Schattenmacht (Dunkles Berlin 3)
- Piper
- Erschienen: April 2026
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Ehrliche Gauner und kriminelle Ungeheuer.
Im Mai des Jahres 1940 geht endlich der bitterkalte Winter zu Ende. Die nazideutsche „Volksgemeinschaft“ hat für den von ihrem „Führer“ Adolf Hitler vom Zaun gebrochenen Krieg gegen Polen und Norwegen Kälte, Versorgungsengpässe und Überstunden ertragen; dies auch, weil es an allen Fronten gut läuft für das Nazireich, obwohl Frankreich und England ihm den Krieg erklärt haben. Seit Monaten belauert man sich entlang der schwer befestigten Marginotlinie; die Franzosen ahnen nicht, dass die deutsche Kriegsmaschine sich an ganz anderer Stelle sammelt.
Für die Juden wird die Lage immer aussichtsloser. Systematisch schränkt das Regime ihre Rechte ein, und eine Welle von Verhaftungen, Enteignungen und Deportationen löst die andere ab. Wer sich gut stellt mit den Nazi-Bonzen, kann dagegen glänzende Geschäfte machen. Max Remer führt den Nachtclub „Herz-Ass“ und ist zusätzlich gut vernetzt innerhalb der Unterwelt von Berlin. Ungeachtet dessen lockt man ihn eines Nachts in die Falle und erschießt ihn in seinem Wagen.
Inspektor Horst Schenke von der Kriminalpolizei Pankow übernimmt den Fall. Die Ermittlungen gestalten sich nicht nur deshalb schwierig, weil besagte Unterwelt schweigt bzw. Unwissen vorgibt: Die politische Realität sorgt dafür, dass sich die Nazi-Ideologie und ihre Vertreter auch in der Polizei breitmachen. Im Revier sorgt SS-Oberführer Radinsky als neuer Leiter dafür, dass ein rauer Wind zu wehen beginnt. Brutalität und Unrecht sind alltäglich geworden. Schenke und seine Männer weichen dem aus, so gut es geht. Dies ist erst recht gefährlich, weil der Fall Remer hinter die Kulissen eines von skrupellosen und korrupten Nazi-Größen begünstigten Milieus führt ...
Traditionelles und offizielles Verbrechen
2022 startete Simon Scarrow eine Serie, die hierzulande inzwischen den Titel „Dunkles Berlin“ trägt. „Schattenmacht“ ist bereits der dritte Band, denn Scarrow ist ein Viel- und Schnellschreiber, der noch weitere Reihen fortsetzen muss. Der Erfolg zwingt ihn quasi dazu, denn seine simpel, aber sauber geplotteten und anspruchslos, aber rasant geschriebenen Werke finden stets ein geneigtes Publikum; dabei ist es gleichgültig, ob Scarrow-Garne im antiken Römerreich, im napoleonischen Europa oder eben in der Nazizeit spielen.
Da Scarrow mit seiner Reihe erst das Frühjahr 1940 erreicht hat, ist davon auszugehen, dass Inspektor Schenke und seine Männer noch viele weitere Fälle lösen werden/sollen. Dabei steht das begangene Verbrechen ebenso im Vordergrund wie die historische Realität; dies jedenfalls so, wie der Verfasser sie in den Dienst seiner Handlung stellt. Gemeint ist das Terrorregime der Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945, wobei Scarrow den Blick auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs konzentriert, der für eine Verschärfung der ohnehin prekären Situation sorgt.
Während die Nazis bereits Minderheiten malträtierten, unterwarfen sie sich dem Gesetz zumindest oberflächlich. Nach Ausbruch des Krieges fallen alle Masken: Das Ausland besteht nurmehr aus Verbündeten und Feinden, die schon vor 1939 wegschauten, als das Regime damit begann, immer brutaler gegen Juden, Sinti & Roma, „Kommunisten“, Homosexuelle u. a. verfemte Bevölkerungsgruppen vorzugehen. Nun werden die deutschen Grenzen geschlossen. Potenzielle Opfer dürfen nicht mehr aus- und Kritiker und Beobachter des Schreckens nicht mehr einreisen.
Die Polizei im Dienst des Terrors
Auch Schenke und seine Männer sind betroffen. Mehrfach erwähnt Scarrow Aufrufe des Regimes, sich als Polizist für „Sondereinsätze“ in den besetzten Regionen Osteuropas zu melden. Dort wird man sie als Menschenfänger und Massenmörder instrumentalisieren, denn vor Einrichtung der Konzentrationslager müssen die Nazis „rassisch“ nicht genehme Männer, Frauen und Kinder ‚händisch‘, d. h. mit Knüppeln, Pistolen und (Maschinen-) Gewehren, umbringen. Hier leisten Polizisten aus dem „Kernreich“ grässlich gute Arbeit (was man nach 1945 so gut wie möglich vertuschen und verschweigen wird).
Aber auch weit entfernt von der Front regiert das Unrecht. SS-Oberführer Radinsky wird von Scarrow als ‚typischer‘ Nazi eingeführt: Vor 1933 ein Nichts, hat er sich dem Regime mit Haut und Haar verschrieben. Es begünstigt ihn und legt ihm kaum Steine in den Weg. Im Gegenteil: Je mehr „Feinde des Reiches“, wie sie die Nazi-Herrscher definieren, unter Radinskys Leitung ausgeschaltet werden, desto höher wird er aufsteigen. Weil dies zum Nazi-Ton gehört und er ohnehin ein Soziopath ist, tritt Radinsky gleichzeitig nach unten: Ausschließlich durch Drohungen und Druck ‚führt‘ er seine Leute.
In dieser Schlangengrube versucht Horst Schenke, ein „guter Deutscher“ zu bleiben, sich den Nazis nach Möglichkeit fernzuhalten und stattdessen solide Polizeiarbeit zu leisten. Daraus entwickelt sich ein Widerspruch, dessen Konfliktpotenzial in diesem Band weiter steigt: Schenke ist erfolgreich, was hohe Nazis nutzen wollen, ihn als Günstling in ihren Bann zu zwingen. Er ist nicht „in der Partei“ und will auch nicht der SS beitreten, was bereits negativ registriert wurde. Ein Gutteil seiner Zeit wird zum Seiltanz, denn mit den Nazis darf und will es sich Schenk nicht verscherzen - dies auch, weil er sich privat längst auf Kollisionskurs mit dem Regime befindet.
Kein Hexen-, sondern ein Nazikessel
In der maskulin dominierten Nazi-Welt bleiben Frauen daheim, regeln den Haushalt für ihre kämpfenden Männer und sorgen für eine hoffentlich stetig steigende Zahl von Kindern = zukünftigen Soldaten. Für einen Historienthriller, der nicht nur männliche, sondern auch weibliche Leser zum Kauf locken soll, ist dies kein Idealzustand. Hier ist deshalb Schluss mit der ‚Realität‘, sodass sich im Genre ‚moderne‘, ‚unabhängige‘, ‚starke‘ Frauen dort behaupten, wo dies so niemals möglich gewesen wäre.
Scarrow stellt sich dem, indem er Schenk in möglichst komplizierte Liebesgeschicke verwickelt. Einerseits begehrt er eine nach außen ideale Nazisse (die natürlich insgeheim gegen das Regime ist), andererseits liebt er eine (selbstverständlich ebenfalls schöne) Jüdin, die sich in Berlin verstecken muss. Der mühsam aufrechterhaltene Kontakt sorgt für weitere Spannung der bewährten, d. h. nicht originellen Art, wenn fiese Nazis Schenk und Ruth auf die Schliche kommen und sie benutzen, um ihn zu manipulieren.
Solche Wendungen bestätigen, was der mit der (Krimi-) Geschichte vertraute Leser bald nicht nur ahnt: „Dunkles Berlin“ ist reine Unterhaltung, die durch bedeutsam wirkende Gefahren aufgepeppt werden soll. Das Milieu bleibt durchweg Kulisse: Tief haben sich „die Nazis“ in der Trivialkultur verankert. Dort mimen sie allseits verkommene Machtmenschen, die in jedem zweiten Wort ihre intensive Bosheit belegen wollen. Schenk trifft in diesem Band sogar Adolf Hitler persönlich, der sich und seine ‚Politik‘ durch Phrasen und psychologische Ausfallerscheinungen so auffällig entlarvt, dass noch der dümmste = mit den historischen Fakten nicht vertraute Leser weiß: Hier habe ich es mit einem Schurken zu tun!
Das Böse und das Verbrechen
„Schattennacht“ kann als ‚historischer‘ Krimi besser überzeugen als der Vorgängerband. Scarrow übertreibt es nicht mit der finsteren Allgegenwärtigkeit der Nazis. Dieses Mal hat er einen Plot zu bieten, der das Interesse weckt: Die Berliner Unterwelt ist ein Phänomen, denn sie ist nicht nur deutlich älter als die Nazis, sondern hat diese auch problemlos überlebt und sogar von ihnen profitiert. Raub, Betrug, Unterschlagung, Fälschung, Prostitution - solche und andere Missetaten waren längst im Berliner Alltag verankert. Die Nazis konnten dies nicht abstellen, und oft wollten sie es auch nicht, weil sich Verbrecher durchaus zusammentun können: In einem von Kriegsgesetzen geprägten Land beschaffte die Unterwelt weiterhin, was führende Nazis forderten: Luxusgüter, Alkohol, Delikatessen ...
Scarrow gelingt es, diese Schattenwelt nicht nur zu beschreiben, sondern in eine plausible Handlung zu integrieren. Die kriminalistische Arbeit nimmt breiten Raum ein, und die Schauplätze sind nicht so alltäglich wie gern in Historienkrimis ausgewählt. Natürlich sind Stereotypen allgegenwärtig, doch akzeptiert man das ‚Niveau‘, auf dem Scarrow erzählt, fügt sich das stimmig ins Gesamtbild. Darüber hinaus geht es dieses Mal turbulent zu; viele Seiten füllen ein Überfall auf das schwer bewachte Domizil eines Gangsterbosses. Maschinengewehre und Granaten sorgen für einen enormen Bodycount, während die Logik pausiert - ein typisches Merkmal des Scarrow-Berlins.
Bekannte Figuren aus den ersten beiden Bänden tauchen wieder auf. Schenk wird wie gehabt von seinen Mitarbeitern - dem ehrlichen, groben, erfahrenen Kriminalassistent Hauser und SS-Scharführer Liebwitz (ein womöglich ‚guter‘, wohl autistischer Nazi) - unterstützt; eine so ebenfalls nur im Populärroman funktionierende Kombination. Das Unterhaltungswert ist gesichert, obwohl (oder gerade, weil) „Schattennacht“ über keinerlei literarische Qualitäten verfügt, sondern reines, ehrliches Handwerk darstellt.
Fazit
Auch Band 3 der im Berlin der Kriegsjahre 1939-1945 spielenden Reihe verknüpft ‚echtes‘ Verbrechen mit den Machenschaften des kriminellen Nazi-Regimes. Die Story weist die für das Krimi-Genre wichtigen Elemente auf, während ihr die historische Seite manchmal eher aufgezwungen wird: dennoch ein lesenswerter Thriller.

Simon Scarrow, Piper



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