Der Nachbar

  • Droemer
  • Erschienen: Oktober 2025
  • 4
Wertung wird geladen
Sabine Bongenberg
65°1001

Krimi-Couch Rezension vonJan 2026

Es kann die Frömmste nicht in Frieden leben…

Sarah Wolff hatte es im Leben nicht leicht. Ihr jüngerer Bruder kam bei einem tragischen Unfall ums Leben, ihr Mann erwies sich weder als liebevoller noch als verlässlicher Partner, und insgesamt meinte es das Leben selten gut mit ihr. Wen wundert es da, dass Sarah große Angst davor hat, allein zu sein und sich immer wieder vorschnell an neue Beziehungen klammert. Medizinisch ließe sich dieses Verhalten als „Monophobie“, also die Angst vor dem Alleinsein, beschreiben. Doch diese Nähe hält stets nur kurzfristig – und wirkliche Erfüllung findet Sarah dabei nicht.

Halt gibt ihr vor allem das Zusammenleben mit ihrer Tochter Ruby, soweit man bei einem Teenager überhaupt von „Harmonie“ sprechen kann. Dennoch geschehen in ihrem Alltag zunehmend merkwürdige Dinge: Vor einer Reise vergessene Abfälle, die eigentlich die ganze Wohnung hätten verpesten müssen, sind plötzlich verschwunden. Im Kühlschrank tauchen Lebensmittel auf, nach denen sie sich den ganzen Tag gesehnt hatte, ohne Zeit zum Einkaufen gefunden zu haben. All das wirkt, als habe jemand unsichtbar für sie gesorgt. Irritiert beginnt Sarah, diesen seltsamen Vorkommnissen nachzugehen – eine Entscheidung, die sie besser nicht getroffen hätte. Denn so fürsorglich diese unbekannte Person auch zu sein scheint, sie reagiert ausgesprochen empfindlich darauf, wenn Sarah versucht, Hilfe zu suchen oder Fragen zu stellen.

Riesiges Tempo – überschaubare Glaubwürdigkeit

Pünktlich zum Beginn des vorweihnachtlichen Einkaufsrummels hat Sebastian Fitzek traditionell seinen neuen Roman veröffentlicht. In diesem Jahr steht Sarah im Mittelpunkt, die unter „Monophobie“, der Angst vor dem Alleinsein, leidet und von einem heimlichen Stalker so intensiv bedrängt wird, dass dieser bald nicht mehr nur Beobachter bleibt, sondern aktiv in ihr Leben eingreift. Allein dieses Szenario böte bereits genügend Stoff für einen spannenden Thriller. Doch wer Fitzek kennt, weiß, dass ihm das kaum ausreicht. Entsprechend geben sich mehrere Serientäter ein Stelldichein – der eine psychopathisch, der andere eher generell „durchgeknallt“. Es wimmelt von drastischen Mordmethoden, und gelegentlich fragt man sich als Leser*in unwillkürlich, ob man selbst noch zur vermeintlich normalen Mehrheit gehört. Schließlich dürften die wenigsten von uns Rachetagebücher führen oder davon träumen, ehemaligen Lehrern genüsslich die Haut abzuziehen. Wobei – wenn man länger darüber nachdenkt…

Wie gewohnt ist die Handlung bis zum Rand gefüllt. Das sorgt für ein hohes Tempo, geht jedoch erneut zulasten der Glaubwürdigkeit. Erzählt wird in kurzen, überschaubaren Kapiteln, die leider allzu sehr dazu verleiten, „nur noch ein kleines bisschen weiterzulesen“ – was den Arbeitstag am nächsten Morgen nicht selten unnötig verlängert. Doch so ist es nun einmal: Wer lange liest, kommt auch spät in Gang (oder so). Fitzek bleibt damit ein verlässlicher Garant für Spannung und Unterhaltung. Positiv fällt zudem auf, dass er sich diesmal etwas von der atemlosen Hektik gelöst hat, die seinen Vorgängerroman „Das Kalendermädchen“ prägte.

Schon führt er die Bestseller-Liste an!

„Der Nachbar“ beginnt Fitzek-typisch mit einer normalen Situation, die vollkommen entgleitet. Das ist ein toller mitreißender Auftakt, spannend geht es auch mit den ersten „Aktivitäten“ des heimlichen Nachbarn weiter. Aber dann kommt doch ein recht steiler Absturz.  Das mag an der zunehmend abgedrehten Handlung liegen, ganz bestimmt aber auch den Wiederholungen: Da ist natürlich die Polizei, die Sarah kein Wort glaubt, da sind all‘ die Spuren, die Aktivitäten des Nachbarn belegen könnten und die urplötzlich verschwinden - natürlich und am nervigsten ist es immer so, dass dann, wenn es darauf ankommt, das Handy keinen Empfang hat oder einmal mehr ladetechnisch aus dem letzten Balken pfeift. Irgendwann waren diese Schleifen ermüdend. Davon, dass Schwerverletzte unbeachtet ihrer körperlichen Einschränkung „vergnügt“ durch die Gegend spazieren können, möchte ich gar nicht erst anfangen.

Dennoch ist vieles in der extrem temporeichen Handlung gut erzählt. Besondere Überraschungen treten auch durch verschiedene unangekündigte Zeitsprünge auf, die die Handlung noch einmal besonders lebendig gestalten. Ich fand auch die Idee des übergriffigen Stalkers an und für sich nicht schlecht – auch wenn sie ehrlich gesagt nicht so ganz neu ist. Natürlich sollte auch der besondere „Gimmick-Einband“ nicht unerwähnt bleiben. Die Sonderausgabe des Romans kommt in einer Kunststoffhülle daher, die nicht nur den Titel in einem Gebüsch verschwinden lässt, sondern beim Herausziehen auch die Titelschrift zum Flirren bringt. Das war wieder eine gute Idee – auch wenn es immer etwas Gefriemel bedeutet, das Buch wieder in die Hülle zu schieben.

Fazit

Pünktlich zum Jahresende hat der bienenfleißige Herr Fitzek wieder seinen neuen Thriller vorgelegt. Man mag darüber sinnieren, dass vielleicht einmal eine längere Pause vielleicht zu einem besseren Ergebnis führen könnte. Dennoch – wer mit Spannung um jeden Preis und einer interessanten Aufmachung zufrieden ist, der hat sich über den neusten Fitzek unter dem Weihnachtsbaum gefreut.

Der Nachbar

Sebastian Fitzek, Droemer

Der Nachbar

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Der Nachbar«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Dr. Drewnioks
mörderische Schattenseiten

Krimi-Couch Redakteur Dr. Michael Drewniok öffnet sein privates Bücherarchiv, das mittlerweile 11.000 Bände umfasst. Kommen Sie mit auf eine spannende und amüsante kleine Zeitreise, die mit viel nostalgischem Charme, skurrilen und amüsanten Anekdoten aufwartet. Willkommen bei „Dr. Drewnioks mörderische Schattenseiten“.

mehr erfahren