Minnesota
- Ullstein
- Erschienen: Januar 2026
- 15


Jo Nesbø bleibt sich treu - und wagt dennoch Neues.
Minneapolis, 2016: Bereits seit 7 Uhr sitzt er mit einem Gewehr auf seinem Posten in der 7. Etage eines Wohngebäudes, um sein potentielles Opfern nicht zu verpassen. Sein Ziel: der Waffendealer Dante, bei dem er die Tatwaffe wenige Tage zuvor gekauft hat. 330 Yards, zu weit für einen sicher Kopftreffer. Daher entscheidet er sich für einen Schuss auf den Körper. Als das Opfer die Haustür in Block 3 öffnet, drückt er ab. Nummer 1 auf seiner Liste kann er streichen. Doch Dante überlebt den Anschlag.
Der psychisch angeschlagene Detective Bob Oz vom Morddezernat übernimmt zunächst den Fall. Sein Markenzeichen: ein senfgelber Kaschmirmantel, den er stets trägt. Doch Oz wird schon bald wieder vom Fall abgezogen. Zum einen haben es die Beamten nicht mit einem Mordfall zu tun, zum anderen wird der Ermittler aufgrund einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit einem gehörnten Ehemann suspendiert. Kein Grund für Oz, die Suche nach dem Täter einzustellen. Denn nur die Ermittlungsarbeit lässt ihn für einige Stunden seine Dämonen vergessen. Schon bald versetzt der Täter die Stadt zunehmend in Angst, als weitere Opfer zu beklagen sind. Hauptverdächtiger ist Tomás Gomez, ein ehemaliges Clanmitglied, das mit einer Familientragödie zu kämpfen hat. Der mutmaßliche Täter ist der Polizei stets einen Schritt voraus, trickst Kameras aus, hinterlässt falsche Spuren. Anscheinend ist Oz der Einzige, der das wahre Motiv des Täters durchschaut. Zwischen beiden entwickelt sich ein wahres Katz-und-Maus-Spiel.
Rückkehr und Wagnis
Über Autor Jo Nesbø muss man nicht mehr viele Worte verlieren. Der Norweger gehört zu den meistverkauften Krimiautoren der Welt, seine Bücher werden in 50 Sprachen veröffentlicht und weltweit millionenfach verkauft. Bekanntheit erlangte er vor allem durch seine Romane um den eigenwilligen Ermittler Harry Hole vom Osloer Dezernat für Gewaltverbrechen. 2022 erschien mit „Blutmond“ der 13. Band der Reihe. Mit „Das Nachthaus“ (2023) sowie „Der König“ (2024) veröffentlichten die Ullstein Buchverlage zuletzt zwei Standalones, bei denen Nesbø in seiner Erzählweise durchaus experimentierte.
Nun kehrt der norwegische Autor mit „Minnesota“ zu seinen Wurzeln zurück, auch wenn er mit dem aktuellen Roman zunächst einen ungewöhnlichen Schritt wagt: Er verlässt die vertrauten Gefilde des Nordic Noir und verlegt seine Geschichte in die Weite des amerikanischen Mittleren Westens. Aber sein Protagonist Bob Oz erinnert in vielerlei Hinsicht an sein „Vorbild“ Harry Hole: Beide sind Antihelden mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und klaren moralischen Vorstellungen - und beide sind traumatisiert. Oz ist seit dem Unfalltod seiner dreijährigen Tochter nicht mehr derselbe. Seine Frau Alice hat ihn verlassen, Freunde ziehen sich zurück. Seinen Kummer und seine Aggression ertränkt er gerne schon morgens im Alkohol.
Hole versus Oz
Oz ist somit der Archetyp des gebrochenen, trauernden Ermittlers. Rettung findet er in seinem Job, dem letzten Anker in seinem Leben. Denn dort arbeitet er fokussiert und klar. Dass Oz, der norwegische Wurzel besitzt, emotional labil ist, hilft ihm unverhofft bei der Suche nach dem Täter. Der Detective ist eine Figur, die durch Schuld, Verdrängung und moralische Ambivalenz geprägt wird. Dennoch zeichnet sich Oz auch als großartiger Ermittler aus. Dank seines guten Spürsinns ist er vor allem für seine junge Kollegin Kay Myers eigentlich unverzichtbar, obwohl Oz eher ein Einzelkämpfer ist.
Autor Jo Nesbø greift damit wieder auf seine bekannte Leitfigur zurück: den einsamen Wolf als Ermittlertyp. Dennoch ist Oz bei allen Parallelen ein smarterer, weniger egozentrischer und selbstzerstörerischer Protagonist als Harry Hole. Mit Minneapolis als Handlungsort entscheidet sich der Autor bewusst für eine Stadt, bei der die Waffengesetze sehr liberal sind, Drogenbanden, Polizeikorruption und Rassismus eine Rolle spielen und die ein starkes Gefälle zwischen Arm und Reich aufweist. Herausgekommen ist mit „Minnesota“ ein für den Autor eher untypischer Thriller, der weniger auf klassische „Serienkiller-Spannung“ mit viel Action und einem hohen Erzähltempo setzt, sondern auf psychologischen Tiefgang und moralische Grauzonen.
Clever konstruiert
Der Roman besitzt zwei Erzählebenen, die von Anfang an miteinander verwoben sind. Die Suche nach dem Täter und der Prozess der Selbstfindung Oz‘ werden als zentrale Elemente aber nicht getrennt. Der Grund, warum Jo Nesbø sich bewusst für diese Erzählweise entschieden haben dürfte, ist naheliegend: Der Täter und der Detective weisen zunehmend erkennbare Gemeinsamkeiten auf. Schuld und Sühne, Identität und Selbsttäuschung und letztlich die Frage, ob man seiner Vergangenheit entkommen kann, sind zentrale Motive des Romans, die auf beide Figuren bezogen werden können.
Meta-Ebene
Eingerahmt wird die Erzählung auf einer Meta-Ebene mit einem zweiten Erzählstrang: der Geschichte des norwegischen Krimiautors Holger Rudi, der im Jahr 2022 nach Minneapolis reist, um für sein neues True-Crime-Buch über die Vorfälle von 2016 zu recherchieren und den hinterlassenen Spuren zu folgen. Während er sich ein Bild über die Geschehnisse vor Ort macht, versucht er sich in den Kopf des Täters hineinzuversetzen und ihn zu verstehen. Die genauen Gründe hierfür erfährt der Leser am Ende des Romans. Zwischendurch wechselt die Erzählperspektive auch zu der des Täters, dessen Handeln gleichermaßen verstörend wie absolut logisch erscheint. Wenn am Ende die einzelnen Erzählstränge zusammenlaufen und der Autor zuletzt Rudis Verbindung zum Fall enthüllt, wird mehr als deutlich, welch brillanter Erzähler und Thrillerautor Jo Nesbø ist.
Fazit
Jo Nesbø beweist einmal mehr, dass er zu den besten Thrillerautoren weltweit zu zählen ist. Sein raffiniert konstruierter, vereinzelt schwarzhumoriger Roman überzeugt mit einem starken Plot, einer gelungenen Figurendarstellung und viel psychologischem Feingefühl. Nesbø 2.0. Ein herausragendes Werk.

Jo Nesbø, Ullstein

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