Möge Gott dir vergeben

  • Polar
  • Erschienen: Juli 2025
  • 1
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Thomas Gisbertz
92°1001

Krimi-Couch Rezension vonAug 2025

Knallhart, packend, kraftvoll.

20. Mai 1974: Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus, in dem er wegen eines Magengeschwürs behandelt wurde, hat man Detective Harry McCoy eigentlich mindestens einen weiteren Monat Bettruhe verordnet: keine Arbeit, kein Stress, keine Zigaretten und kein Alkohol. Doch gleich mehrere Fälle fordern die Aufmerksamkeit des 32-jährigen Polizisten: Drei festgenommene Jugendliche, die einen Brandanschlag auf einen Friseursalon in Royston verübten, bei dem es gleich mehrere Opfer gab, werden aus dem Gefangenentransporter befreit. Tage später wird einer von ihnen schwer misshandelt und tot aufgefunden. Eine hinterlassene Nachricht macht deutlich, was den beiden anderen droht: „Einer ist tot, zwei fehlen noch“. Gleichzeitig stürzt ein alter Mann, der sich seinen kargen Unterhalt mit dem Verkauf von Pornoheftchen verdient, vom Dach eines Obdachlosenheims und ein junges Mädchen wird erdrosselt auf einem Friedhof gefunden. McCoy bleibt keine Zeit, sich um sein Magengeschwür zu kümmern. Im regnerischen Glasgow macht er sich mit seinem Kollegen Wattie auf die Suche nach den Tätern. Noch ahnen beide nicht, wie die Fälle miteinander zusammenhängen.

Höhepunkt der Glasgow-Reihe

Man kann dem Stuttgarter POLAR Verlag gar nicht genug danken, dass er die mehrfach nominierte und ausgezeichnete Glasgow-Reihe des schottischen Autors Alan Parks fortsetzt. Dem Leser würde ansonsten eine der intensivsten und besten Thrillerreihen entgehen, die es seit langem gibt.

Nachdem Heyne HARDCORE die ersten drei Bänden rund um den desillusionierten Detective Harry McCoy veröffentlichte, aber 2022 die Reihe einstellte, übernahm der POLAR Verlag nach drei Jahren Pause. Nach dem vierten Band „Die April-Toten“, der 2021 bereits auf der Shortlist für den „McIlvanney Prize“ stand, erscheint nun mit „Möge Gott dir vergeben“ der fünfte Teil der bemerkenswerten Reihe. Mit diesem Roman gewann Alan Parks 2022 den renommierten Preis für den besten schottischen Kriminalroman dann schließlich. Erneut beweist der POLAR Verlag übrigens, dass er ein Gespür für exzellente Buchcover besitzt, die man sich gerne an die Wand hängen würde.

In Großbritannien ist 2023 mit „To Die in June“ bereits der sechste Roman der Reihe erschienen und ein weiterer Band soll bereits fertiggestellt sein. Darauf darf man sich bereits jetzt freuen, beweist Parks doch, dass er von Buch zu Buch noch besser wird.

Eine Stadt im Mittelpunkt

Das wirklich Außergewöhnliche dieser in den 70er-Jahren spielenden Reihe ist ihre wundervolle, ausdrucksstarke Atmosphäre. Glasgow spielt in sämtlichen Bänden die eigentliche Hauptrolle. Parks lässt die schottische Hafenstadt lebendig werden: Man kann den Gestank auf Paddy‘s Market - den es heutzutage längst nicht mehr gibt - regelrecht schmecken, spürt die verklebten Tresen in den einschlägigen Pubs des East Ends, hört die Musik, die abends aus den Kneipen der Vierteln dröhnt, fühlt den prasselnden Dauerregen und begegnet den zumeist irisch-katholisch geprägten Arbeitern in Garngard, wie die Bewohner den nordöstlichen Bezirk Royston nennen, der im Mittelpunkt des Romans steht.

Parks nimmt die Leser erneut mit auf eine Zeitreise in ein Glasgow, das zu dieser Zeit von tiefgreifenden sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen geprägt ist. All dies greift der Autor en passant mit einer großen Leichtigkeit, aber gleichzeitig auch einem unfassbaren Detailreichtum in seinen Romanen auf. Einen großen Teil seiner Kindheit verbrachte der Schotte in den 70er-Jahren zu Besuch bei Tanten, Onkeln und Cousins in Glasgow. Eine Zeit, die ihm sehr lebhaft in Erinnerung blieb.

Kampf gegen Windmühlen

Inmitten allem versucht erneut Parks Protagonist Harry McCoy irgendwie für Gerechtigkeit zu sorgen. Ein instinktiver Cop, der notfalls nicht vor Gewalt zurückschreckt, Drogen nimmt und sich selbst allzu oft in Gefahr bringt. Dabei weiß er, dass er den Schaden nur begrenzen kann. Dafür sind ihm aber alle Mittel recht, auch sich auf Spielereien mit der Glasgower Unterwelt einzulassen - insbesondere mit Stevie Cooper, mit dem er seine Kindheit in diversen Heimen verbrachte und der nun auf der anderen Seite des Gesetzes steht. Wie drückt Cooper doch den Unterschied zwischen beiden so schön im zweiten Band der Reihe („Tod im Februar“) aus:

„Ich verdiene meinen Lebensunterhalt damit, Menschen wehzutun, du nicht. Du willst ihnen helfen, sogar den scheiß Säufern [...]. Die ganzen Frauenschläger und Sexualverbrecher und gemeinen Dreckschweine, die du einlochst. Du denkst drüber nach, was richtig ist auf der Welt und was falsch, willst immer das Richtige tun. Und ich? Ich tu einfach nur, was getan werden muss.“

Und dennoch ist es für McCoy eine Gratwanderung. Auch diesmal überschreitet er die Grenzen des Erlaubten, da er nur so für Gerechtigkeit sorgen kann. Anders als sein Ziehvater, Chief Inspector Murray, kann er es nicht akzeptieren, dass man als Polizist nicht immer gewinnen kann. Auch wenn sich der körperlich angeschlagene und zunehmend verzweifelte McCoy diesmal fragt, ob er vielleicht sein Limit erreicht hat und es Zeit ist, abzutreten, um jemand anderen für das Gute kämpfen zu lassen, muss er erkennen, dass es da niemanden gibt. Zumindest keinen wie ihn. Und wie immer, zündet sich der Antiheld McCoy dann eine Zigarette an, trinkt ein Bier, vielleicht noch einen Whisky und macht weiter. Nicht, weil er es kann, sondern weil er muss.

Dunkle Seiten

Alan Parks schreibt unglaublich dicht, temporeich, extrem spannend und lässt sich doch Zeit für seine Figuren. Dabei stellt er dem Wahnsinn und der Brutalität, dem Elend und der Not teils humorvolle, teils sarkastische Dialoge gegenüber. Es sind Augenblicke wie diese, in denen man spürt, dass man der Realität mit Zynismus begegnen muss, damit man selbst nicht zugrunde geht. Dabei sind eigentlich die meisten Figuren - egal, ob Polizist, Einwohner oder Krimineller - in Grautönen gezeichnet. Genauso wie die Stadt selbst. Die Grenzen zwischen Gut und Böse lässt diesmal auch das ständige Regenwetter in Glasgow nicht klar erkennen. Ein düsterer Erzählton mit Spannung und moralischen Grauzonen, aber auch trockenem Humor, jeder Menge Sozialkritik und unfassbar lebensechten Figuren: Das zeichnet den Schreibstil Alan Parks aus.

Fazit

 „Möge Gott dir vergeben“ ist ein düsterer, exzellent gezeichneter Kriminalroman auf höchstem Niveau. Vielleicht ist Alan Parks der legitime Nachfolger eines William McIlvanney. Aber das dürfte ihm vollkommen egal sein. Denn gleichzeitig erfindet er den Tartan Noir neu, bricht Fesseln des Genres auf und verschiebt die Grenzen, wie es ihm gefällt. Vielleicht ist genau dies das Besondere an Alan Parks. Er schert sich nicht um Vorgaben, sondern schreibt, wie er will - und das macht er wahrlich meisterhaft. Eine Reihe mit hohem Suchtpotential und einfach das Beste, was es seit langem im Bereich Thriller-Literatur zu lesen gibt.

Möge Gott dir vergeben

Alan Parks, Polar

Möge Gott dir vergeben

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