Das Geheimnis von Little Sark

  • Oktopus
  • Erschienen: Juli 2025
  • 0
Wertung wird geladen
Michael Drewniok
90°1001

Krimi-Couch Rezension vonSep 2025

Im unbarmherzig perfekten Räderwerk des Schicksals.

Obwohl sich die französische Küste praktisch in Sichtweite befindet, gehören viele der Inseln im Ärmelkanal zum britischen Königreich. Auf Sark leben in diesem Jahr 1933 etwa 500 Einwohner. Im Sommer nimmt diese Zahl zu, denn aufgrund des milden Klimas gehören die Kanalinseln zu den Urlaubszielen jener Briten, die zwar die Sonne und das Meer genießen, aber das Ausland scheuen.

Im Oktober ist die Feriensaison vorüber, auf Sark steht die Winterruhe bevor. Ein mysteriöses Ereignis unterbricht die Routine: An den Klippen werden die Kleider eines Mannes und einer Frau entdeckt. Sie wurden sorgfältig zusammengelegt, von ihren Besitzern fehlt jede Spur. Sind sie einem Badeunfall zum Opfer gefallen? Haben sie sich umgebracht? Ist ein Verbrechen geschehen?

Die Insulaner diskutieren eifrig über den Fund. Phyllis „Phyll“ Carey, gerade erst auf die Heimatinsel zurückgekehrt, nutzt die Gelegenheit und betätigt sich als Journalistin - dies unter erschwerten Bedingungen, denn nach zehnjähriger Abwesenheit ist auch Everard Hyde wieder auf Sark. Phyll hat nie verwunden, dass er damals abgereist war und sich nicht mehr bei ihr gemeldet hatte.

Everards Heimkehr lässt ebenfalls aufleben, dass er und Phyll 1923 in ein Geflecht aus Unglück, Verrat, vertuschter Gewalt und wohl auch Mord verwickelt waren. Was wirklich geschah, wurde nie aufgeklärt und liegt wie ein Fluch über der Inselgemeinde. Als Phyll zehn Jahre später ihre Nachforschungen angeht, gerät sie unbeabsichtigt dorthin, wo man die Vergangenheit um jeden Preis unter Verschluss halten will. Was einst verdrängt wurde, kehrt nun unaufhaltsam zurück ...

Unrecht als Schicksal ist auch ein Verbrechen

Ein Wort der ‚Warnung‘ vorweg: „Das Geheimnis von Little Sark“ ist trotz des (deutschen) Titels und einer Inhaltsangabe auf der hinteren Buchklappe, die anderes andeutet, kein ‚echter‘ Kriminalroman - dies jedenfalls, wenn man das Genre so definiert, dass auf eine dezidiert kriminelle Tat die Ermittlung folgt, die in der Entlarvung des Täters gipfelt. Doch Krimi ist auch die Thematisierung des Bösen, und das kann sich auch anders manifestieren. Gemeinsam mit Mary Horlock betreten wir das Zwischenreich des Psychothrillers, wo ein in der Regel ver- oder gar gestörter Geist - gern identisch mit der Erzählerstimme - dafür sorgt, dass man als Leser den geschriebenen Worten nicht trauen kann. Vieles ist verzerrt, Erinnerungen können trügen, seelische Schäden sorgen für ein Verhalten, dessen Irrationalität keineswegs Absicht ist: Das Gehirn folgt eigenen Regeln, und diese müssen nicht mit Wahrnehmung und Deutung der Mehrheit übereinstimmen.

So geschieht es auch auf Sark, wobei Autorin Horlock nicht ohne Absicht eine Insel als Ort des Geschehens wählt. Sark liegt bereits wie eine Petrischale isoliert im Wasser eines oft stürmischen Atlantiks. Wird hier ein Erreger auf den Nährboden = die Inselgemeinde aufgebracht, ist eine vollständige Infektion garantiert. Niemand kann Sark verlassen. Das ist schon immer so gewesen; immer wieder greift Horlock lokale Ereignisse aus der Historie, aber auch Legenden und Geistergeschichten auf. Sie zeichnet das Bild einer Gruppe, die im Guten wie im Bösen in einem Boot bzw. auf einer Insel sitzt. Nicht aufgeklärtes Unrecht ist auf Sark das genannte Virus. Es erzeugt Misstrauen und schwächt die Gemeinschaft, denn das Böse könnte bzw. muss sich hinter dem Gesicht eines Mitmenschen verbergen, den man sein ganzes Leben kennt - oder zu kennen glaubt.

Wer sich nicht einfügt, wird ausgegrenzt. Auch hier spart Horlock nicht mit historischen Beispielen, wobei sie besonders auf die Gefahr für Frauen hinweist: In einer traditionell patriarchalischen Gesellschaft haben die Männer das Sagen, was sie notfalls mit der Faust unterstreichen. Wer als Frau mehr weiß als ein Mann und damit nicht hinter dem Berg hält, wurde vor gar nicht langer Zeit verfolgt und nicht selten umgebracht: Horlock, die sich auf wahre Begebenheiten stützt, erinnert daran, dass auf den Kanalinseln die letzte Frau 1914 beschuldigt wurde, eine „Hexe“ zu sein! Insofern wirkt verständlich, dass bestimmte ‚Geheimnisse‘ verdrängt werden. Auf einer kleinen Insel kennt jede/r jede/n, und Abweichungen von der Verhaltensnorm erregen sogleich unliebsame, folgenschwere Aufmerksamkeit.

Fester Deckel auf Topf unter Dampf

Was nicht entweichen und sich beruhigen kann, schwelt vor sich hin und kann unheimliche Form annehmen. Auch deshalb schwelgt Horlock in ‚gotischen‘ Spukszenen, zitiert gruselige Geschichten von Phantomen, die an altes Unrecht erinnern wollen. Mit feinem und wirksam eingesetztem Sarkasmus weist die Autorin darauf hin, dass es ausschließlich weibliche Geister sind, die sich auf solche Weise bemerkbar machen: Im Leben hatte die Inselgemeinschaft diesen Frauen keinen Schutz gewährt. (Dass Diskriminierung für Horlock eine wichtige Rolle spielt, belegt bereits der wesentlich deutungsvielfältigere Originaltitel „The Stranger's Companion“ = „Die Begleiterin des Fremden“.)

Zur Handlung des Jahres 1933 gesellt sich ein zweiter Strang, der zehn Jahre früher spielt. Hier spielt Spuk ebenfalls eine wichtige Rolle, klärt sich allerdings erst in der ‚Gegenwart‘ von 1933 auf: Auf Sark gibt es jemanden, der seit Jahren sein Unwesen treibt, aber nie Verdacht erregte. Dennoch gerät er in helle Panik, als Phyll und Everard 1923 für Nachtspuk sorgen, um ein wenig Leben in den langweiligen Inselsommer zu bringen. Stattdessen stechen sie in mehrere Wespennester, weshalb die Strafe nur für sie unverständlich hart ausfällt: Die Erwachsenen sind zutiefst erschrocken, denn sie wurden an ebenfalls ausgeklammerte Hässlichkeiten erinnert, die sich vor 1923 ereignet haben und ebenfalls als Startschuss für eine Heimsuchung durch Geister taugen würden ...

Nach und nach entwirft Horlock auf diesen beiden Zeitebenen einen Schicksalsknoten, zu dem sie zahlreiche, oft nicht einmal direkt miteinander verknüpfte Ereignisse schürzt. Der Zufall sorgt für Entwicklungen, die zu Verdacht und Erkenntnis führen, aber auch scheinbare Sackgassen öffnen, an deren Enden die Handlung neue Richtungen einschlägt. Man kann sich diesen Plot wie ein Stück Kohle vorstellen: Unter hohem Druck verwandelt sie sich, weil die zusammengepressten Atome neue Verbindungen eingehen.

Es bleibt noch ein Sonderlob zu äußern: Diese Geschichte dreht sich um Gefühle. Nichtsdestotrotz erstickt die Autorin ihre Leser nicht in jenem Dumm-Dusel, der das Krimi-Genre zu überwuchern droht: Platt-&-Pseudo-Emotionen drängen den Plot entweder beiseite oder sollen ihn ersetzen; das Krimi-Dach dient nur als Sichtschutz, um solche Rosstäuscherei zu verbergen. Auf diesem Mist gedeihen echte Gruselkrimis, die man u. a. an ihren fluxusgleichen Seitenumfängen erkennt. Auch „Das Geheimnis von Little Sark“ ist nicht frei von klischeehaften Passagen. Ungeachtet dessen gelingt Horlock ein echtes Drama, das Emotion, Alltag und Verbrechen in ein Verständnis-Dreieck der gleichschenkligen Art verwandelt und eine schlau-spannende Ermittlung wettmacht.

Fazit

Ungeklärte, womöglich kriminelle, auf jeden Fall seelenschädliche Ereignisse leben ungewollt, aber umso wuchtiger wieder auf. „Schuld“ und „Unschuld“ verschwimmen, das Schicksal und der Zufall werden ungewöhnlich aktiv, um überfälliges Unrecht zu sühnen: Die Autorin nutzt die krimitypische Isolation, um weit darüber hinauszugehen - eine spannende, emotionale, aber nie gefühlsduselige Geschichte und ein ‚Krimi‘ im weiteren, aber genrelevanten Sinn.

Das Geheimnis von Little Sark

Mary Horlock, Oktopus

Das Geheimnis von Little Sark

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Das Geheimnis von Little Sark«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Dr. Drewnioks
mörderische Schattenseiten

Krimi-Couch Redakteur Dr. Michael Drewniok öffnet sein privates Bücherarchiv, das mittlerweile 11.000 Bände umfasst. Kommen Sie mit auf eine spannende und amüsante kleine Zeitreise, die mit viel nostalgischem Charme, skurrilen und amüsanten Anekdoten aufwartet. Willkommen bei „Dr. Drewnioks mörderische Schattenseiten“.

mehr erfahren