Die an den Tod nicht glauben: Ein Fall für die Totenleserin

  • Droemer
  • Erschienen: November 2025
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Thomas Gisbertz
70°1001

Krimi-Couch Rezension vonDez 2025

Historischer Krimi mit einer mutigen Protagonistin.

Berlin, Oktober 1910. Die 21-jährige Perdita Menke, Tochter des Hausmeisters im Institut für gerichtliche Medizin, verdient sich als Reinigungskraft in den Autopsie-Räumen einige Pfennige hinzu. Berührungsängste mit den Toten kennt die junge Frau, die in dieser Einrichtung groß geworden ist, nicht. Im Gegenteil: Ihr großes Ziel ist es, eines Tages Gerichtsmedizinerin zu werden. Doch dieser Weg ist für eine Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts alles andere als einfach. Nachdem sie ihre Schwesternausbildung abbrach, wird sie nun lediglich als Gasthörerin im Bereich Medizin an der Friedrich-Wilhelms-Universität geduldet.

Eines Abends bittet sie der Gerichtsmediziner Dr. Leo Leiser, ihr inoffiziell bei einer Obduktion zu helfen. Eine weibliche Leiche wurde aus der Spree gezogen. Für Dr. Leiser scheint der Fall klar: Die bitterarme Frau, Mutter eines wenige Monate alten Jungen, hat aus Verzweiflung Suizid begangen. Ein Detail an der Leiche weckt jedoch die Aufmerksamkeit Perditas. Auch die Lebensumstände des Opfers lassen die junge Frau am vermeintlichen Motiv zweifeln. Und weil Perditas Mutter sich ebenfalls das Leben genommen haben soll – was diese bis heute nicht glaubt –, nimmt sie den Fall sehr persönlich.

Bei ihren Ermittlungen stößt sie bald auf den ebenso geheimnisumwitterten wie charmanten Bestatter Charon Czerny. Perdita misstraut ihm zutiefst, scheint er doch aus dem Tod eine Show für sein Geschäft zu machen. Versucht Charon gar, den Mörder zu decken? Erst als es für sie beide gefährlich wird, erkennen Perdita und Charon, dass sie auf derselben Seite stehen.

Auftakt einer neuen Reihe

Über die 1975 geborene Autorin Cleo Sternberg verrät der Droemer Verlag, der die neue historische Krimireihe veröffentlicht, nur wenig. So ist auch nicht klar, ob es sich um ein Pseudonym oder den Klarnamen der Autorin handelt. Für ihre Krimi-Reihe lässt sich Cleo Sternberg laut Verlag von mysteriösen wahren Begebenheiten und medizinischen Kuriositäten inspirieren.

Was man allerdings bereits jetzt weiß, ist, dass die Reihe im nächsten Jahr mit zwei weiteren Bänden ab Hebst fortgesetzt wird.

Pulsierende Großstadt

Die Stärke des Romans liegt in seiner atmosphärischen Dichte. Sternberg zeichnet ein lebendiges Bild der Kaiserstadt Berlin zu Beginn der Moderne mit ihren sozialen und gesellschaftlichen Spannungen, dem medizinischen Fortschritt und den überkommenen Konventionen der Zeit. Der historische Hintergrund wurde sehr genau recherchiert, was sich in so manchem Detail zeigt, und erinnert in der Akribie an die Romane Oliver Pötzschs rund um den Totengräber Augustin Rothmayer, die Ende des 19. Jahrhunderts in Wien spielen. Die Authentizität der historischen Kulisse ist spürbar und macht den Krimi Sternbergs wahrlich zu einer unterhaltsamen Zeitreise.

,,Gerichtmedizinerin'' und Bestatter

Im Zentrum der Handlung stehen mit der angehenden Gerichtsmedizinerin Perdita Menke, die sich als wahre ,,Totenleserin'' erweist, und dem selbstverliebten und undurchsichtigen Charon Czerny, der für sich als formidabelsten Bestatter Berlin wirbt und Inhaber eines Beerdigungsinstituts ist, zwei sicherlich nicht gewöhnliche Ermittler. Perdita ist eine starke, unkonventionelle Protagonistin, die in einer von Männern dominierten Welt ihren Platz zu behaupten versucht. Ihre Expertise und ihr Blick für Details, die anderen entgehen, sind ihre Stärken.

Charon - wie der Name des düsteren Fährmanns aus der griechischen Mythologie, der die Seelen der Toten in die Unterwelt des Hades bringt verrät - beschäftigt sich ebenfalls mit den Toten und ist eine geheimnisumwitterte, eher unsympathische und von einer gewissen Hybris ausgezeichnete Figur. Perdita misstraut dem Bestatter zunächst zutiefst und vermutet sogar, dass er den wahren Mörder deckt.

Manchmal etwas zu viel

Der Plot ist mit seinem durchaus charismatischen Ermittlerduo gut angelegt, aber dennoch besitzt der Roman einige Längen. Sternberg verliert sich vereinzelt etwas in der Darstellung ihrer Figuren, denen in den meisten Fällen etwas Undurchschaubares und Rätselhaftes anhängt. Neben der oftmals sehr detaillierten Schilderung historischer Hintergründe und Fakten sorgt die eher dialogarme und stattdessen beschreibende Erzählweise dafür, dass die Handlung nur schwer Tempo aufnimmt. Hinzu kommt, dass einige Ereignisse und Folgen absehbar erscheinen. Dass eine Protagonistin wie Perdita, auch wenn sie aus einfachen Verhältnissen stammt, nicht berlinert, ist aus Gründen der Lesefreundlichkeit nachvollziehbar. Dass dies aber ansonsten als ,,hörbares'' Unterscheidungsmerkmal zwischen Arm und Reich dient, stört dann doch etwas den Lesefluss.

Fazit

Ein gut recherchierter und unterhaltsamer historischer Kriminalroman, der mit einem interessanten Ermittlerduo zu überzeugen weiß, aber zwischendurch immer wieder an Spannung und Tempo verliert. Gelungen ist die Darstellung der selbstbewussten jungen Protagonistin, die sich allen Widerständen zum Trotz gegen die Männerwelt behaupten kann.

Die an den Tod nicht glauben: Ein Fall für die Totenleserin

Cleo Sternberg, Droemer

Die an den Tod nicht glauben: Ein Fall für die Totenleserin

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