Der Fall Bella Carpenter

  • Piper
  • Erschienen: April 2026
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Sabine Bongenberg
70°1001

Krimi-Couch Rezension vonAug 2026

Realitätsnah – aber manchmal etwas zäh.

Es ist der Albtraum aller Eltern: Sie wollen ihr Kind aus dem Bettchen heben und es ist nicht mehr da! Das junge Ehepaar Violet und Tom Carpenter findet sich im Jahr 1990 unvermittelt in diesem Horrorszenario wieder. Auf einer Londonreise verschwindet ihre fünfmonatige Tochter Bella während einer heißen Sommernacht aus dem Hotelzimmer. Niemand hat etwas gesehen – niemand hat etwas gehört. DI Martha Allen wird mit den Ermittlungen betraut und droht an dem Fall zu verzweifeln. Es lässt sich keine verwertbare Spur finden, die eine baldige Auflösung des Falles nach sich ziehen könnte. Da ereignet sich ein Wunder: Eine junge, bildhübsche Frau namens Nell Beatty bringt den unglücklichen Eltern ihr Kind zurück. Laut ihrer Aussage wurde es auf einer Parkbank abgelegt und sie erkannte das Kind, dessen Bild seit Tagen die Titelbilder der Zeitungen prägte. Natürlich haben Martha Allen und ihre Kollegen noch viele Fragen an Nell, doch sollen sie nie dazu kommen, die tatsächlich zu stellen. So plötzlich wie sie erschienen ist, verschwindet die junge Frau wieder. Ihre Spur kann nie wieder aufgenommen werden – bis rund dreißig Jahre später eine ermordete Frau auf einer anderen Parkbank gefunden wird. Bei sich trägt sie einen zerfledderten Zeitungsartikel über die damalige Entführung. Ihr Name: Nell Beatty

Realitätsnaher Kriminalfall

Die amerikanische Autorin E.A. Jackson schildert in ihrem neuen Roman einen Kriminalfall, der sicherlich viele von uns an das Schicksal der kleinen Maddie McCann erinnert. Ähnlich wie in diesem realen Fall verschwindet ein kleines Mädchen spurlos aus einem Hotelzimmer und es beginnt eine verzweifelte Jagd nach den Tätern. In einer Zeit, in der den Frauen bei der Polizei noch oft ihre Grenzen gezeigt wurden und sie manchmal der Arroganz ihrer männlichen Kollegen gegenüberstanden, wird die junge Inspektorin Martha Allen mit der Untersuchung des Falls beauftragt. Ihr unterstellt man als Frau ein besonderes Gespür für die Lage der Eltern. Dazu kommt – was aber noch niemand weiß - dass Allen sich selbst gerade im Frühstadium ihrer ersten Schwangerschaft befindet. Sie weiß also noch einmal besser, was die Eltern durchmachen. Mit ihr erleben die Leser*innen ein real wirkendes Ermittlungsverfahren, das allerdings die eine oder andere Länge und zu detaillierte Beschreibung aufweist. Das führt manchmal zu einer starken Verlangsamung der Handlung und es entsteht der Eindruck, dass die Ermittlungen keinen einzigen Schritt weiterkommen und sich wie in einem Kleistereimer bewegen. Umso unerwarteter kommt die wunderbare Wendung des Falls, wobei allerdings auch überrascht, dass die junge Frau, die das verschwundene Kind wieder in die Arme seiner Eltern zurückbringt, genauso unerkannt wieder verschwinden kann.

Zwanzig Jahre später – ist das ein Cold-Case und kann er noch gelöst werden?

Nach einem zwanzigjährigen Zeitsprung hat sich vieles im Leben der beteiligten Personen geändert. Martha Allen seinerzeit hoffnungsvolle junge Mutter und fest liiert mit einem aufstrebenden jungen Staatsanwalt musste feststellen, dass sich viele ihrer Lebensträume zerschlagen haben. In diese melancholische Stimmung platzt der Fund der ermordeten Nell Beatty. Er führt dazu, dass Allen, die immer an der vollkommenen Aufklärung des alten Falls zweifelte, wieder ihre Untersuchungen aufnimmt. Mit detaillierter Polizeiarbeit und in kleinen, manchmal etwas mühsamen Schritten, gelingt es ihr sukzessive das Geheimnis um das Verschwinden und Wiederauftauchen der kleinen Bella Carpenter aufzuklären. Dennoch warf manchmal die Verbissenheit, mit der sich die in der Polizei zur Superintendentin aufgestiegene Martha Allen der Aufklärung des zu den Akten gelegten Falls widmete, Fragen auf. Als nicht glaubhaft erschien mir auch der Umstand, dass selbst im Großstadtgetümmel eine polizeilich gesuchte Frau vollkommen untertauchen konnte. Auch das letzte Puzzlestück, das abschließend den Fall vollständig aufklärte, konnte mich nicht überzeugen.

Fazit

E. A. Jackson schildert mit dem Entführungsfall der kleinen Bella Carpenter einen grundsätzlich glaubhaften Krimi, der aber sicher mit der einen oder anderen Kürzung oder Straffung noch ein wenig mitreißender hätte verfasst werden können. Dennoch ist die Entführung sicher nur ein Teil des Dramas – ein anderer Teil nimmt sicherlich auch die Rolle der Frau im Berufsleben der Neunziger Jahre auf oder auch die Frage, ob sich heute tatsächlich so wirklich dramatisch viel verbessert hat.

Der Fall Bella Carpenter

E. A. Jackson, Piper

Der Fall Bella Carpenter

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