Tiefe Schuld
- Heyne
- Erschienen: Dezember 2025
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Keine Action - dafür psychologische Finessen.
«Tiefe Schuld» ist weder ein Thriller, noch ein Krimi, wie man ihn erwarten würde. Vielmehr ist es die Erzählung einer Suche nach den tatsächlichen Vorkommnissen rund um den Tod des stets umtriebigen Liam Noone. Aber Laura Dave hat diese Nachforschungen auf eine besondere Art und Weise in Szene gesetzt, so dass Spannung und Neugier eine ausgewogene Konstante bilden.
Das unbekannte andere Leben
Nora hat vor nicht allzu langer Zeit ihre Mutter verloren. Noch immer findet sie nicht aus ihrer Trauer heraus, da stirbt überraschend ihr Vater. Sie ist die einzige Tochter aus Liam Noones erster Ehe. Nach der Scheidung ihrer Eltern hat ihr Vater streng darauf geachtet, dennoch genügend Zeit mit ihr zu verbringen. Aber er war ein Vater auf Distanz. Liam Noone war stets darauf bedacht, seine verschiedenen Familien strikt voneinander zu trennen. So hatte Nora nur wenig Kontakt zu ihren Zwillingsbrüdern aus der zweiten Ehe ihres Vaters.
Nun nimmt jedoch Sam, ihr Halbbruder, überraschend Kontakt zu ihr auf. Auch er trauert. Aber er möchte gemeinsam mit seiner Schwester nach Kalifornien fliegen, um den Ort zu besuchen, an dem ihr Vater von der Klippe gestürzt ist. Das Auftauchen der Geschwister scheint jedoch nicht allen Leuten zu gefallen. Sam und Nora müssen feststellen, dass es um ihren Vater ein Geheimnis zu geben scheint. Nora, die als Architektin gewohnt ist, die Bedürfnisse der Menschen zu erkennen, setzt ihr Talent ein, um die Rätsel um ihren Vater zu entschlüsseln.
Während ihrer Nachforschungen entdecken die Geschwister nicht nur eine völlig andere Seite ihres Vaters. Sie erkennen auch, dass Liam seinen Kindern mit seiner Art zu leben nicht nur Gutes getan hat.
«Auch wenn er bei dem Versuch, alle glücklich zu machen, oftmals jemanden enttäuschte. Diesen Aspekt habe ich begriffen und weitgehend akzeptiert, denn mir ist auch klar, dass er in seinem Beharren, sich jedem von uns nur von seiner besten Seite zu zeigen, sich selbst wahrscheinlich am meisten aus den Augen verloren hat.»
Starke Charaktere
Dieser Roman ist ganz anders als ein erwarteter Mystery-Thriller. Vielmehr ist es ein Familiendrama in mehreren Akten, mit einem unerwarteten Ende. Es ist eine eher leise und ruhige Geschichte mit einer besonderen Tiefe. Die ständig wechselnde Spannung zwischen den einzelnen Figuren und ihre eigenen Probleme sorgen für Abwechslung im Geschehen. Laura Dave lässt Nora als Ich-Erzählerin zu Wort kommen und wechselt zwischendurch erzählend in die Vergangenheit von Liam Noone. Dadurch entsteht eine besondere Wechselwirkung, und allmählich verbinden sich die Puzzleteile zu einem Ganzen. Die Wahrheit wird zwar offensichtlich, führt aber noch nicht zur Gewissheit. Das bleibt der letzten überraschenden Wendung vorbehalten.
Fazit
Laura Dave hat mit diesem Roman, der vor allem durch seine Charaktere überzeugt, ein sehr ruhiges Werk vorgelegt. Dies wird besonders an Noras Weg von der Trauer bis zur Akzeptanz der Handlungen ihres Vaters deutlich. Es ist der Autorin gelungen, den tiefsitzenden Schmerz einer dysfunktionalen Familie darzustellen. In gewissen Passagen tragen die Sätze deshalb ein gewaltiges Gewicht. Insofern werden diejenigen enttäuscht sein, die prickelnde Spannung und aktionsreiche Handlungen erwartet haben.

Laura Dave, Heyne

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