Hörst du den Schrei? (Ein Fall für Podcaster Markus Heger 1)
- Blanvalet
- Erschienen: Januar 2026
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Ein Podcaster auf Mörderjagd.
Die idyllische norwegische Kleinstadt Fagernes in Mitten des Valdres hat vor 15 Jahren ihre Unschuld verloren. Am 20. Oktober 2008 verschwand dort ein junges Mädchen auf dem Weg zur Schule. Bis heute weiß niemand, was mit der kleinen Leah geschah. Ihr Vater Tobias, der getrennt von der Familie lebte, wurde seiner Zeit aufgrund von Indizien und vor allem der Aussage eines Bekannten zu 17 Jahren Haft verurteilt. Vor einem Jahr nahm sich der Beschuldigte im Gefängnis das Leben. Durch eine alte Podcast-Folge, die sich damals mit dem Verbrechen beschäftigte, stößt die junge Journalistin Mathilde nun erneut auf den Fall. Voller Neugierde stürzt sie sich in die Recherche und nimmt sogar Kontakt mit dem 35-jährigen Podcaster Markus Heger auf, der einst über den Kriminalfall berichtete. Heger ist aber vom Eifer der Journalistin genervt und antwortet schon bald nicht mehr auf deren Fragen.
Doch eines Abends muss er erfahren, dass Mathilde in einem Wandergebiet tot aufgefunden wurde. Wollte jemand die Journalistin zum Schweigen bringen? Markus’ Interesse ist geweckt und der Podcaster begibt sich auch mit Hilfe seiner Zuhörer auf Spurensuche. Je mehr er in den alten Fall eintaucht, desto überzeugter ist er davon, dass damals der Falsche verurteilt wurde und dass Mathilde etwas herausfand, was niemand erfahren durfte.
Erfolgreiches Autorenduo
Die beiden norwegischen Autoren Jørn Lier Horst und Jan-Erik Fjell sind für Krimiliebhaber keine Unbekannten. Besonders der ehemalige Ermittler Lier Horst ist mit seiner Wisting-Reihe, für die er zahlreiche Preise gewann, seit über zwanzig Jahren erfolgreich. Fjell, der immer noch als Radiomoderator tätig ist, erlangte ab 2023 vor allem mit dem sechsten Band seiner Anton-Brekke-Reihe, „Nachtjagd“, hierzulande Bekanntheit. Nun erscheint bei Blanvalet der erste gemeinsame Kriminalroman „Hörst du den Schrei?“ über den Podcaster Markus Heger. Für Jørn Lier Horst ist dies nach der Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Thomas Enger (Blix-Ramm-Reihe) bereits das zweite Mal, dass er gemeinsam an einer Reihe schreibt. Mit „Spürst du die Angst?“ ist für Januar 2027 bereits der zweite Band angekündigt. Wer nicht so lange warten kann: Bereits im März dieses Jahres erscheint bei Blanvalet mit „Blutregen“ der sechste Band der Blix-Ramm-Reihe.
Podcaster als Ermittler
Man merkt dem Roman an, dass hier zwei Autoren schreiben, die ihr Handwerk verstehen. Besonders der Schlussteil weiß mit gleich mehreren Wendungen zu überzeugen, auch wenn die Aufdeckung des Täters nicht jeden Leser überraschen wird.
Man benötigt auch etwas Zeit, um sich in der Figurenkonstellation zurecht zu finden, da zunächst nicht eindeutig zu erkennen ist, wer Haupt- und wer Nebenfigur ist. Letztendlich dreht sich alles um zwei Figuren: den Krimi-Podcaster Markus Heger und seinen Vater Frank Drage. Letzterer sitzt mit einer kurzen Ausnahme seit Markus` Kindheit unter anderem wegen eines Dreifachmordes im Gefängnis. Deswegen haben beide ein durchaus schwieriges Verhältnis zueinander. Erst jetzt - nach dem Tod seiner Mutter - kann Markus wieder Kontakt zu seinem Vater aufnehmen. Drages Einfluss sowohl innerhalb als auch außerhalb der Gefängnismauern ist groß, so dass er Markus auch mit der ein oder anderen Information versorgen kann. Die Darstellung des in sich ruhenden, aber gleichzeitig Kontrolle und Macht ausstrahlenden Drages, der Markus gegenüber als liebender Vater auftritt, ist ein Gewinn für den Roman.
Markus Heger selber geht keiner geregelten Arbeit nach und lebt in einem Wohnmobil. Die Zeit verbringt er mit seinem Podcast „Crimecast“, bei dem er über ungeklärte Fälle in Norwegen berichtet. Seine Ausbildung bei der Polizeischule musste er wegen einer gewalttätigen Entgleisung abbrechen. Zusätzlich leidet Heger seit seiner Zeit beim Militär unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Aber erst jetzt sucht er auf Drängen eines Freundes eine Psychologin auf. Insgesamt wirkt die Figur etwas „überladen“ und in ihrem Auftreten nicht immer authentisch. Dies liegt auch daran, dass Heger im Laufe der Handlung bei der Suche nach Leah großen Einfluss auf die Tätigkeit der Polizei ausübt, was in keiner Weise glaubwürdig erscheint. Heger ist kein klassischer Ermittlertyp. Podcaster auf Tätersuche: Das kann man mögen, muss man aber nicht. Um an Hintergrundinformationen oder Ermittlungsergebnisse zu gelangen, benötigt er neben seinem Vater auch die Freundschaft zu einem Polizisten.
Ungewöhnlicher Erzählstil
Vielleicht ist es eine Generationsfrage, aber die Erzählweise des Romans wirkt immer dann störend, ja regelrecht als Fremdkörper, wenn Markus Heger als Podcaster live darüber berichtet, was er gerade erlebt. Es entstehen dann oftmals kaum enden wollende Passagen mit völlig sinnentleerten Aussagen wie:
„An der Rezeption hat man mir gesagt, dass ich ein paar Minuten warten muss, und mir eine eiskalte Cola angeboten. Ich habe mich in die Lounge vor den Kamin mit den geschnitzten Verzierungen gesetzt.“ (S. 304)
Abgesehen von diesen viel zu langatmigen und unwichtigen Beschreibungen und Erklärungen des Podcasters, die anscheinend Authentizität vermitteln sollen, weiß der Erzählstil aber insgesamt durchaus zu gefallen. Dies liegt vor allem daran, dass die Perspektiven und Erzählebenen häufiger wechseln. Interessant ist ebenfalls, dass sich Hörer des Podcasts mit Hinweisen melden, die den Fall weiterbringen. Lier Horst und Fjell verbinden des Weiteren geschickt die Elemente eines Cold Case mit denen eines True Crime. Auch kann man bereits jetzt erahnen, dass Frank Drage, die Frage nach seiner Schuld und die komplizierte Beziehung zu seinem Sohn für die nächsten Bände noch eine wichtige Rolle spielen werden.
Fazit
Immer mehr Autoren suchen sich ungewöhnliche Ermittler und nutzen weniger den Kommissar als klassische Figur. Selbst Jørn Lier Horst, der mit William Wisting den Prototypen des skandinavisch-unterkühlten Ermittlers erschaffen hat, wagt sich nun mit seinem Kollegen Jan-Erik Fjell auf unbekanntes Terrain. Das Ergebnis ist insgesamt gelungen, lässt aber Luft nach oben, insbesondere was die Darstellung der Hauptfigur betrifft.

Jørn Lier Horst, Jan-Erik Fjell, Blanvalet

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