Pflüger ist einfach Weltklasse. Ein brillanter Roman.
Amrum, Herbst 1989: Seit nun acht Jahren lebt Luzy Morgenroth als Polizistin auf der Nordfriesischen Insel. Aber angekommen ist sie irgendwie immer noch nicht in dieser Welt. Heute wird sie 50 Jahre. Noch etwas, womit sie nicht wirklich etwas anfangen kann. Kaum kommt Luzy in der Frühe in der Polizeistation an, als sie von einem Vermisstenfall hört. Tamme, ein Inselbewohner, ist letzte Nacht spurlos von einer Fähre verschwunden. Mehr noch: Die Inselpolizistin erkennt, dass mit dieser Fähre ein Killerkommando nach Amrum gelangte. Die kettenrauchende und übergewichtige Luzy nimmt den Kampf gegen die scheinbar überlegenen Gegner auf. Denn die Polizistin hat vor ihrer Zeit auf der Insel in einer anderen Welt gelebt. Einer Welt aus Kampf, Vernichtung und Tod. Eigentlich dachte sie, diese Welt hinter sich gelassen zu haben. Aber nun wird sie wieder zu dem, was sie einst war: eine Waffe.
Deutscher Krimipreis
Längst gehört der Wahlberliner Andreas Pflüger zu den besten deutschsprachigen Autoren. Zu seinen Werken zählen Theaterstücke, Hörspiele, Dokumentarfilme und Romane. Pflüger verfasste auch die Drehbücher für zahlreiche „Tatorte“. Zusammen mit Murmel Clausen erfand er den „Tatort Weimar“, für den die beiden auch viele Jahre die Drehbücher schrieben. Mittlerweile konzentriert sich Pflüger aber auf seine Romane. Nach dem Spionagethriller „Operation Rubikon“, seiner preisgekrönten Bestseller-Trilogie um die blinde Elitepolizistin Jenny Aaron und dem (Nach-)Kriegsroman „Ritchie Girl“ erschien 2023 der Agententhriller „Wie sterben geht“, für den er zum zweiten Mal den Deutschen Krimipreis erhielt. Nun veröffentlicht der Suhrkamp Verlag Pflügers neuen Thriller ,,Kälter'', der dem Vorgängerroman in Nichts nachsteht.
Insiderinformationen
,,Kälter'' ist ein typischer Pflüger-Roman. Auch wenn er ungewöhnlich ruhig, mitunter wehmütig und damit im Vergleich zu den letzten Romanen fast schon verhalten beginnt, nimmt der Thriller schnell Fahrt auf. Kein anderer Autor kennt sich in Sachen Geheimdienste derart gut aus wie Pflüger. Dass seine Werke nicht nur in dieser Hinsicht akribisch recherchiert und bis ins kleinste Detail geplant sind, ist man vom Autor schon gewohnt. Dabei zeichnet unter anderem dies seine Werke aus und lässt die Grenzen zwischen Fiktion und Realität immer wieder verschwimmen. Diesmal steht die RAF-Zeit, vor allem während der Wende bzw. des Mauerfalls 1989, und Pflügers ,,Lieblingsthema'', der Personenschutz, im Mittelpunkt des Romans. Eine beeindruckende, aber auch emotional packende Episode zu Beginn des Romans spielt in Israel und ist Ausgangspunkt für alles ist, was folgt. Sie geht besonders vor dem Hintergrund der heutigen Eskalation in der Region bei aller Härte auch unter die Haut.
Erzählweise
Ab und an durchschaut man als Leser etwas den Aufbau, wenn Pflüger zwischen knallharten und temporeichen Actionszenen, bei denen sich seine Erfahrung als Drehbuchschreiber zeigt, dem Fitnesstraining der etwas eingerosteten ehemalige Personenschützerin sowie ruhigeren Roman-Sequenzen, in denen vor allem Luzy ihr Verhalten reflektiert und ihre ,,menschliche'' Seite zeigt, hin- und herpendelt. Besonders letztere Sequenzen gibt Pflüger diesmal mehr Raum, sie lassen die Handlung zur Ruhe kommen und überzeugen mit wunderbaren Dialogen, in denen der Autor seine Figuren besonders zum Klingen bringt. Überhaupt sind Pflügers mitunter expressionistisch anmutender Schreibstil und Ausdruck einmal mehr ungemein sprachgewaltig. Allein dies hebt ihn wohltuend aus der Masse der Autoren - nicht nur im Thrillerbereich - hervor. Literarisch anspruchsvoll, präzise, mal lakonisch, mal wortreich. Man sollte sich Zeit nehmen, denn nur dann entfaltet der Roman seine ganze Kraft.
Wo gehöre ich hin?
Der Autor zeigt mit Luzy eine Frau auf, die zwischen den Welten steht (Was wunderbar im Eingangsgedicht zum Ausdruck kommt) und weiß, dass sie erst leben kann, wenn sie ihren letzten großen Auftrag erledigt hat. Ihre Vergangenheit und die Menschen, die sie verloren hat, spielen für ihre Reinkarnation eine zentrale Rolle und verschaffen ihr vielleicht den entscheidenden Vorteil gegen ihren großen Widersacher. Dabei stehen ihr ganz pflügerlike eine Reihe von Figuren zur Seite, die man aus den Romanen des Autors kennt. Neben dem BKA-Präsidenten Richard Wolf kommt es vor allem zu Überschneidungen mit Pflügers letztem Thriller ,,Wie sterben geht''.
Die schnelle, mitunter wortwitzige Dialogführung, der vereinzelt zunächst unerwartete, aber letztendlich clever konstruierter Handlungsverlauf sowie eine auf Pflüger-Art romantische Beziehung zwischen Luzy und einem weiteren Protagonisten, die sich anfangs feindlich gegenüberstehen, sorgen für so manche Überraschung, aber auch für die nötige Leichtigkeit des Romans.
Fazit
Andreas Pflügers Romane sind ein absolutes Must-Read. Der Autor schafft es, Vergangenheit wieder aufleben zu lassen und alles in einen Blockbuster-Roman zu kleiden, den Hollywood gerne für sich beanspruchen würde. ,,Kälter'' ist nicht nur ein packender Thriller, sondern ein Ereignis, das man nicht verpassen sollte.

Andreas Pflüger, Suhrkamp


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