiegel des Farris-Sees nahe der Stadt Larvik ist in diesem Sommer um mehrere Meter gefallen. Breite Ufersäume haben sich gebildet, die mit dem Schutt gespickt sind, der über viele Jahre scheinbar entsorgt werden konnte. Hinzu kommt eine Leiche: Vor acht Jahre war Morten Wendel verschwunden, nachdem der junge Mann wegen einer Vergewaltigung angezeigt wurde. Offenbar hat er sich selbst gerichtet und im genannten See ertränkt.
An einer anderen Stelle des trockengefallenen Gewässers findet Hobby-Historiker Evert Harting eine Goldkette. Sie weist auf einen bisher ungelösten Kriminalfall hin und gehörte einem Mädchen, das vier Jahre zuvor wohl vom Fahrer eines Wohnmobils entführt wurde. Harting ist beunruhigt; die kargen Hinweise könnten auf seinen Schwager passen, der mit einem solchen Gefährt weite Reise durch Europa unternimmt und schon mehrfach Ärger bekam, weil er seine Aufmerksamkeit allzu intensiv auf minderjährige Mädchen richtete.
Kommissar William Wisting übernimmt den Fall Wendel, aber ihn interessiert auch die Goldkette. Liegt eine weitere Leiche auf dem Seegrund? Aus Schweden reist eine Polizeikollegin an, denn der mysteriöse Wohnmobilfahrer hat auch dort sein Unwesen getrieben. Die gemeinsamen Ermittlungen gestalten sich schwierig; die Indizien widersprechen sich bzw. deuten an, dass man auf separate Verbrechen gestoßen ist. Die Zeit drängt, denn nicht nur die Medien sind aufmerksam geworden: Bald wird die anhaltende Dürre enden, und dann vernichtet das steigende Wasser womöglich alle Spuren der Taten ...
Die Sünden der Vergangenheit
Aus den Augen, aus dem Sinn: Dieses alte Sprichwort kennen auch Verbrecher, die deshalb darauf setzen, dass lästige Beweisstücke und vor allem Leichen von der Bildfläche verschwunden sind, sobald man sie in möglichst tiefes Wasser geworfen hat. Doch darauf sollte man sich besser nicht verlassen, denn Wasser ist ein flüchtiger Stoff - dies vor allem im Rahmen der aktuellen Klimakrise, die dafür sorgt, dass die Sonne auch in hohen Breitengraden deutlich tüchtiger einheizt als früher.
Scheinbar grundlose Seen trocknen plötzlich aus. Noch ist der Nachschub von Trink- und Brauchwasser gesichert, weshalb die Menschen (mit Ausnahme von Anglern und Wassersportlern) fasziniert dorthin ihre Füße setzen, wo zuvor nur Fische ihre Bahnen zogen. Erwartungsgemäß kommen vor allem Abfälle zum Vorschein, die man an solchen Orten verklappt hat. Wie archäologische Schätze werden versenkter Auto-Schrott, die Ruinen überschwemmter Häuser oder wracke Boote bewundert.
Aber auch Leichen kommen in Sicht. Plötzlich findet man Pechvögel wieder, die sich irgendwann im Winter auf offensichtlich zu dünnes Eis gewagt haben. Aber auch die Körper derer werden freigelegt, die unfreiwillig eine Seebestattung erfuhren und denen jene, die dafür verantwortlich sind, gern ihre ewige Ruhe gegönnt hätten. Da Mord nicht verjährt, werden bisher ‚kalte‘ Fälle wieder heiß und neu aufgerollt. Die Medien lieben Wasserleichen, klinken sich eifrig ein und sorgen für Schlagzeilen.
Verdrängt, aber nie vergessen
Wieder aufgerührt werden außerdem Trauer, Wut und Ängste der Hinterbliebenen. Der Tod trifft nie nur direkt den einzelnen Menschen. Stets gibt es Angehörige und Freunde, die schwer vergessen, dass eine Gewalttat einen geliebten Mitmenschen aus ihrer Mitte gerissen hat. Konnte die Tat nicht aufgeklärt werden, fällt ein Abschluss erst recht schwer. Jørn Lier Horst hat die Folgen in seiner 2004 gestarteten, sehr erfolgreichen Serie um den in Südnorwegen tätigen Polizisten Wisting bereits mehrfach thematisiert.
Persönliches, nie gesühntes Unglück kann wie eine offene Wunde schwären. In „Wisting und die Untiefen der Vergangenheit“ - der Originaltitel lautet übersetzt deutlich weniger umständlich, aber wohl nicht werbewirksam genug „Trockenes Land“ - macht der Autor deutlich, dass dies über die unmittelbar Betroffenen hinausgeht. Eltern trauern um ihren toten, nun endlich gefundenen Sohn, wollen jedoch dessen Schuld nicht wahrhaben. Den Eltern seines Opfers ist der bestätigte Tod nicht Gerechtigkeit genug, was sie selbstjuristisch tätig werden lässt. Ein Mann verdächtigt seinen Schwager, ein Vergewaltiger und womöglich Serienmörder zu sein. Gleichzeitig können und wollen auch die Polizisten keine Ruhe geben. Wisting hatte vor Jahren im Fall Wendel vergeblich ermittelt, und aus Schweden kommt eine Kollegin, die in einer anderen Sache nie lockerlassen wollte
Schwierig, aber nicht unmöglich wird die Lösung, weil die Taten lange zurückliegen und die Spuren verwischt sind. Horst war lange Jahre selbst als Kriminalpolizist und Ermittler tätig und kennt daher die internen Abläufe. Jenseits überspitzter „CSI“-Wunder schildert er die moderne Polizeiarbeit sachlich und plausibel. Ungeachtet aller Klagen über Stress, minderwertige Ausrüstung oder fallbedingte Seelenpein ‚funktioniert‘ die Aufklärung von Verbrechen, weil womöglich überlastete, aber fähige Ermittler ihren Job erledigen.
Steter Tropfen höhlt jeden Stein
Das schließt auch ungeklärte Mordfälle ein, bedeutet jedoch keineswegs, dass geniale Geistesblitze ebensolcher Superhirne für urplötzliche Aufklärung sorgen. Horst bezieht jenen zermürbenden Prozess, den die Schritt-für-Schritt-Fahndung darstellt, spannend ins Geschehen ein. Jede Antwort wirft neue Fragen auf, während auch eine ins Leere laufende Fährte eine neue Richtung vorgeben kann. Hartnäckige, ermüdende, sorgfältige Arbeit fördert Informationsfragmente ans Licht, die sich zu Fakten fügen und schließlich ein Gesamtbild ergeben.
Wie es sich gehört, löst Horst im Finale die Bremse, die bisher das Geschehen mit der Realität gekoppelt hat. Die Handlung verwandelt sich in eine simultane Mehrfronten-Aufklärung, die quietschende Autoreifen, flüchtende Unholde und daraus resultierende Personenschäden einbezieht. Man bewundert den Zufall, denn er muss mit mehreren Tellern jonglieren, um drei kriminelle Handlungsstränge, die keineswegs parallel verlaufen, sondern sich mehrfach kreuzen, aufregend und glaubwürdig ins Finale zu führen. Horst ist Profi genug, um dabei als Autor nicht aus der Kurve getragen zu werden, obwohl es dieses Mal knapp ist: Hier geistert vielleicht ein mysteriöses Wohnmobil zu viel durch das sommerheiße Skandinavien ...
Ansonsten stützt sich Horst stilistisch auf Bewährtes: Die Sprache ist klar, die Sätze sind kurz; auch in der Figurenzeichnung prägt Deutlichkeit die Story. Wie es sich für einen „Skandinavien-Krimi“ gehört, geht es ausgiebig tragisch zu. Während andere Nordlicht-Autoren dies auf die Spitze treiben und dadurch den Krimi aus dem Geschehen treiben, verbeißt sich Horst nicht in Seelenqualen. Vergangenheitsbewältigungen, private und berufliche Konflikte: Solche Tränendrüsen-Quellen lässt er angenehm sparsam sprudeln. „Wisting und die Untiefen der Vergangenheit“ bietet solide Krimikost - und belegt darüber hinaus, dass es im europäischen Norden nicht dauernd regnen, schneien oder dunkel sein muss.
Fazit
Einmal mehr löst Kommissar Wisting geduldig, sachkundig und ohne ‚genialische‘ Anfälle mehrere Kriminalfälle, die wie üblich ‚überraschende‘ Verknüpfungen offenbaren: ein solider Krimi, der die Handlung nicht in seifigen Sentimentalitäten erstickt.

Jørn Lier Horst, Piper


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