Das Geheimnis von Chimneys
- Erschienen: Juli 2020
- 0


Politische Intrigen und Diamantendiebstahl.
Im englandfernen Ausland begegnen sich zwei alte, notorisch abgebrannte Freunde und verabreden ein seltsames, aber lukratives Geschäft: Anthony Cade soll ein womöglich skandalöses Buchmanuskript nach London schmuggeln und dort einem schon darauf wartenden Verlag übergeben. Die Memoiren des verstorbenen Graf Stylptitsch, einst Ministerpräsident der Herzoslowakei, eines Landes auf dem europäischen Balkan, könnten Aufschluss geben über die höchst heiklen Umstände, unter denen die dortige Monarchie sieben Jahre zuvor ihr Ende nahm. Die britische Regierung hatte ihre Finger im Spiel, denn die Herzoslowakei verfügt über sprudelnde Ölquellen, für die man sich gern die Förderrechte gesichert hätte.
Gegenwärtig wird ein neuer Versuch gewagt, weshalb die Regierung Seiner Majestät höchst interessiert an einem Blick in die Memoiren wäre. Auch sonst bemühen sich eher finstere Kräfte um die Papiere, was Cade einerseits mehrfach in Lebensgefahr bringt, ihn andererseits jedoch anstachelt, erst recht den übernommenen Auftrag zu erfüllen.
In Chimneys, dem Landhaus von Lord Caterham, soll über politische und wirtschaftliche Ränken beraten werden, die Großbritannien das begehrte Öl verschaffen sollen. Nicht nur die geheime Zusammenkunft lockt kriminelles Gesindel an: Irgendwo in Chimney wurde vor Jahren nach einem spektakulären Raub ein riesiger Diamant versteckt. Der Dieb, ein Meister der Verkleidung, will die Beute endlich an sich bringen und dürfte sich unter die Bewohner des Hauses gemischt haben.
Auch ein Mord ereignet sich und ruft Superintendent Battle von Scotland Yard auf den Plan, dessen Ermittlungen für zusätzliche Verwirrung sorgen. Chimneys verwandelt sich in einen gefährlichen Ort: Spione, Diebe und rachsüchtige Revolutionäre belauern einander und warten auf die Gelegenheit, ihre Pläne notfalls mit Gewalt in die Tat umzusetzen ...
Frühe Jahre einer später raffinierteren Autorin
„The Mystery of Chimneys“ wurde 1925 als fünfter Kriminalroman der schon bekannten Autorin Agatha Christie (1890-1976) veröffentlicht. Wer sie als Schöpferin von Hercule Poirot und Miss Jane Marple kennt, wird womöglich überrascht sein von einer Geschichte, die wenig mit den ausgefeilten Krimis zu tun hat, mit denen Christie zu Weltruhm gelangte. Vor allem in ihren frühen Jahren war sie bereit zu experimentieren, d. h. die Regeln des typischen Whodunits zu durchbrechen, der die Suche nach einem gewitzten Täter thematisiert.
„Das Geheimnis von Chimneys“ stellt das Geschick einer Autorin unter Beweis, die auch eine irrwitzige Story erzählen und dabei ein enormes Tempo vorlegen konnte. Stets geschieht etwas, und auch wenn es sich zunächst nicht erklären lässt und in erster Linie für Spannung sorgt, fügt es sich final zu einer Auflösung, die sämtliche Seltsamkeiten unter einen Hut bringt - eine beachtliche Leistung, denn Christie sprüht scheinbar planlos vor Einfällen, behält aber dennoch alle Fäden in der Schreibhand.
Der krude Plot passt gut in die Entstehungszeit. In den 1920er Jahren war es noch möglich, ein Fantasieland wie die Herzoslowakei zu postulieren. Für die Zeitgenossen war der europäische Balkan wie der „Wilde Westen“ der USA eine wüste Region, die ständige Revolten und Regierungswechseln prägten. Monarchen wurden abgesetzt, sogar umgebracht, wacklige Republiken zeichneten sich durch innere Unruhen aus. Stets wartete im ausländischen Asyl jemand auf die Chance, die Macht an sich zu reißen, um dann vor Ort das Chaos noch zu verstärken.
Christie befand sich in guter Gesellschaft, wenn sie im Niemandsland der Herzoslowakei den Anker für ihre Hintergrundgeschichte warf. Anthony Hope (1863-1933) hatte mit seinen Romanen, die in einem fiktiven, zwischen „Sachsen“ und „Böhmen“ gelegenen Land namens „Ruritanien“ spielten, enormen Erfolg erzielt. Vor allem „The Prisoner of Zenda“ (dt. „Der Gefangene von Zenda“) setzte 1894 Maßstäbe für abenteuerliche und romantische, der nüchternen Realität nur oberflächlich verpflichteten Handlungen, die in solchen „Operettenstaaten“ spielten.
Hauptsache, es geschieht etwas!
Die Geschwindigkeit des Geschehens ist ein probates Mittel, die Frage nach dem „Warum?“ zunächst in den Hintergrund zu verdrängen. Christie spinnt nicht nur ein Garn um politische Intrigen, sondern mischt zusätzlich das Drama eines aufsehenerregenden Juwelenraubs ein, der jedoch auch mit den Ereignissen in der Herzoslowakei zusammenhängt. Das ergibt bei nüchterner Betrachtung kaum Sinn und erregt bei ‚typischen‘ Christie Verwunderung oder sogar Ablehnung, ist aber typisch für die „ruritanische Romanze“, wie Anthony Hope sie in die Welt gesetzt hatte.
Man vergisst oft (bzw. gern), dass Agatha Christie nicht nur Krimis, sondern (unter dem Pseudonym „Mary Westmacott“) auch schmalzige Liebesgeschichten schrieb. Mit „Das Geheimnis von Chimneys“ konnte sie beide Genres bedienen und ihr Zielpublikum vergrößern. Die zunächst wenig plausiblen, vor allem aufregenden Ereignisse beinhalten auch eine (natürlich) komplexe Romanze. Der aufregend mysteriöse Anthony trifft auf die lebenslustige, an einer alltagstypischen, d. h. lähmenden Ehe nicht interessierte Virginia Revel, die einfallsreich umworben und ‚erobert‘ werden will.
Bis dies gelingt (und im Finale ein wahrhaft ‚ruritanisches‘ Geheimnis gelüftet wird), überschlagen sich die Geschehnisse. Zwar spielt auch ein nüchterner Polizeibeamter mit, aber Superintendent Battle erweist sich im Laufe der Handlung ungeachtet seiner stoischen Ruhe als überraschend gewandter, d. h. auch von abrupten Situationsveränderungen nicht aus dem Konzept zu bringender und so ins Figurenensemble passender Zeitgenosse.
Bühne mit unzähligen Auf- und Abgangsmöglichkeiten
Das Landgut Chimneys stellt den zentralen Ort des Geschehens dar. Christie spielt hier mit dem schon 1925 zum Klischee mutierten Konzept der möglichst isolierten Tatort-Kulisse, die ein Verbrechen eigentlich unmöglich machen sollte. Stattdessen wird Chimneys ungeachtet seiner Abgeschiedenheit und des schlechten Wetters zu einer Stätte, an der bei Tag und bei Nacht ständig verdächtige Gestalten ein- und ausgehen und innen wie außen für Zwischenfälle und weitere Verwirrungen sorgen.
Kaum jemand ist ohne Geheimnis oder doppelte Identität. Christie entfesselt ein Durcheinander, in dem sie auch ihren weiblichen Protagonisten Rollen jenseits zeitgenössischer Archetypen gestattet. Virginia Revel oder Lady Eileen „Bundle“ Brent sind Frauen, die (‚ihre‘) Männer - Väter oder potenzielle Bräutigame - elegant, aber energisch in Schach und auf Abstand halten. Als heillos überforderter Zeuge der komplizierten Vorfälle springt stattdessen der ehrwürdige, aber schwache Lord Caterham ein.
Ungeachtet mehrerer Leichen wählt Christie einen durchweg leichten Ton für diese Geschichte. Man darf und soll sie nicht bierernst nehmen, denn sie trägt deutlich komödiantische Züge. Die Überspitzung erklärt auch den wilden Aktivismus, der sämtliche Personen prägt und ihre Aktionen bestimmt. Als dieser Roman veröffentlicht wurde, verstanden Kritiker und Leser das Modell, das Christie ihrem Garn zugrundelegte. Dies sorgte für eine überwiegend positive Bewertung und erfreuliche Verkaufszahlen, sodass die Autorin Chimneys 1929 erneut ins Zentrum eines „fröhlichen Thrillers“ (O-Ton Christie) stellte („The Seven Dials Mystery“, dt. „Der letzte Joker“).
„Das Geheimnis von Chimneys“ im Fernsehen
Während die meisten Christie-Krimis schon früh und dann mehrfach filmisch umgesetzt wurden, blieb „Das Geheimnis von Chimneys“ lange unberücksichtigt. Erst 2009 wurde dieses Buch in der fünften Staffel der englischen TV-Serie „Agatha Christie’s Marple“ und hier für Episode 18 aufgegriffen, aber so umgeschrieben, dass nun Jane Marple (gespielt von Julia McKenzie) die Ermittlerrolle übernahm.
Schon 1931 hatte Christie selbst ihren Roman zu einem Theaterstück umgearbeitet, das jedoch nie auf die Bühne kam und später anscheinend verlorenging. Durch einen Zufall wurde das Manuskript 2001 in Kanada wiederentdeckt und dort zwei Jahre später erstmals aufgeführt.
Fazit
Früher Kriminalroman der berühmten Autorin, die das Geschehen komödienhaft bis klamaukig überspitzt und in eine absurd komplizierte, aber abschließend aufgelöste Handlung integriert: vielleicht kein ‚typisches‘ Christie-Werk, aber unterhaltsam, wenn man sich darauf einlässt.

,

Deine Meinung zu »Das Geheimnis von Chimneys«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!