The Puppet Master (Major Crimes Unit 2)
- dtv
- Erschienen: Dezember 2025
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Leichen pflastern den (Ermittlungs-)Weg.
Der Anruf ging um halb sechs ein. Wahrscheinlich eine „Kategorie 2“: ein brutaler, unnatürlicher Tod am Bahnhof Southampton Airport Parkway. Normalerweise würde ein Unfall auf den Gleisen in die Zuständigkeit der British Transport Police fallen. Doch DCI Cara Elliott wird gerufen, um den mutmaßlichen Selbstmord eines Mannes zu untersuchen, der bei voller Fahrt von einem Zug erfasst wurde. Cara spürt, dass etwas nicht stimmt, denn das Opfer litt unter Agoraphobie. Kein Mann mit einer derart schweren Angststörung vor öffentlichen Plätzen würde ausgerechnet zur Rushhour einen Bahnhof aufsuchen. Als sich die Suizide binnen weniger Tage häufen, ahnen Elliott und ihr Team, dass jemand anderes seine Opfer in den Tod treibt. Um den Täter zu finden, holt die Major Crimes Unit auch Caras Bruder Nate Griffin zurück ins Team, der sich nach dem letzten Fall zurückgezogen hat. Doch das Ermittlerteam muss zusehen, wie immer mehr Menschen sterben, weil der „Puppenspieler“ die Fäden fest in seiner Hand hält.
Band 3 der Major Crimes Unit
Nachdem Ende 2024 der zweite Band der „Major Crimes Unit“-Reihe der englischen Autorin Sam Holland im dtv erschien, veröffentlicht der Verlag nun den dritten Band „Puppet Master“. Warum Hollands Debüt „The Echo Man“ (2022), das Leser und Kritiker in Großbritannien gleichermaßen lobten, noch nicht ins Deutsche übersetzt und herausgebracht wurde, wird seine Gründe haben. Zumindest kündigt der dtv nun die Veröffentlichung des ersten Falls der Major Crimes Unit für Herbst 2026 an. Dennoch ist das verspätete Erscheinen mehr als ärgerlich, da im dritten Band nicht nur - wie bereits im zweiten Roman - Bezug auf den ersten Teil genommen wird, sondern auch dessen Täter verraten wird! Ein Grund mehr, um vielleicht bis zum nächsten Jahr zu warten und die Romane in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Gleichzeitig erschließt sich vieles im dritten Roman auch erst durch die Lektüre der Vorgängerbände. Im Sommer 2025 erschien in Großbritannien bereits der vierte Band, „The Countdown Killer“, der den Abschluss der Tetralogie darstellt.
Überfordertes Ermittlerteam
Während Band 2, „The Twenty“ ein packender, extrem spannender und unterhaltsamer Psychothriller war, der auch durchaus die Grenzen des Ertragbaren austestete, wirkt der aktuelle Band uninspiriert und in vielerlei Hinsicht enttäuschend. Der Roman ist eine Verkettung unlogischer, oft nicht nachvollziehbarer Handlungen und Entscheidungen des Ermittlerteams, dessen Existenz man durchaus in Frage stellen kann. Denn die Major Crimes Unit besteht mittlerweile zum größten Teil aus schwer traumatisierten und eigentlich nicht arbeitsfähigen Ermittlern, denen der letzte Fall psychisch wie physisch extrem zugesetzt hat. Während ein Ermittler selbst mit Selbstmordgedanken spielt, Griffin den Geistern aus seiner Vergangenheit nachjagt und Cara dem Scheitern ihrer Ehe und dem Verlust der Kinder in gleichgültiger Weise gegenübersteht, gibt es keinen einzigen Protagonisten, der als einfacher Durchschnittsermittler gelten könnte. Es fehlt ein Regulativ bzw. ein Protagonist, der trotz aller Probleme das Team zusammenhält.
Spekulation statt Beweise
Schwächen gibt es neben der Darstellung der Figuren auch beim Plot. Zunächst weist überhaupt nichts darauf hin, dass das erste Opfer nicht Selbstmord begangen haben sollte, auch wenn dies aufgrund der Erkrankung seltsam erscheinen mag. Es gibt für die Unit damit keinen Grund zu ermitteln. Nachdem man sich irgendwann eine einigermaßen plausibel erscheinende Kausalkette konstruiert hat und alle loslegen können, werden wiederholt einfache Ermittlungsfehler gemacht, die treuen Derrick-Zuschauern nicht unterlaufen wären. Währenddessen sterben nicht weniger als acht Personen, es wird ein Profil des Täters erstellt und ein Analyst hinzugezogen - und die Lösung ist am Ende derart einfach, dass sich die Unit zumindest vier Opfer selbst ankreiden muss.
Schwere Kost
Der Plot ist durchaus kurzweilig geschrieben und unterhält trotz der genannten Schwächen doch einigermaßen. Allerdings packt die Story den Leser nicht wirklich, da man dem Täter lange Zeit nicht näher kommt. Dies hat weniger mit dessen Cleverness als vielmehr mit der Unfähigkeit des Ermittlerteams zu tun. Um die Spannung dann doch etwas zu „heben“, werden Darstellungen der Selbstmorde bis zum Exzess und in detaillierter Form vollkommen sinnfrei, brutal und ekelerregend dargestellt. Dabei kann sich jeder Leser denken, was bei einem Sprung vor den Zug, einem Kontakt mit einer Schiffsschraube, einem Gewehrschuss in den Mund oder einer bestialischen Vergewaltigung mit dem menschlichen Körper geschieht. Dies zu lesen ist fernab jeglicher Spannung und einfach nur abstoßend. Zumindest ufern diese Passagen nicht aus.
War das Verhalten des Serientäters im Vorgängerband zumindest nachvollziehbar und dessen Motiv greifbar, da ein sehr differenziertes Bild von ihm gezeichnet wurde, muss man bei der Auflösung im aktuellen Band mehrfach nach dem „Sinn“ fragen. Wirklich nachvollziehbar sind seine Taten nicht.
Fazit
„The Twenty“ konnte man durchaus Fans von Chris Carter oder Cody McFadyen empfehlen, auch wenn dies nicht jedermanns Geschmack ist. Der aktuelle Band erreicht aber leider nicht annähernd dieses Niveau. Bleibt nur zu hoffen, dass mit dem letzten Roman der Reihe ein vernünftiger Abschluss gefunden wird. Zumindest verweist der Schluss stark auf den ersten Band der Reihe, so dass sich der Kreis am Ende schließen sollte.

Sam Holland, dtv


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