Giftiger Grund
- Droemer
- Erschienen: März 2026
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Hilflose Protagonisten, eigenartige Motive.
Irgendwo heißt es, dass Verbrecher immer wieder zum Ort ihrer Tat zurückgezogen werden. Vielleicht kehrt Joran aus diesem Grund an die verlassene Tankstelle zurück. Hier änderte sich vor sieben Jahren schlagartig sein Leben, als er und seine beiden Freunde mit einem Tankstellenüberfall einen schnellen Euro machen wollten und die Geschichte ganz fürchterlich eskalierte. Heute wird hier nichts mehr verkauft. Das Gelände ist verlassen, im Verkaufsraum geben sich allenfalls noch Mäuse und Ratten ein Stelldichein und in der Waschstraße, da wird schon lange nichts mehr gewaschen oder gewachst. Aber die alte Tankstelle trägt noch immer ihre Geheimnisse – alte und neue. Da sind zum Beispiel die aus der Vergangenheit, wegen denen Joran zu ihr zurückkehrte. Da sind aber auch noch andere, die ein kleines Mädchen regelmäßig zu ihr bringen und auch die, die die Fotografin Charu auf diesen „lost Place“ aufmerksam gemacht haben.
Willkommen in „Seltsam-Land“
Thomas Knüwer ist vielen vermutlich noch als Autor des gefühlvoll erzählten, mehrfach preisgekrönten Romans „Das Haus in dem Gudelia stirbt“ bekannt. Erzählte er in diesem Roman von einer sterbenden Gegend, spinnt er mit der verlassenen Tankstelle einen neuen Rahmen. Er lässt Joran, der gerade aus der Haft entlassen wurde, die Fotografin Charu, die sich mit besonderen Aufnahmen aus „Lost Places“ langsam einen Namen macht und in einigen, wenigen Kapiteln das Kind Edda als Ich-Erzähler*innen aus ihrem Leben berichten. Sie alle suchen aus verschiedenen Gründen die verlassene Tankstelle auf und ihre Wege werden miteinander verbunden.
Jeder der drei hat dabei auch sein besonderes Schicksal zu tragen und bei diesen Konstruktionen fängt einiges in der Handlung an zu hakeln. Joran beispielsweise hat nach einem bewaffneten Überfall mit Körperverletzung lange im Knast gesessen. Diese Haftstrafe scheint er aber in einem eigenartigen Land verbüßt zu haben, denn anders als in Deutschland üblich, ist er mit damals 19 Jahren nicht unter das Jugendstrafrecht gefallen, eine Aussetzung auf Bewährung scheint es nicht gegeben zu haben und als er endlich draußen ist, da bekommt er keinen Helfer zur Seite gestellt, sondern muss sich allein durchschlagen. Ein eigenartiges Land, in dem sich das so zugetragen hat. Auch Charu ist alles andere als auf Rosen gebettet. Weil ihr mageres Einkommen noch nicht für eine eigene Wohnung reicht, lebt sie derzeit in der Wohnung ihrer Schwester und wird dort von deren Freund sexuell bedrängt und belästigt. Ein klärendes Gespräch unter Schwestern könnte hilfreich sein, vielleicht würde eine staatliche Hilfe auch ein Dach über dem Kopf bieten – aber in „Seltsam-Land“ scheint auch das unmöglich zu sein. „Seltsam-Land“ lässt auch zu, dass die kleine Edda nach dem Tod ihrer Mutter verwahrlost und sich keine staatliche Institution um ihr Schicksal kümmert.
Die Bösen sind böse, weil sie halt böse und gemein sind
Knüwer erzählt mit diesen verlorenen und oft hilflos oder naiv wirkenden Protagonisten seinen neuen Krimi - und immerhin erzählt er den so gut, dass man es schafft, ihn trotz der mehr als befremdlichen Begleitumstände bis zum Ende durchzustehen. Aber ganz einfach ist auch das nicht, sind doch die „Bösewichte“ der Geschichte so böse gezeichnet, dass man ihnen kaum beikommen kann. Da sind der – natürlich – fette, gemeine Marvin, der Joran unbedingt wieder auf die schiefe Bahn zurück reißen will oder auch sein Vater, der ihn aus vollkommen unerklärlichen Gründen zu zusätzlichen Schmerzensgeldzahlungen an das damalige Überfallopfer zwingen will. Im Leben von Charu ist es Maik, der schmierige Freund ihrer Schwester, der mit KO-Tropfen und sexueller Gewalt arbeitet. Die kleine Edda dagegen scheint nur ein Bild der „Luxus-Verwahrlosung“ zu sein. Zwischen ihnen wird dann noch ein Krimi erzählt, aber bei so vielen Störfeuern kommt man mit dem nicht so recht weiter und so richtig glauben mag man ihn auch nicht. Überhaupt nicht glauben mochte ich auch den großen Paukenschlag am Ende des Romans und hier hatte ich fast den Eindruck, dass man sich sagte „Was einmal funktioniert, das klappt auch ein zweiter Mal!“ Das tut es aber nicht.
Fazit
Der giftige Grund der verlassenen Tankstelle – natürlich bietet er einen phantastischen Schauplatz für alte und neue Verbrechen. Trotzdem kann er keine eigene Handlung tragen und wenn so vieles in der Handlung stört, dann mag sich der rechte Lesegenuss leider nicht einstellen.

Thomas Knüwer, Droemer

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