Die blaue Stunde

  • dtv
  • Erschienen: Januar 2025
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Michael Drewniok
75°1001

Krimi-Couch Rezension vonNov 2025

Der Zorn der grauen Maus.

Vor einigen Jahren starb die berühmte Malerin und Skulpteurin Vanessa Chapman an einer schweren Krankheit. Kunstwerke, Skizzen und Aufzeichnungen hat sie der Fairburn-Stiftung vermacht. Zu ihrer Testamentsvollstreckerin ernannte Chapman ihre langjährige Freundin und Mitbewohnerin Grace Haswell. Diese rückt nur zögerlich mit dem Nachlass heraus; Sebastian Fairburn, der die Stiftung leitet, argwöhnt sogar, dass Grace diverse Gemälde und Keramiken unterschlagen hat.

Man streitet immer noch, als die Angelegenheit eine makabre Wendung nimmt: Ein medizinisch geschulter Kunstfreund stellt fest, dass Chapman für eine ihrer Installationen einen menschlichen Knochen verwendet hat. Die Frage nach der Herkunft wird erst recht spannend angesichts der Tatsache, dass viele Jahre zuvor Julian Chapman, Vanessas Ehemann, spurlos verschwunden ist. Das Paar stritt intensiv um Geld, außerdem war man einander untreu. Doch die Polizei konnte der Witwe nie etwas nachweisen.

Trug der Gatte unfreiwillig zum genannten Kunstwerk bei? In der Fairburn-Stiftung will man auf Nummer Sicher gehen. Kurator James Beck macht sich auf den Weg zur Meeresküste, wo Grace nach dem Tod der Freundin deren Haus auf Eris Island bewohnt. Ein schmaler, nur bei Ebbe gang- oder befahrbarer Weg verbindet die Halbinsel mit dem Festland. Bisher bot diese Unzugänglichkeit Sicherheit vor neugierigen Zeitgenossen, die Näheres über Vanessa Chapman und ihre Kunstwerke erfahren wollten. Tatsächlich gibt es sogar mehrere Geheimnisse, die Grace gern als solche bewahren würde ...

Vom Rühren im Schlamm

Womit jenseits jedes Spoilers das erfahrenen Krimi-Publikum bereits weiß, in welche Richtung dieser Hase laufen wird; dies wird sich leider bestätigen. Immerhin sorgt die Autorin dank eines gefälligen Stils und einer geschickten Aufbereitung der Vorgeschichte dennoch für Lesbarkeit. Dass die Geschichte primär an der Meeresküste spielt, mag als Aufhänger für eine Flut ausführlicher Rückblenden dienen, die uns aus der Handlungsgegenwart dorthin werfen, wo sich die Lebenswege der Protagonisten dramatisch bis mörderisch miteinander verstrickten.

Schon die Ausgangssituation ist klassisch: Einst wurde ein Verbrechen begangen, das dank geschickter Vertuschung seitens des Täters und eines zunächst gnädigen Schicksals nie als solches entdeckt wurde. Der Zufall sorgt Jahre später dafür, dass unerwünscht Licht dorthin zu fallen droht, wo das Gesetz mit Fug und Recht aufmerksam würde.

Die Konsequenz ist diese eine Gegenmaßnahme, die jene Kette von Reaktionen in Gang setzt, welche mehr und mehr ahnungslose Pechvögel in ihren Bann und dann in den Abgrund reißt. Hierin liegt die zentrale Qualität einer so strukturierten Geschichte: Warum geschieht, womit niemand (mehr) gerechnet hat? Wie kam es überhaupt zu dieser Krise? Welche verzweifelten Gegenmaßnahmen lassen die Situation erst recht eskalieren?

Glück ist nur eine Theorie

Paula Hawkins legt ihren Roman weniger als Krimi an. Sie sucht den Psychothriller, weshalb sie u. a. eine dauerdüstere Stimmung über die Ereignisse legt: Verborgene Schuld lastet auf diese Weise auch meteorologisch sinnbildlich über dem Schauplatz, der zusätzlich auf einer (Halb-) Insel liegt, die zweimal täglich durch die Flut vom Festland getrennt ist. Selbstverständlich funktionieren Telefon, Handy und Internet nur lückenhaft; vor allem in krisenhaften Situationen fällt die Technik zuverlässig aus und wirft die auf Eris eingeschlossenen Figuren auf sich zurück - die ideale Möglichkeit, das Feuer unter dem Gefühlskessel zu schüren, bis der Deckel abgesprengt wird = sich unterdrückte Geheimnisse mit körperverletzenden Folgen enthüllen.

Man kann die geradezu offensive Insellage als aufdringlich werten, doch sollte man nicht zu streng urteilen; schließlich sind Krimis in abseits gelegenen Landhäusern stets besonders spannend, obwohl diese Kulisse nicht einmal mehr das Prädikat „stereotyp“ verdient. Hawkins unterstreicht die Symbolträchtigkeit mit den Aktivitäten einer Künstlerin, die ihr Leben und dessen zahlreichen Krisen in ihren Gemälden und Skulpturen verarbeitet. Dies geschieht natürlich in persönlich-verschlüsselter Form, weshalb hier Kunstkenner Beck ausgiebig grübeln muss, bis sich ihm die Geheimnisse des Chapman-Werkes enthüllen.

Ohne Hilfe kommt er freilich nicht allzu weit. „Die blaue Stunde“ erzählt auch von der Konfrontation eines von den „Schönen Künsten“ allzu gefesselten, aber nur bedingt alltagstauglichen Mannes, der an einer verschlossene, unglückliche, aber auch kluge und potenziell gefährliche Frau gerät. Wo Beck die Form wahren möchte, ist Grace nicht wild, sondern planmäßig entschlossen, ihre Version der Vergangenheit aufrecht zu erhalten. Diese von Beck in seiner Intensität zu spät erkannte Willenskraft enthüllt die Autorin Stück für Stück, bis wir Leser - ein wenig früher als Beck - wissen, was tatsächlich geschehen ist.

Sand in die Leseraugen streuen

Hawkins wartet so lange wie möglich, bis sie die Katze aus dem Sack lässt. Dies ist ein Instrument der Spannungssteigerung, und erfreulicherweise spannt die Autorin den Geduldsfaden nicht gar zu sehr, bevor an seinem Ende die Wahrheit ins Licht gezogen wird. Bis es soweit ist, nutzt sie sämtliche Mittel, um ihre Leser zu verwirren. Immer wieder tun sich scheinbar neue Wege zu einer Erklärung auf, die sich dann doch als Irrtum und Sackgasse entpuppen.

Um diese Unsicherheit zu steigern, verquickt Hawkins die eigentliche Story ausgiebig mit den persönlichen Problemen der männlichen Hauptfigur. Beck ist kein sympathischer Mann; persönlich unsicher, einerseits vertrauensselig, andererseits misstrauisch und eifersüchtig. Er lässt sich vorführen - nicht nur von Grace, sondern auch von seinem adligen Chef und ‚Freund‘, dem er die Braut ausgespannt hat, und von dessen Mutter, die ihn, den ‚Emporkömmling‘, hasst. Grace wiederum war nie Teil der bunten, lebenslustigen Szene um Vanessa Chapman, sondern nur in Notsituationen willkommen, ansonsten aber ausgeschlossen oder sogar verlacht.

Dies ist wie eingangs erwähnt keine neue und originelle Konstellation. Paula Hawkins stöhnt unter einer Last, die ihr unfreiwillig aufgebürdet wurde: Nachdem sie mehrere Romane (zum Teil unter Pseudonym) veröffentlicht hatte, gelang ihr 2015 mit „The Girl on the Train“ ein Weltbestseller, dessen Erfolg durch die bald erfolgte Verfilmung noch gesteigert wurde. Hawkins stieß zu jenem legendären, sich jeglicher Planung strikt entziehenden (Zeit-) Punkt vor, an dem Kritik und Leserschaft sich positiv über ein Werk einig sind. Wie alle, denen das gelang, jagt auch Hawkins seither diesem Erfolg hinterher. „The Girl on the Train“ ist ein solider, aber kein elementar genialer Thriller. Dies gilt auch für die seither erschienenen Romane - und damit für „Die blaue Stunde“.

Fazit

Solider Thriller auf der Basis eines genreüblichen Plots; inhaltlich sauber entwickelt und formal angenehm lesbar, aber in der Auflösung nicht wirklich überraschend, sondern recht schematisch: Entgegen der Behauptung auf dem rückwärtigen Cover setzt dieser Roman keineswegs „neue Maßstäbe in der Spannungsliteratur“.

Die blaue Stunde

Paula Hawkins, dtv

Die blaue Stunde

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