Tokyo - Schwarzer Sommer

  • Lübbe
  • Erschienen: Juni 2026
  • 4
Tokyo - Schwarzer Sommer
Tokyo - Schwarzer Sommer
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Michael Drewniok
80°1001

Krimi-Couch Rezension vonSep 2026

Glaube, Hoffnung & Wahnsinn in Japan.

An einem Januartag des Jahres 1990 wird in der japanischen Hauptstadt Tokyo die Leiche eines Kindes entdeckt. Es wurde entführt und später erdrosselt. Der Fall geht an das Dezernat I im Polizeipräsidium der Präfektur Tokyo und hier an Hauptkommissar Saeki. Da ein Kind das Opfer ist, mischen sich umgehend Politik und Presse ein. Schnellstmögliche Aufklärung wird gefordert, was den Druck auf eine Polizei verstärkt, die praktisch ohne Indizien und Zeugenaussagen ermitteln muss.

Matsumoto sucht einen neuen Sinn in seinem Leben. Zwar ist er vermögend, aber einsam. Er wendet sich der Religion zu. In Japan gibt es unzählige Kirchen bzw. Sekten, die einschlägige Heilsversprechen machen. Dafür fordern sie nachfragenlose Gefolgschaft und vor allem möglichst hohe Geldspenden.

Mehrfach wechselt Matsumoto unzufrieden die Glaubensgemeinschaften, bis er an eine Gruppe gerät, die ihm vorgaukelt, Realität werden zu lassen, was er sich sehnlichst wünscht: den Kontakt mit oder sogar die Wiederauferstehung seiner jung verstorbenen Tochter. Um dies zu erreichen, ist Matsumoto zu allem bereit.

Die Fahndung läuft auf Hochtouren, aber es ergeben sich einfach keine Spuren. Für Saeki und seine Männer läuft die Frist ab. Die Vorgesetzten wollen Ergebnisse sehen, die Öffentlichkeit tobt. Mühsam schleppt sich die Ermittlung weiter, bis geschieht, was alle gefürchtet - und erwartet - haben: ein weiteres Kind verschwindet ...

Im Osten geht die Sonne auf

Kriminalromane aus Japan bzw. Asien erfreuen sich hierzulande seit einigen Jahren zunehmender Beliebtheit. Die Kultur des Fernen Ostens weist erhebliche Unterschiede zu den uns bekannten Alltäglichkeiten auf, weshalb sie u. a. eine Kriminalität hervorbringt, die exotische, seltsame, sogar erschreckende und daher unterhaltsame Aspekte beinhaltet.

Tokuro Nukui ist in seiner Heimat als überaus fleißiger Autor bekannt, der seit Anfang der 1990er Jahre mit großem Erfolg zahlreiche Krimis veröffentlicht hat. „Tokyo - Schwarzer Sommer“ war 1993 sein Debütwerk und wurde sofort ein Beststeller. Erst mehr als drei Jahrzehnte fand dieser Roman nun seinen Weg nach Deutschland. Glücklicherweise hat er seine spröde, aber auch gerade deshalb zeitlose Spannung und Eindringlichkeit nicht eingebüßt.

Der Autor zeichnet nicht einfach ein kriminelles Geschehen nach, sondern bettet es in ein Psychogramm der japanischen Gesellschaft ein. Die funktioniert - s. o. - auf ihre sehr eigenen Weisen, worauf Nukui ausführlich eingeht. „Tokyo - Schwarzer Sommer“ ist insofern handlungsarm, als man „Action“ vergeblich suchen wird. Auch Gefühle sind im Land der Aufgehenden Sonne ein schwieriges Kapitel; man hält sie dem Alltag möglichst fern bzw. chiffriert sie. Das Ergebnis ist eine Sozialstruktur, das den ungeschriebenen Regeln ebenso verpflichtet ist wie den Gesetzen.

Sich beugen bringt Segen

Kindermord ist in allen Kulturen ein niederträchtiges Verbrechen. Es richtet sich gegen diejenigen, die beschützt aufwachsen sollten, zumal sie irgendwann über die Geschicke ihrer Welten entscheiden werden. In Japan gilt dies erst recht, da hier ein Verbrechen auch als kollektives bzw. persönliches Versagen betrachtet wird: In einer Gesellschaft, die einig in sich ruhen will, dürften solche Taten nicht geschehen. So liegt es nahe, dass man die Schuld gern einem vertierten Einzeltäter zuschieben würde, für den die Gesellschaft keine Verantwortung übernehmen müsste.

Verbrechen sind auch Ausdruck persönlicher Überforderung. Die ist allgegenwärtig in einer Kultur, die den persönlichen Einsatz für die Gemeinschaft derartig überhöht, dass man sich oft lieber totarbeitet, als eine Überforderung einzugestehen. Diese Praxis ist auch in dem Polizeirevier üblich, in dem die in diesem Buch ermittelnden Beamten tätig sind: Nach Haus geht man niemals, solange der Vorgesetzte noch im Büro ist. Dass man müde und ausgelaugt ist, tut nichts zur Sache: Die Form muss gewahrt bleiben!

Dies beeinflusst das Verhalten sämtlicher Protagonisten in einem hierzulande abstrus erscheinendem Maße. Die Hierarchie steht über allem. Man buckelt nicht nach oben, sondern verbeugt sich symbolstark devot. Solange ein Kriminalfall nicht gelöst ist, darf sich kein Polizist in gehobener Position bei privaten Vergnügungen erwischen lassen. Niemals darf jemand der Polizei in der Ermittlung voraus sein: Sie verliert kollektiv ihr „Gesicht“ und büßt das Recht ein, von der Presse unvoreingenommen behandelt zu werden. Stets muss jemand den Kopf hinhalten, wenn die Situation eskaliert. Dass sich anschließend nichts ändert, ist nebensächlich: Die Regeln wurden befolgt!

Das Diktat der Ehre

Hinzu kommt die Zusammensetzung einer Beamtenschaft, die niemals als Kollektiv geplant war: Den ‚normalen‘ Beamten, die sich über viele Jahre die Karriereleiter hocharbeiten müssen, stehen die „Karrierebeamten“ gegenüber, die ganz offiziell gefördert und in hohe Positionen gehievt werden. Beziehungen sind in Japan tatsächlich karriere- = lebenswichtig, während Eignung und Ausbildung sekundär bleiben. Ein „Karrierebeamter“ kann unter Verzicht auf jedes Risiko als Schreibtisch- und Verwaltungs-‚Polizist‘ seine Laufbahn verbringen.

Wer seinen Kopf über die Menge (der Kollegen) hebt, gerät in Gefahr, dass er ihm abgeschlagen wird. Dies ist normaler Alltag für Kommissar Saeki, der ungeachtet seiner Privilegierung (die er dem Einfluss seines Schwiegervaters verdankt) echte Polizeiarbeit leisten will. Dabei ist der aktuelle Fall ein echter Karrierekiller: Wird nicht bald der (oder ein) Täter festgesetzt, wird man behördenintern nach Sündenböcken suchen - und finden. Saiki steht ganz oben auf dieser Liste, weil er das politische ‚Spiel‘ verachtet und sich dem Milieu fernhält.

Die Suche nach einem Ventil

Sich anpassen, unterwerfen, funktionieren: Es wundert nicht, dass diese Gesellschaft unter gewaltigem psychischem Druck steht. Ihre Mitglieder suchen nach einem Ausweg oder wenigstens nach einem Sinn in ihrer reglementierten Existenz. Dies ist das ideale Umfeld für Heilsbringer, die unter dem Deckmantel religiöser Führung ihren ‚Schäflein‘ - diese Tiere gelten bekanntlich als nicht besonders helle oder störrisch - das Geld aus der Tasche ziehen.

Nukui hat sich über diesen Sumpf eingehend informiert und nutzt ihn als Nährboden, in dem eine ziellose Seele wurzelt, die sich durch Manipulation und Betrug in einen verwirrten und wahnsinnigen Serienmörder verwandelt. Der Autor nimmt sich viel Zeit, um diesen Prozess zu beschreiben. Die Mechanismen einer kommerzialisierten ‚Religion‘ spucken im Normalfall einen endgültig desillusionierten, dazu pleitegegangenen Pechvogel aus. Hier zerlegt der ‚Glaube‘ ein vergiftetes Hirn, das sich einerseits an die erlernte Botschaft hält, diese aber andererseits auf ein unheimliches Niveau bringt.

Bis ins Finale laufen zwei Handlungsstränge nebeneinander her - scheinbar, denn mit einer genialen Volte macht uns Nukui klar, dass sich die geschilderten Ereignisse auf unterschiedlichen Zeitebenen abgespielt haben. Die Auflösung durchbricht die nüchterne, trostlose Atmosphäre, die das Geschehen prägte: Druck lähmt die Protagonisten. Die konformisierte Polizeiarbeit ist dem Verbrechen nicht gewachsen. Erst als sich ein Beamter ein Herz nimmt und die Mauer durchbricht, kann der Fall endlich gelöst werden - dies wie gesagt auf unerwartete Weise und gerade aufgrund des quasi dokumentarischen Tonfalls erschütternd.

Fazit

Debütroman eines japanischen Schriftstellers, der einer Krimihandlung die ‚Entstehung‘ eines Serienmörders gegenüberstellt. Beides ist genretypisch, führt aber die Leser trotzdem auf eine falsche Fährte und wird außerdem eindringlich in das japanische Milieu eingebettet: Im Mittelteil sicherlich zu lang und sich manchmal in Exkursen verlierend, ist dies insgesamt eine lesenswerte Krimi-Variante.

Tokyo - Schwarzer Sommer

Tokuro Nukui, Lübbe

Tokyo - Schwarzer Sommer

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