Der Tote im Kamin (Ein Fall für Inspector Frank Grasby 1)
- DuMont
- Erschienen: September 2025
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Trübbraunes Getümmel in schneeweißer Idylle.
Im Dezember des Jahres 1952 ist Detective Inspector Frank Grasby von der Kriminalpolizei York bei Superintendent Arthur Juggers, seinem Vorgesetzten, denkbar schlecht angesehen: Dank seiner typischen Ungeschicklichkeit sind im Rahmen einer Polizeiaktion wertvolle Pferde eines lokalen Adligen ausgebrochen.
Bis Gras über die Sache gewachsen ist (und Juggers sich beruhigt hat), muss Grasby Dienst in Elderby, einem abgeschiedenen Dorf in den North York Moors, schieben. Dort werden seit einiger Zeit gezielt Höfe und Landhäuser von Dieben heimgesucht. Da es auch den reizbaren Lord Damnish getroffen hat, wurde mit Grasby ein Inspector geschickt, um sich der Sache anzunehmen.
Dass der Fortschritt bisher um Elderby einen Bogen gemacht hat, zeigt bereits die örtliche Polizeistation. Dort hält Sergeant Elphinstone Bleakly ein zeitweise waches Auge auf die Einhaltung von Gesetz und Ordnung. Zwei unschlüssig am Fuß der Evolutionsleiter verharrende Constables ‚unterstützen‘ ihn. Ungewöhnlich ist immerhin die Anwesenheit der hübschen Daisy „Deedee“ Dean aus den USA, die im fernen England ein Praktikum bei der Polizei macht.
Schon ein erster Besuch bei Lord Damish sorgt für Verdruss, weil der hilfsbereite Grasby einen schlecht ziehenden Kamin bemerkt, aus dem er als Ursache des Problems eine dort versteckte Leiche zieht. Kurz darauf liegt Dr. Frank Starr, ein anglophiler Amerikaner, erschlagen auf dem Friedhof. Das ist nur der Auftakt zu einer ganzen Kette von Ereignissen, die Elderby als geheime Stätte schändlichen Landesverrats brandmarken und Grasby immer wieder in Lebensgefahr bringen ...
Modernisierte Krimi-Nostalgie
Es gab nie genug englische Rätsel- und Kuschelkrimis. Auch im 21. Jahrhundert zieht man den ‚reinen‘ Stoff vor - oder das, was dafür gehalten bzw. überzeugend genug nachgeahmt wird. Die unverzichtbaren Bestandteile eines Whodunits sind: die Isolation des Tat- und Ermittlungsorts, was auch durch Hochwasser oder exzessiven Schneefall gewährleistet sein kann; die Anwesenheit einer sozial und charakterlich gut durchgemischten Gruppe, deren scheinbare (oder scheinheilige) Eintracht sich unter Druck in Nichts auflöst und durch Verdachtsmomente ersetzt wird; ein individualistischer Detektiv oder Polizist, der wider alle Irrtümer und Sackgassen sämtliche Schurkenstreiche entwirrt.
Geistvolle Bonmots, literarische Anspielungen und offensive Kauzigkeit sind weitere Ingredienzien, die dabei helfen, den Mord in die sprichwörtliche „schöne Kunst“ zu verwandeln, sowie die schnöde Alltagsrealität auszublenden. Für einige Lektürestunden verliert man sich gern in einem Mikrokosmos, dessen Bewohner elektronenähnlich um einen Kern kreisen, den ein unterhaltsam gestaltetes (s. o.) Verbrechen bildet.
Will man diese besondere Atmosphäre aufleben lassen, steht man vor einem Generalproblem: Die heraufbeschworene Vergangenheit ist - vergangen, die Präsenz auch vor vielen Jahrzehnten entstandener Krimis nicht nur dem Talent der Autoren zu verdanken, sondern auch aus der einstigen Gegenwart der Handlung resultierend. Selbst der historische Laie hat ein Gespür für Anachronismen, deren Erkennen der Illusion ein Ende bereiten kann. Die vom Publikum gewünschte Nostalgie ist eine künstlich schwer zu manifestierende Kunst.
Aus der Not eine Tugend machen
Denzil Meyrick beschreitet mit dem ersten Band seiner historisierenden Krimi-Serie um den Polizisten Frank Grasby einen anderen Weg. Er leugnet von Anfang an die Tatsache nicht, dass „Der Tote im Kamin“ ein Werk des 21. Jahrhunderts ist und die Bezüge auf die klassischen Vorlagen gewollt sind. Der Autor, der ab 2012 meist zwei Kriminalromane pro Jahr veröffentlichte, verfügte über die handwerklichen Routinen, die seinen Werken Erfolg bescherten; hinzu kamen persönliche Erfahrungen: In den 1980er Jahren war Meyrick selbst knapp fünf Jahre im Dienst der Polizei (Strathclyde) aktiv. Bekannt wurde er ab 2012 mit zwölf Romanen um den schottischen Polizisten Jim Daley. Sicherlich hätte Meyrick auch die Grasby-Serie über den dritten Band hinaus fortgesetzt, wäre er nicht im Februar 2025 im Alter von nur 59 Jahren an den Folgen einer entzündlichen Arthritis (Morbus Bechterew) verstorben.
Die Basis wird gelegt: Angeblich hat Grasby eine Art Falltagebuch geführt, aus dem Meyrick stellvertretend zitiert - ein Dreh, der u. a. auf Arthur Conan Doyle zurückgeht, der sich für seine Sherlock-Holmes-Abenteuer aus Dr. Watsons mit Manuskripten gefüllter Truhe bedient haben will. Grasbys erster Fall spielt im Jahre 1952. In England kämpft man mit Lebensmittelrationierungen, niedrigen Löhnen und steigenden Preisen. Anders als die meisten zeitgenössischen Whodunit-Autoren blendet Meyrick den Krieg ausdrücklich nicht aus. Grasby hat als Soldat gedient. Die Protagonisten leiden nach der Heimkehr unter psychischen Belastungsstörungen. Die auch politisch gefährliche Schwebe dieser Jahre wird zum Dreh- und Angelpunkt des Plots, den Grasby im Rahmen einer typischen „Cozy“-Handlung entwickelt und dann zu einer turbulenten, aber - dazu weiter unten Näheres - keineswegs plausiblen oder wenigstens plausibel wirkenden Auflösung führt.
Ansonsten schlägt sich Meyrick wacker. Das übliche Panoptikum seltsamer Figuren ist garantiert. Da haben wir Grasbys unkonventionellen Vater: den Reverend Cecil Grasby, der mit der gesamten anglikanischen Kirche sowie dem Königshaus über Kreuz liegt, Mrs. Gaunt, die skurrile Vermieterin, der ein lebendiger Rabe auf der Schulter sitzt, Sergeant Bleakly, der mit narkoleptischen Schlafattacken kämpft, arrogant verpeilte Adlige, den infantilen Dorfpfarrer und selbstverständlich den bärbeißigen, stets unzufriedenen Vorgesetzten.
Ein ‚Held‘ im Exil
Dazu gesellt sich Frank Grasby selbst, der nur scheinbar ein simpel gestrickter Charakter ist. Zwar tappt er gutgläubig gern in Fallen aller Art, aber er ist hartnäckig und nachweislich intelligent: Die einst hohe Stellung seines Vaters sicherte ihm einen Platz in einer Eliteschule. Für eine erfolgreiche Laufbahn fehlen Grasby allerdings Ehrgeiz und Ellenbogen. Darüber hinaus legt ihm Autor Meyrick ein notorisches Ungeschick im Umgang mit Respektspersonen auf, die freilich nur eingeschränkt respekttauglich geschildert werden.
Auch eine Frau ist mit von der Partie. Dies war schon in der Whodunit-Klassik ein Muss, um Leserinnen zur Lektüre zu locken. Ob Meyrick die Charakterzüge der weiblichen Figuren personenübergreifend mit Absicht überzeichnet, muss Vermutung bleiben, denn vor allem im letzten Drittel wirft der Autor überhaupt die „Cozy“-Glocke ab. Darunter kommt eine Art Verschwörungsthriller zum Vorschein, der die bisher locker inszenierte Mordmärchenhaftigkeit Lügen straft.
Das Auftreten alter und neuer Klischee-„Nazis“ lässt womöglich die englische Leserschaft unbeeindruckt. Hierzulande bereitet die unbekümmerte Instrumentalisierung allzu realer Verbrecher zumindest ein leichtes Unbehagen; es zeigt sich, dass die erwähnte Realitätsferne des Rätselkrimis ihre Grenzen hat. Dass der bisherige Tenor mit einem tragischen Unterton sowie diversen drastischen Gewalttätigkeiten ‚bereichert‘ wird, beschert dem Gesamtgeschehen einen lautstarken Missklang. Dem stehen manches zündende Wortspiel und diverse gelungen-groteske Episoden gegenüber. Noch hat Meyrick die Balance nicht gefunden, aber es bleiben zwei weitere Grasby-Krimis, die man durchaus gern lesen möchte.
Fazit
Erster Band einer Serie im Stil klassischer englischer Rätselkrimis. Formal gibt es kaum etwas zu beanstanden, während es inhaltlich vor allem in der Auflösung hakt: dennoch ein Lichtblick im trüben Meer aufdringlich ‚historischer‘ Kriminalgarne.

Denzil Meyrick, DuMont

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