Das tödliche Christmas Game
- Tropen
- Erschienen: September 2025
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Vor dem Erben kommt das Sterben.
Der Armitage-Clan ist keine glückliche Familie, denn der Tod schlug oft unter unschönen Umständen zu. Die meisten Pechvögel starben früh, die Überlebenden gehen sich so gut wie möglich aus dem Weg. Damit ist es jetzt vorbei: Der Letzte Wille der gerade verstorbenen Matriarchin Liliana - die noch nicht 60-jährig einer schweren Krankheit erlag - soll verlesen werden. Es lockt ein beträchtliches Erbe; vor allem Endgame House, der palastähnliche Stammsitz der Armitages in den Yorkshire Dales, wartet auf einen neuen Eigentümer.
Bisher trafen sich dort die Angehörigen zum traditionellen Weihnachtsrätsel, einer Schnitzeljagd, die über verrätselte Hinweise zu einem wertvollen ‚Schatz‘ führt. Dieses Mal hat Liliana den Einsatz erhöht: Wer in diesem Jahr gewinnt, wird Endgame House und das Vermögen erben! Die anderen sollen leer ausgehen.
Dies zieht selbst Familienmitglieder an, die sich dem Haus seit Jahren ferngehalten haben. Dazu zählt Lily, deren Mutter Mariana - Lilianas Schwester - sich hier umgebracht hat. Sie wäre nicht gekommen, hätte ihre Tante sie nicht brieflich inständig darum gebeten und einen ‚Bonus‘ angekündigt: Dieses Spiel soll auch an den Tag bringen, dass Mariana umgebracht wurde!
Vom Weihnachtsfrieden ist also keine Spur, als sich die wenigen Überlebenden treffen. Man schwelgt in alten, schlechten Erinnerungen, wird unbemerkt eingeschneit - und muss feststellen, dass ein Mörder im Haus umgeht und überaus aktiv zur Sache geht ...
Die Last der Familie
Klassisches Grauen trifft auf Krimi-Klassik: Die den Lesern real bekannte Situation, mit einer Familie, die man (mehr oder weniger) hasst und fürchtet, ohne Möglichkeit zur Flucht eingesperrt zu sein, erhöht noch einmal den Schrecken des alten, abgelegenen Hauses als Schauplatz unheimlicher Morde. Daher ist es kein Wunder, dass dieser Plot nie ausgestorben ist und sich in unzähligen Variationen auch außerhalb der Feiertage halten konnte. Im Zentrum steht eine Gruppe, die auf Gedeih und vor allem Verderb miteinander ausharren muss, während sich ihre Zahl allmählich verringert.
In den 1920er und 30er Jahren spielten sich unzählige Krimi-Dramen in diesem Ambiente ab. Was heute mit „Nostalgie“ umschrieben wird, war damals noch alltäglich: Bevor nach dem Zweiten Weltkrieg neue (Steuer-) Gesetze es oft unmöglich machten, konnten die Adeligen = Reichen und Schönen ihre jahrhundertealten und in Familienbesitz befindlichen Schlösser und Landgüter halten. Sie wohnten dort und hielten immer noch Hof, wobei nicht nur der Wohnsitz der Öffentlichkeit seine schöne, glatte Schauseite präsentierte.
Natürlich ging es hinter den Kulissen auch hier zu wie in jeder Familie. Streit flackerte womöglich höher auf, weil Geld und Macht auf dem Spiel standen. Eine Erbschaft brachte auf den Punkt und an den Tag, wer wem spinnefeind war, nun triumphierte oder demonstrativ leer ausging. Dies ist die ideale Nische für eine Kriminalgeschichte, zumal auch im realen Leben mancher Erbschleicher versuchte, sich das Entgangene zu sichern, indem er die Konkurrenz aus dem Weg räumte.
Aus Spiel wird Ernst
Die Armitages sind (nach dem Willen der Autorin) ein Paradebeispiel für sämtliche Konflikte und Bosheiten, die der Familienheimstätte entsprießen können. Dass hinter jenen Unglücksfällen, die über gar nicht sehr viele Jahre so viele Angehörige aus dem Leben rissen, nicht immer ein blindes Schicksal, sondern sehr gut sehende, aber finster gesonnene Armitages standen, ist eine weitere Last, die Alexandra Benedict dem Clan auferlegt.
Von Anfang an beherrschen Druck und Frustration die Szene. Während Lily aufgrund nie verarbeiteter Erinnerungen Endgame House meiden wollte, lässt ihre Stiefschwester Sara keinen Zweifel an ihrem Plan, sich das Erbe um jeden Preis zu sichern. Jenseits des lockenden Vermögens geht es wie in jeder Familiengeschichte um Verletzungen, die man einander in der Vergangenheit zugefügt hat. Dass es krimibedingt zu Morden kommt, ist die der Unterhaltung bzw. dem Zielpublikum geschuldete Zugabe.
Viele Seiten werden den gegenwärtigen und vergangenen Auseinandersetzungen gewidmet. Immer wieder blendet Alexandra Benedict in die Vergangenheit zurück und konfrontiert uns mit Bruchstücken, die korrekt zusammengesetzt dem Rätsel die Substanz geben. Natürlich nutzt die Autorin ihre Gelegenheit, uns zu verwirren und die tatsächlich preisgegebenen Hinweise zu verbergen, damit sie uns nicht auffallen: So funktioniert der Whodunit-Krimi, der zumindest scheinbar dem Leser die Chance bietet, gleichzeitig mit dem oder gar früher als der Ermittler - oder in unserem Fall die überlebenden Armitages - auf die Lösung zu kommen.
Wozu deutlich sagen, was auch vermunkelt werden kann?
Natürlich hätte Tante Liliane einfach in Worte fassen können, was sie getan und herausgefunden hat. Dann wäre diesem Krimi allerdings die Grundlage entzogen. Man darf das Armitage-Rätsel als Fundament des Geschehens nicht in Frage stellen, da man der Geschichte sonst Sinn und Unterhaltungswert nähme. Das wäre kontraproduktiv, denn „Das tödliche Christmas Game“ soll und muss die Realitätsprüfung nicht bestehen.
Als zentrales Element muss besagtes Rätsel nicht nur von den Armitages unter die Lupe genommen werden. Kann es dieser Geschichte als Treibriemen dienen? Glücklicherweise ja, obwohl dies objektiv entschieden werden muss: Nicht nur dem Leser, sondern auch den Spielern fällt auf, dass die Rätsel nicht besonders komplex sind. Das wäre vor dem Zweiten Weltkrieg sicherlich anders gewesen. Damals konnte man sich als Autor/in auf ein Publikum verlassen, das die Literatur des klassischen Altertums kannte und ellenlange Gedichte zitieren konnte. Davon darf man heutzutage nicht mehr ausgehen, weshalb Benedict ihre Rätsel entsprechend anpassen musste.
An dieser Stelle ist der Übersetzerin ein Sonderlob zu zollen: Ihr war es nicht nur auferlegt, die als Sonett formulierten Rätseltexte ins Deutsche zu übertragen. Diese enthalten ihrerseits verrätselte Hinweise, die sich aus Anagrammen, bestimmten Formulierungen oder scheinbaren Fehlern ergeben. Es dürfte keine leichte Aufgabe gewesen sein, dies so ins Deutsche zu retten, dass diese zweite Ebene gewahrt bleibt! Nur manchmal muss die Übersetzerin den englischen O-Ton bemühen, wo eine Eindeutschung unmöglich war.
Depressive Heldin mit Geistesblitzen
Kritisch hervorzuheben ist die Figur unserer ‚Heldin‘. Lily ist eine kluge, aber depressive Frau, die zwischen energischen Anfällen, in denen sie sich auf die Weihnachtsrätsel wirft, und unglücklicher Selbstreflexion schwankt. In ihrem Leben ist nach der Tragödie auf Endgame House praktisch alles fehlgeschlagen. An dieser Stelle soll nicht verraten werden, was ihr zu schaffen macht und sie von ihrer eigentlichen ‚Arbeit‘ (s. o.) fernhält, aber es ist auf jeden Fall zu viel des Schlechten!
Lily nervt mit ihren ständigen Rückblenden, die keineswegs immer der eigentlichen Handlung dienen. Falls Benedict damit seelische Breitenpräsenz suggerieren will, ist sie über ihr Ziel hinausgeschossen. Stattdessen wünscht man sich, dass nicht nur Sara Lily Beine macht bzw. sie mit einem ordentlichen Tritt in den Hintern endlich einnordet: Hier ist ein Krimi-Rätsel zu lösen!
Wer entsprechende Whodunits gelesen hat, ahnt schon vor dem Finale, wer mörderisch die Knöpfe drückt. Benedict sorgt ein wenig zu eifrig für vorgeblich keineswegs Verdächtige. Zudem lässt sie die Situation final zu plötzlich und übertrieben spektakulär eskalieren. Die Auflösung ergibt keine zusätzlichen Erkenntnisse; es folgt ein Epilog, der im Geiste der Weihnacht auf die Tränendrüse drückt und allen noch Lebenden die Erfüllung verborgener Wünsche bringt: Das hätte nicht mehr sein müssen.
Fazit
Im Stil klassischer Rätsel-Krimis Familienmitglieder gegeneinander aufgehetzt, was zum üblichen Bodycount führt, während die Überlebenden (scheinbar) nach dem Täter suchen. Die Form wird gewahrt und leicht modernisiert, aber insgesamt nur der Staub von einer unsterblichen Variante des Kriminalromans geblasen: lesbar, doch mit emotionalem Schaum aufgeplustert.

Alexandra Benedict, Tropen


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