Toter Winkel
- Heyne
- Erschienen: September 1994
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Tief unter Wasser - und Gangstern.
Während einer Urlaubsreise in Frankreich wird der junge Engländer Richard Chandos zufällig (einziger) Zeuge einer Auseinandersetzung: Offenbar streiten zwei Verbrecher um einen verborgenen Schatz. Da der eine nicht teilen will, sticht ihn der andere - Ellis mit Namen - nieder und flüchtet. Chandos kümmert sich um den Sterbenden und erfährt, wo er Wegbeschreibung zum Schatz finden kann.
Diese erzählt vom kostbaren Vermächtnis eines berüchtigten Raubritters. Er bewahrte es in einer Geheimkammer auf, die auch heute unter dem Wasserspiegel eines eigens angelegten Brunnens verborgen liegt. Dies geschah im österreichischen Kärnten und dort im Schloss Wagensburg, das inzwischen abgebrannt ist und leer steht. Niemand außer Ellis und nun Chandos weiß von dem Schatz, der natürlich gehoben werden soll - ein Abenteuer, bei dem ihm seine Gefährten und Freunde Jonathan Mansel und George Hanbury zur Seite stehen. Die treuen (und schlagkräftigen) Diener Bell, Rowley und Carson verstärken die Gruppe, die sich nach Wagensburg aufmacht.
Allerdings gedenkt der mörderische Ellis nicht auf den Schatz verzichten. Er tut sich mit dem Gangster „Rose“ Noble zusammen, der einige Schläger zusammentrommelt. Die Bande macht sich ebenfalls auf nach Kärnten. Dass sie zu allem entschlossen ist, wird Chandos und seinen Begleitern bald deutlich: Man ist noch gar nicht in Wagensburg angekommen, da erfolgt bereits eine erste Attacke der Gauner, die ihre Konkurrenten ausschalten wollen. Dies setzt sich fort, als man das Schloss erreicht hat.
Man findet den Brunnen, aber es wird dauern, ihn auszuschöpfen, bis man durch den Gang zum Schatz vordringen kann. Noble, Ellis & Co. warten auf ihre Gelegenheit - und es gibt eine dritte Partei, die von dem Schatz weiß. In den folgenden Wochen liefern sich die Schatzsucher erbitterte Gefechte, wobei das Kriegsglück wechselt. Ein unverhoffter Fund bietet einen alternativen Weg zum Schatz, doch wird es gelingen, dies vor den lauernden Lumpen geheimzuhalten ...?
Wahre Männer lieben Abenteuer!
Überschüssige Kräfte wollen in nutzbringende Bahnen gelenkt werden, was oft deshalb gelingt, weil mit der Kraftentfaltung verknüpfte Sicherheitsvorkehrungen sträflich vernachlässigt werden: Spaß nach Vorschrift ist keine Option. Dornford Yates (alias Cecil William Mercer, 1885-1960) gehörte zu den Schriftstellern, denen dies bekannt war.
Folgerichtig stößt sich ‚sein‘ Richard Chandos die Hörner ab, indem (oder obwohl) er sich (zunächst) den Frauen fernhält und sich stattdessen etwas Gefährlichem und Ehrenvollem, aber auch Einträglichem widmet. Einerseits gilt es einen Schatz unter schwierigen Bedingungen zu heben, andererseits muss verhindert werden, dass Mörder- und Räuberpack sich unter den Nagel reißt, was ein in die Historie eingegangener Strolch zusammengerafft hatte: Den kriminellen Aspekt lässt Yates unbeachtet, so wie er auch nur kurz anreißt, dass unsere Helden keineswegs gedenken, besagten Schatz dem französischen Staat = dem eigentlichen Eigentümer auszuhändigen; sie werden ihn nach England schmuggeln.
Schon daran wird deutlich, dass sich die Zeiten geändert haben, seit Yates 1927 diesen ersten Chandos-Roman verfasste (dem bis 1949 sieben weitere folgten). Ohnehin spielt das turbulente Geschehen in einer imaginären Parallelwelt, in der solche Eskapaden, wie sie sich in, um und unter Schloss Wagensburg abspielen, ohne Einmischung sonst rasch auf der Bildfläche erscheinender Spielverderber (Polizei, Nachbarn etc.) möglich sind. In Dornfords Mikrokosmos liefert man sich Schießereien, legt Geheimgänge frei, wird mit Bomben beworfen und immer wieder gefangengenommen.
Mut ist wie Wein ...
... denn er muss reifen! Also stellen sich unsere drei plus drei Helden - die Bediensteten leisten standestreu, was ihnen abverlangt wird, und hoffen still auf eine anständige Beteiligung an der Schatzbeute - der Herausforderung. Grundsätzlich sind sie bereits ideal ausgestattet, weil männlich, weiß, und vor allem Engländer. Damit stehen sie über der restlichen Erdbevölkerung, was sie auch bzw. ganz besonders unter Beweis stellen, wenn sie in der Klemme sitzen oder unter Androhung von Folter Kameraden verraten sollen. So etwas ist undenkbar, und glücklicherweise teilt auch der Zufall diese Ansicht, weshalb in höchster Not stets etwas geschieht, das die prekäre Lage verändert.
Flucht mündet in Gegenwehr, deren Gewinn nur deshalb immer wieder verpufft, weil unsere Engländer anders als ihre Gegner nie an Mord & Totschlag denken. Durchaus im Wissen darum, dass man sich bald wieder gegenüberstehen wird, lässt man ausgeknockte Strolch Halunken großherzig leben - denn merke: Wer sich an die Regeln eines Gentleman hält, wird eventuell sterben, darf dies aber voller Stolz tun! Er wird im Gedächtnis seiner Freunde fortleben, und eine größere Ehre kann es nicht geben!
Also bewahren unsere Freunde die britisch sprichwörtliche „steife Oberlippe“ und verzagen nicht, selbst wenn sie sich winzige Momente der Schwäche gestatten: Dies lässt sie nur menschlicher wirken! Die Belohnung kann deshalb nicht ausbleiben, denn wie könnte sich der Kosmos solchem Edelmut verweigern? Hat man das englische Recht auf die Weltherrschaft nicht längst unter Beweis gestellt? Ein Viertel der Erde bedeckt das britische Kolonialreich, das streng, aber (objektiv = aus historischer Sicht un-) gerecht regiert wird! Diese Kraft spiegelt sich in jedem einzelnen Engländer wider, der diesen Namen, nein: diesen Ehrentitel trägt!
Immer eine Lösung, nie ein Zurückweichen
Nicht nur aus heutiger Sicht trägt Yates dick auf. Doch er und wir Leser interessieren uns nicht für die Realität. Getragen von Nostalgie, können die Abenteuer von Chandos, Mansel und Hanbury auch heute noch begeistern, wenn man im Herzen ein „großer Junge“ geblieben ist. Es wird geplant, getäuscht, man muss improvisieren, gerät trotzdem in die Bredouille, kann sich einfallsreich befreien: Das wiederholt sich in einfallsreichen Variationen und nimmt an Intensität zu, je näher man dem Schatz kommt. Selbstverständlich scheinen die Schufte dieses Wettrennen zu gewinnen; eine Situation, die in einem solchen Abenteuer nie fehlen darf, um die Spannung zu erhöhen.
Die Frau kommt in diesem Milieu nur als Schmuckwerk vor. Auch in dieser Geschichte tritt sie zwar „entschlossen“ auf, ist aber vor allem jung und hübsch = ein Objekt der Verehrung, muss ständig in Sicherheit gebracht oder befreit werden und sich zwischendurch in den Zentralhelden zu verlieben, was die Schatzjagd abermals (unter Einsatz schon damals sattsam bekannter Klischees) verkompliziert. Als es endgültig zur Sache geht, bleibt sie aber außer Sicht, weshalb sich unsere Jungs nicht zurückhalten müssen.
Das Ende ist gut, und damit wir dies begreifen, wird uns die Beute nicht nur aufgelistet, sondern auch der Erlös genannt. Wie es sich gehört, wird von diesem Geld nichts verpulvert. Man ist nun finanziell unabhängig, was im Yates-Märchenland bedeutet, dass man sich über Geld keine Gedanken mehr machen muss, wenn das nächste Abenteuer ansteht: Gereift und geschmiedet im Feuer der Bewährung, ist man nicht nur gewappnet, sondern geradezu verpflichtet, sich „englisch“ zu verhalten!
Anmerkung: Schon mancher Zeitgenosse musste ernüchtert feststellen, dass „Dornford Yates“ praktisch nichts mit C. W. Mercer zu tun hatte. In einem ausführlichen Nachwort fasst Tom Sharpe (1928-2013), selbst ein berühmter Schriftsteller, die kargen, aber eindeutigen Belege zusammen. Während er als „Yates“ das Loblied des idealisierten Menschen bzw. Briten sang, war Mercer ein verbitterter, rachsüchtiger, geiziger Mistkerl, Rassist und Lügner, der geradezu zwanghaft seine Familie u. a. Menschen - Freunde hatte er nicht - drangsalierte. Womöglich projizierte er auf seine Heldenfiguren, wozu er in der Realität nie in der Lage war.
Fazit
Niemals an Tempo nachlassender, geschickt geplotteter und auf das finale Spektakel zielender Roman, dessen überirdisch edle Helden gegen düstere Spitzbuben antreten: nostalgisch verbrämtes Abenteuer, das seine Leser nicht emotional abholt, sondern durch eine handwerklich perfekte Handlung fesselt.

Dornford Yates, Heyne

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