Solider Thriller mit einem enttäuschenden Ende.
10. Oktober 2025: Trotz des stürmischen Wetters steuert die MS Flipper die Insel Neuwerk in der Nordsee an. Auf ihr befinden sich vier Passagiere, die etwas gemeinsam haben: Sie alle befanden sich vor 30 Jahren auf der Insel, als die beiden dreizehnjährigen Teenager Isa und Janosch über Nacht spurlos aus einem Schullandheim verschwanden. Zwar tauchte das Mädchen wenige Tage später völlig verstört und verängstigt wieder auf, verriet aber nie, was mit ihr und dem Jungen in der Zeit ihrer Abwesenheit geschah. Während Isa vor zehn Jahren starb, fehlt von Janosch bis heute jede Spur.
Die vier Passagiere wissen zunächst nichts voneinander und haben sich aus unterschiedlichen Gründen gerade jetzt für eine Rückkehr auf die Insel entschieden. Während sie gemeinsam mit einer jungen Tierpflegerin, die unterwegs zur Nachbarinsel Scharhörn ist, Neuwerk erreichen, zieht ein schwerer Orkan auf. Niemand kann fortan mehr die Insel verlassen. Als ein rätselhaftes Skelett auf dem Friedhof der Namenlosen entdeckt wird und eine Vogelwartin verschwindet, müssen die fünf Neuankömmlinge erkennen, dass sie nicht zufällig auf der Insel sind. Es gibt jemanden, der weiß, was im Sommer vor 30 Jahren auf Neuwerk wirklich geschah, und er will, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.
Thrillerdebüt einer Bestsellerautorin
Autorin Romy Fölck ist sicherlich eines der bekanntesten Gesichter der deutsche Krimilandschaft. Sie wurde vor allem durch ihre sechsteilige Elbmarsch Krimireihe um das Ermittlerteam Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn bekannt. Die in Meißen geborene Fölck entschied sich 2012 für einen mutigen Schritt: Sie kündigte ihren Beruf in Leipzig und zog nach Norddeutschland, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Neben der erfolgreichen Krimireihe veröffentlicht die Bestsellerautorin auch Familienromane (u.a. „Die Rückkehr der Kraniche“). Nun erscheint im Lübbe Verlag ihr erster Thriller „Fünf Fremde“, der auf der Insel Neuwerk im südöstlichen Teil der Helgoländer Bucht bzw. am Südwestrand der Außenelbe spielt.
Was geschah mit den Teenagern?
Die Autorin bewies bereits bei ihrer Elbmarsch-Krimireihe, dass sie ein feines Gespür für Atmosphäre und ein gelungenes Setting besitzt. Die Insel Neuwerk ist dank Fölcks genauer und liebevollen Darstellung eine weitere „Hauptfigur“ des Locked-Room-Romans. Zu den Protagonisten des Thrillers gehört neben einigen Inselbewohnern zunächst Kriminalkommissarin Annika Lundt, die eine eheliche Auszeit benötigt und nun auf die Insel zurückkehrt, um ihre schwer an Demenz erkrankte Mutter Hedda zu pflegen (Warum sich noch niemand bis jetzt um die pflegebedürftige Dame kümmert, ist nur eines der inhaltlichen Rätsel des Romans!). Auch Ordensschwester Charlotte besucht auf spezielle Einladung hin erneut das Eiland. Die Nonne verbindet dunkle Erinnerungen mit Neuwerk, war sie doch 1995 die verantwortliche Lehrerin für die beiden verschwundenen Teenager – eine Schuld, die sie nie verarbeitet hat. Auch der Eintritt ins Kloster vor einigen Jahren konnte ihr nicht dabei helfen.
Der Meteorologe Mats Nilsson vom Seewetteramt Hamburg kennt die Insel ebenfalls, war er doch vor 30 Jahren zusammen mit Isa und Janosch auf Klassenfahrt hier, als die beiden verschwanden. Da er sich von einem Unbekannten bedroht fühlt, flüchtet Mats – statt dies der Polizei zu melden - nun spontan nach Neuwerk. Sinje Bianchi kennt sich mit der Tragödie um die beiden Jugendlichen ebenfalls bestens aus, da sie damals mit ihren Eltern vor Ort war. Nun möchte die Journalistin aus Rom einen Roman über den Cold-Case-Fall schreiben und ist zu Recherchezwecken auf der Insel. Zuletzt gehört Michelle Welm zu den Besuchern Neuwerks. Die Tierpflegerin und angehende Vogelwartin möchte sich mit ihrer Vorgängerin auf der unbewohnten Insel Scharhörn treffen, um über deren Erfahrungen bei der Arbeit zu sprechen. Warum es im Titel „Fünf Fremde“ heißt, obwohl drei sich nachweislich kennen, bleibt aber ebenso rätselhaft wie so manches Verhalten der Figuren.
Tempo, aber wenig Spannung
Der Roman wird aus den verschiedenen Perspektiven der Protagonisten erzählt – auch aus der Sicht der 1995 zunächst verschwundenen und später wieder aufgetauchten Isa. Dadurch erfährt der Leser nach und nach, was damals auf der Insel wirklich geschah und welches Geheimnis die einzelnen Figuren mit sich tragen. Dabei kommt es zu einigen inhaltlichen Dopplungen, was aber nicht weiter störend ist. Zwar ist die Atmosphäre wie das Wetter düster, aber es will trotz der temporeichen Handlung nicht dauerhaft Spannung aufkommen. Dies liegt vor allem daran, dass sich letztendlich sämtliche Gefahrensituationen bis zum Schluss stets schnell wieder auflösen und die Orkanböen bis 130 km/h nicht verhindern können, dass beinahe sämtliche Protagonisten (einschließlich der demenzkranken Hedda) während der Sturmnacht pausenlos unterwegs sind. Über dies und die insgesamt leider schwächere Figurendarstellung kann man als Leser noch hinwegsehen.
Dafür ist die Auflösung des Plots aber mehr als enttäuschend. Auch wenn wir es mit einem fiktiven Roman zu tun haben, wünscht man sich ein Ende, das nachvollziehbar ist und realistisch erscheint. Dies ist aber hier kaum der Fall. So reihen sich zahlreiche Frage aneinander. Warum musste zum Beispiel der Unbekannte 30 Jahre warten, bevor er die versammelten Personen zur Rechenschaft ziehen will, obwohl diese seiner Zeit mit 13 Jahren noch Kinder waren und der Unbekannte den wahren Täter seit damals eigentlich kennt? Dies lässt sich nicht alleine damit erklären, dass er ihnen eine Teilschuld zuweist. Es ist auch erstaunlich, welchen zeitlichen, logistischen und organisatorischen Aufwand der Täter für seine Rachepläne schmiedet.
Ganz wild wird es aber erst, wenn man erfährt, wie alle „Fremden“ auf die Insel gelockt wurden (besonders bei Annika!). Vor allem der enttäuschende Schluss wertet den Gesamteindruck des Romans deutlich ab. Hier wirkt alles leider viel zu konstruiert und mit wenigen Ausnahmen absolut unwahrscheinlich. Dieses insgesamt recht abstruse Ende ist umso erstaunlicher, da Romy Fölck eigentlich eine erfahrene Krimiautorin ist.
Fazit
Der Roman punktet mit einem interessanten Setting, welches für viel Atmosphäre sorgt. Leider ist das Verhalten der Figuren oftmals wenig glaubwürdig, es mangelt an Spannung und der Schluss lässt den Leser beinahe fassungslos zurück. Insgesamt zu wenig für einen überdurchschnittlichen Thriller.

Romy Fölck, Lübbe


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