Kanadische Wälder
- Kampa
- Erschienen: Januar 2024
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Bösewicht im Bärenmagen.
In Algonquin Bay, einer Kleinstadt in der kanadischen Provinz Ontario, staunt man über einen ungewöhnlich milden Januar. Ein US-amerikanischer Urlauber bezahlt diese Laune der Natur mit dem Leben; man findet seine von hungrigen, vorzeitig aus dem Winterschlaf erwachten Bären zerfetzte Leiche im Wald. Detective John Cardinal und seine Kollegin Lise Delorme stellen jedoch fest, dass der Pechvogel schon tot war; tatsächlich wurde er ermordet.
Die Polizisten verdächtigen einen Trapper, dem sie Verbindungen zur örtlichen Unterwelt nachsagen. Längst hat die Mafia ihre Tentakel bis nach Kanada ausgestreckt. Der Tote erweist sich zudem als ehemaliges Mitglied der CIA, die vor Jahren unrühmlich mit dem „Canadian Security Intelligence Service“ zusammengearbeitet hat. Dieser CSIS bemüht sich nach Kräften, Cardinal und Delorme in die Irre zu führen. Grund scheint die Vertuschung eines Skandals aus den frühen 1970er Jahren zu sein, als diverse kanadische Separatistengruppen nicht immer gesetzkonform infiltriert sowie zu illegalem Tun provoziert wurden. Cardinal und Delorme lassen es auf einen Konflikt mit den Schlapphüten ankommen.
Dann taucht eine zweite Leiche auf. Wer hat die junge Ärztin Winter Cates ermordet? Gibt es eine Verbindung zwischen beiden Verbrechen? Harte Zeiten brechen vor allem für Cardinal an, den zusätzlich ein dunkles Geheimnis quält: Vor Jahren ließ er bei einer Razzia Geld eines Drogenbosses verschwinden. Inzwischen hat er sein Gewissen erleichtert und es zurückgezahlt. Leider imponiert dies dem ‚Eigentümer‘ wenig. Der wird bald aus dem Gefängnis entlassen und hat bereits seinen Besuch in Algonquin Bay angekündigt ...
Keine Winterpause im hohen Norden
Die Zivilisation hat im Guten wie im Bösen Kanada, das Land der endlosen Wälder und Eisfelder, längst erreicht. Skrupellose politische Blender und ihre Hintermänner nutzen angemaßte Macht zur persönlichen Bereicherung oder um ihnen Unerfreuliches unter den Tisch zu kehren. Seltsame Separatistengruppen führen einen Kampf um die Teilung Kanadas in einen „englischen“ und einen „französischen“ Teilstaat. Der Geheimdienst spioniert nicht mehr den Russen, sondern Terroristen hinterher. Drogenbarone schmuggeln ihre Ware im großen Stil via Kanada. Die Grenze zum Nachbarn USA ist für das organisierte Verbrechen durchlässig geworden. Ausgerechnet die einst so glorreiche „Royal Canadian Mounted Police“ wird von immer neuen Skandalen erschüttert.
Dieses Chaos bildet die vielversprechende Kulisse für das zweite Abenteuer der Detectives Cardinal & Delorme. Seit ihr geistiger Vater Giles Blunt sie (in „Kanadischer Winter“) zum ersten Mal auf Mörderfang schickte, haben sie bzw. er viel gelernt. „Kanadische Wälder“ - den deutschen Un-Titel wollen wir gnädig ignorieren - bietet nicht wirklich Neues. Wir lesen ‚nur‘ einen sauber geplotteten, mit glaubhaften Figuren besetzten Thriller, der sich geschickt des kanadischen Schauplatzes bedient. Kanada ist sowohl amerikanisch als auch britisch und französisch: eine interessante Mischung, die für das Geschehen bedeutsam wird.
Blunt hat als Schriftsteller deutliche Fortschritte gemacht. Kam „Kanadischer Winter“ dem tristen Thema entsprechend bierernst daher, fällt nunmehr ein humorvoller Unterton positiv auf. Blunt verfügt über einen trockenen Humor, den er gut dosiert einsetzt (und der die Übersetzung überstanden hat). Obwohl die Geschichte wiederum recht düster ausfällt, büßt sie ihre Spannung und innere Dramatik dadurch keineswegs ein. Der Autor stellt bizarre Typen, Tücken des Objekts und kuriose Episoden vor, setzt auf originelle Wortspiele und Situationskomik.
Spannung & Schwarzhumor
Die eigentliche Kriminalhandlung wird wie heutzutage krimiüblich ergänzt durch Cardinals Privatprobleme. In „Kanadischer Winter“ machten ihm die psychisch labile Gattin und ein kapriziöses Töchterlein sowie ein schlechtes Gewissen zu schaffen; noch stärker litt freilich der Leser, den diese seifenoperlichen Zwischenmenschlichkeiten bald langweilten. Dieses Mal geht Blunt geschickter vor. Er knüpft an Cardinals keineswegs gelöstes Problem mit unterschlagenem Gangstergeld an und setzt dies plausibel fort, indem er es in das Geschehen integriert: Der bestohlene Schurke will sein Geld zurück und bedroht Cardinal und vor allem dessen Familie.
In Sachen Figurenzeichnung hat Verfasser Blunt einige Veränderungen vorgenommen. Cardinal wird nicht mehr so arg von seinen Seelennöten gepeinigt. Seiner Gattin geht es gut, die Tochter taucht überhaupt nicht auf. Dieses Mal verursacht der störrische Vater die familiären Probleme, doch auch diese Wendung ist Teil der eigentlichen Handlung, denn es ist die behandelnde Ärztin des alten Mannes, die eine der Leichen dieser Geschichte repräsentiert. Ansonsten kann sich Cardinal auf die aktuellen Ermittlungen konzentrieren, was dem Roman sehr zugute kommt.
Lise Delorme verzehrt sich nicht mehr in unausgesprochener Sehnsucht nach ihrem Kollegen. Das Duo tritt hier als Kollegen und Freunde auf - auch dies ist eine uneingeschränkt positiv zu bewertende Blunt-Entscheidung. Delorme präsentiert sich dieses Mal als erfahrene Ermittlerin, die hervorragend mit Cardinal zusammenarbeitet, aber auch im Alleingang tätig wird.
Bunte Figuren in monochromer Landschaft
Um die beiden Hauptpersonen gruppieren sich Kollegen, Konkurrenten, Verdächtige und Opfer. Es ist erstaunlich, welche Dynamik Blunt den genretypischen Kompetenzstreitigkeiten, Verhören oder Laborgesprächen abgewinnen kann. Man kennt solche Szenen, aber hier lesen sie sich trotzdem frisch und flott. Außerdem ist Blunt souverän genug geworden, die Darstellerschar durch echte Originale zu bereichern. Ausgerechnet Wudky, „der Welt dümmster Krimineller“, liefert den entscheidenden Tipp, der die Handlung erst in Gang setzt. Ein skurriler Trapper im bodenlangen Pelzmantel entpuppt sich als örtlicher Vollstrecker eines Mafiabosses, der sich nur schriftlich verständigen kann, weil ihm nach exzessivem Zigarrengenuss der Kehlkopf entfernt wurde. Ehemalige Terroristen leiten einen Kinderhort.
Die Kette solcher und anderer Einfälle ist erfreulich viel länger, auch sie fügen sich nahtlos in die Story ein. Ein ungewöhnliches Finale, das mit sattsam bekannten Klischees spielt, um sie dann sämtlich zu ignorieren, vollendet den Eindruck eines gelungenen Thrillers. Auf den nächsten Fall von Cardinal & Delorme darf man sich freuen; insgesamt werden noch vier Bände folgen, bevor Blunt die Reihe 2012 beendete.
Dass Algonquin Bay so dreidimensional wirkt, liegt auch daran, dass der Ort in gewisser Weise tatsächlich existiert: Autor Blunt verbrachte seine Jugend in der kanadischen Provinz Ontario und dort in der Kleinstadt North Bay, die zum Vorbild für die Stadt wurde, in der und um die herum unsere beiden Polizisten ermitteln. Die gelungene Mischung aus Krimi und ‚Realalltag‘ erinnert daran, dass Blunt seine Karriere als Drehbuchautor begann, der u. a. Scripts für die erfolgreiche TV-Serie „Law & Order“ schrieb.
Fazit
Der zweite Band der Cardinal-Delorme-Serie gelang besser als sein Vorgänger. Die Handlung ist straff, der Plot komplexer, die Figuren wirken plastisch. Auffällig ist ein trockener Humor, der das Geschehen auflockert, ohne aufdringlich zu wirken: ein durchweg lesenswertes Krimivergnügen.

Giles Blunt, Kampa

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