Die Witwe (Washington Poe und Tilly Bradshaw ermitteln 4)

  • Droemer
  • Erschienen: Februar 2026
  • 5
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Thomas Gisbertz
80°1001

Krimi-Couch Rezension vonFeb 2026

Ein erneut packender, aber dennoch ungewöhnlicher Craven-Krimi.

Was haben ein mehrere Jahre zurückliegender Einbruch in den Tresorraum einer Bank, bei dem nur ein Schließfach geöffnet, aber nichts gestohlen wurde, und ein Hinterhofbordell gemeinsam? Vor Ort findet die Polizei jeweils eine Leiche und eine kleine Keramikratte. Als vermutet wird, dass man es wohl mit einem Serienkiller zu tun hat, wird die SCAS, die Serious Crime Analysis Section, rund um Detective Sergeant Washington Poe und die Analystin Tilly Bradshaw hinzugezogen.

Dass die Verbindungsbeamtin Hannah Finch vom MI5 und die FBI-Agentin Melody Lee ebenfalls an den Ermittlungen beteiligt sind, zeigt die Brisanz der Todesfälle. Schließlich wurde das zweite Opfer nicht nur in der Nähe eines geplanten internationalen Gipfeltreffens hochrangiger Politiker gefunden, sondern der Ermordete war auch für den Hubschraubertransport der Spitzenpolitiker zuständig. Sind diese nun in Gefahr? Schnelles Handeln ist notwendig und da will es so gar nicht passen, dass das Ermittlerteam nicht gerade miteinander harmoniert. Doch Poe schreckt nicht davor zurück, unliebsame Entscheidungen zu treffen – auch wenn er damit den britischen Inlandsgeheimdienst gegen sich aufbringt.

Lieblingsroman des Autors

Nachdem erst Anfang November 2025 mit „Der Kurator“ der dritte Band der Poe-Bradshaw-Reihe des britischen Autors Mike W. Craven erschien, legt der Droemer Verlag nun bereits mit dem vierten Band nach. Damit ist die Reihe, bei der 2023 zunächst der fünfte Band „Der Botaniker“ veröffentlicht wurde, inhaltlich endlich „geschlossen“. Aber nicht nur deswegen nimmt „Die Witwe“ eine Sonderstelle ein. Die Idee zum Roman hatte Craven schon längere Zeit. Es gab allerdings verschiedene Gründe, warum der Autor den Plot erst für den vierten Band nutzen konnte. Unter anderem erschien er Cravens Lektorin zu actionlastig. Auch der Autor selber spürte, dass der Stoff noch zu sehr einem Thriller ähnelte. Was tun? Craven stellte einiges um, ergänzte, verwarf Inhalte und kam am Ende zu einem Buch, das ganz anders war, als er es sich vorgestellt hatte. Vielleicht ist es gerade deswegen sein Lieblingswerk. Den Kritikern gefiel er ebenso. Sie zeichneten den Roman mit dem CWA Ian Fleming Steel Dagger 2022 aus.

Dennoch unterscheidet er sich von den anderen Bänden und besitzt einen etwas anderen Sound. „Die Witwe“ ist politischer, kritischer und in gewisser Weise ernster, tiefgründiger als alles Vorherige. Der für Craven typische trockene Humor, der schnörkellose Schreibstil und die pointierten Dialoge sind zwar weiterhin tragende Elemente des Romans, aber in gemäßigter Weise. Craven rückt vielmehr ein ernstes Thema in den Mittelpunkt, mit der er sich als ehemaliger Soldat mit über zehnjähriger Mitgliedschaft in der britischen Armee bestens auskennt: Es geht um Wahrheit und Täuschung während eines missglückten Militäreinsatzes.

Komplexer Fall

Der Roman beginnt nicht nur für den Leser ungewöhnlich: Poe und Bradshaw bekommen es mit dem britischen Inlandsgeheimdienst MI5 zu tun. Hier treffen beide auch auf eine alte Bekannte aus dem Kurator-Fall: Special Agent Melody Lee vom FBI. Sie sollen im Fall des ermordeten Christopher Biermann ermitteln, der in einem vermeintlichen Bordell am Rande von Carlisle brutal erschlagen aufgefunden wurde und dessen Firma die Helikopterflüge für das anstehende Gipfeltreffen zahlreicher internationaler Politiker im Norden Englands organisiert.

Vor Ort erkennt Poe, dass etwas mit dem Tatort nicht stimmt und einer aus dem Ermittlerteam ein falsches Spiel treibt. Gleichzeitig führen die Ermittlungen zu einem seit Jahren zurückliegenden Fall, bei dem in eine Bank eingebrochen wurde. Doch das Motiv des Täters ist weitaus komplexer, als es Poes Team ahnt. Den vielschichtigen Plot ist man vom Meister des Twists gewohnt. Untypisch ist hingegen, dass über weite Strecken unklar ist, in welche Richtung sich der Fall bewegt. Denn nicht nur der Täter bleibt lange Zeit unklar, auch über dessen Motiv rätseln Poe und Bradshaw. Die Spuren scheinen in ganz unterschiedliche Richtungen zu führen, ohne dass ein klarer Zusammenhang erkennbar ist.

Ein insgesamt komplexer Plot, der leicht dem Autor entgleiten kann. Nicht so bei Craven. Der Brite meistert alles mit dem für ihn typischen Erzählstil, der stets zwischen Leichtigkeit, Brutalität und Humor wechselt. Dass diesmal das Thema und weniger der Täter im Fokus steht, wird nicht zuletzt daran deutlich, dass nach Überführung des Mörders der Roman noch lange nicht zu Ende ist. Dadurch werden die Hintergründe der Tat stärker betont und auch dessen Folgen verdeutlicht. Erneut erweist sich Washington Poe hierbei als ungewöhnlicher, aber exzellenter Ermittler.

Fazit

Ein nicht alltäglicher, aber wie immer packender Fall des Ermittlerteams um DS Washington und die Analystin Tilly Bradshaw. Auch wenn beide diesmal ohne DI Stephanie Flynn auskommen müssen, die sich noch vom letzten Fall erholt, stellen sie erneut unter Beweis, warum sie zum derzeit vielleicht unterhaltsamsten Ermittlerduo in der Kriminalliteratur gehören. Für Nachschub ist gesorgt: Wie Craven in einem Interview verriet, soll die Reihe mindestens neun Bände umfassen. Für Herbst 2026/Frühjahr 2027 ist die Veröffentlichung der nächsten Fälle im Droemer Verlag bereits geplant.

Die Witwe (Washington Poe und Tilly Bradshaw ermitteln 4)

M.W. Craven, Droemer

Die Witwe (Washington Poe und Tilly Bradshaw ermitteln 4)

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