Das Geheimnis von Duchlan Castle
- Ullstein
- Erschienen: September 2021
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Festung der (eingeschlagenen) Dickköpfe.
Dass Hamish Gregor, Herr auf Duchlan Castle in der schottischen Hochlandprovinz Argyllshire, den Familiensitz halten kann, verdankt er seiner durch Erbschaft vermögenden Schwester Mary. Dafür muss nicht nur der „Duchlan“ leiden. Auch die Mitglieder der ebenfalls in dem alten Schloss lebenden Familie stehen unter der Fuchtel der sittenstrengen, tyrannischen und hinterlistigen Frau. Sohn Eaghan ist beim Militär und selten daheim. So leidet vor allem Gattin Oonagh unter dem ständigen Druck. Mary piesackt sie und droht, ihr den Sohn zu nehmen.
Nun ist die alte Frau tot. Brutal erstochen liegt sie in ihrem Schlafzimmer. Die einzige Tür ist von innen verschlossen, die Fenster sind verriegelt. Niemand konnte in den Raum eindringen, und eine Geheimtür gibt es nicht. Inspektor Dundas steht vor einem Rätsel, denn im Schloss hat (angeblich) keiner etwas gehört oder gesehen. Deshalb ist der noch junge Polizist froh über die Unterstützung eines versierten Ermittlers, der sich gerade in der Gegend aufhält.
Dr. Eustace Hailey hat als Amateurdetektiv schon mehrere Fälle gelöst. Dies gewinnt an Bedeutung, als auch Dundas unter eigentlich unmöglichen Umständen umgebracht wird. In der Gegend munkelt man, ein „Schwimmer“ suche das Schloss heim: Diese übernatürlichen Kreaturen sollen im nahen Loch Fyne hausen. Doch Hailey und vor allem Dundas Nachfolger Inspektor Barley glauben eher an eine Familienfehde. Die Alibis sämtlicher zu den Tatzeiten Anwesender sind wacklig, und weiterhin offen bleibt die Frage, wie die Morde überhaupt realisiert werden konnten ...
Unmöglich, aber trotzdem geschehen
Anthony Wynne - geboren als Robert McNair Wilson (1882-1963) - gehört heute zu den Krimi-Schriftstellern, die ein wenig in Vergessenheit geraten sind. Dabei wurden hierzulande immerhin sieben seiner Romane in den frühen 1930er Jahren übersetzt und drei Titel 1954 neu veröffentlicht. So markiert „Das Geheimnis von Duchlan Castle“ eine Wiederkehr nach beinahe einem Dreivierteljahrhundert, und dies sogar in Gestalt einer deutschen Erstausgabe.
„Das Geheimnis von Duchlan Castle“ gilt als eines von Wynnes großen Werken. Es vereint, was ihm einen Ruf verlieh, der von zeitgenössischen Autorenkollegen wie Dorothy L. Sayers unterstrichen wurde: In einem ausführlichen Nachwort informiert Krimi-Spezialist Martin Edwards über eine Karriere, die konsequent einer Variante des Genres gewidmet war, für die der Ausdruck „Mystery“ erfunden worden sein könnte. Wynne kreiste um den Plot des „unmöglichen“ Mordes, den er so ausgeklügelt einfädelte, dass ihn eigentlich nur Gespenster verübt haben konnten.
Dabei war Wynne ein Verfechter des „fair play“, zu dem sich in den 1920er und 1930er Jahren ‚ernsthafte‘ Krimi-Autoren ausdrücklich bekannten. Also war es verpönt, die erwähnte Unmöglichkeit durch den Lesern verschwiegene Falltüren oder Geheimgänge zu realisieren. Auch das finale Erscheinen einer bisher unbekannten Figur galt als fauler Trick. Im Rahmen des Geschehens wurde ein Figurenpersonal vorgestellt, aus dem sich der Täter oder die Täterin zu rekrutieren hatte.
Der Ruf als stählerner Strohhalm
Hier sind es die Bewohner von Duchlan Castle, eines archetypisch isoliert gelegenen Schlosses, in dem die Zeit ungeachtet des Handlungszeitpunkts - um 1930 - schon im Mittelalter stehengeblieben ist. Ohne Furcht vor dem Klischee definiert der Autor das schottische Hochland als Hort einstiger Krieger, deren Nachfahren noch immer von den Zinnen uralter Festungen nach englischen Invasoren Ausschau halten. Der schottische Adel formte sich im Rahmen blutiger Aufstände und Kriege, die gebrachten Opfer würdigte man als Auszeichnungen für die Ewigkeit. Stolz und Tradition beherrschen deshalb auch den Duchlan-Clan.
Das ist von zentraler Bedeutung, denn ohne die daraus noch im 20. Jahrhundert resultierenden Ereignisse würde sich die Logik des Geschehens endgültig in Luft auflösen: Die Familiengeschichte bestimmt das Denken und Handeln eines Mannes, der eigentlich (und buchstäblich) ein armer Wicht ist. Längst ist das Vermögen der Duchlans verschwunden. Das Schloss verfällt, auch die Pracht innen ist vom Zahn der Zeit angenagt.
Es ist der Ruf, der den Duchlans ihren Status garantiert. Bleibt er so makellos, wie es in dieser Gesellschaft definiert wird, ist der Verfall unwichtig. Deshalb scheut der Duchlan nicht davor zurück, zum Schutz dieses Ansehens zum ‚ehrenvollen‘ Selbstmord zu animieren. Ein Mord auf Duchlan Castle ist schlimm genug, aber die vor Gericht öffentlich würdende Schuld eines Familienmitglieds wäre der Untergang - ein mühlsteinschwerer Druck, den Autor Wynne immer wieder plausibel zu thematisieren weiß.
Von Adel, aber auch nur menschlich
Hinter den Kulissen steht es um die ‚Moral‘ der Duchlans nicht zum Besten. Wie in jeder Familie gibt es Konflikte. Der Schloss-‚Herr‘ ist finanziell abhängig von seiner Schwester. Darüber hinaus ist Lady Mary aus härterem Holz geschnitzt als ihr Bruder. Andeutungsweise, aber durchaus deutlich lässt Wynne die Tragik einer „starken Frau“ einfließen, die aufgrund einer maskulin dominierten Gesellschaftsstruktur ins Abseits geschoben wird. Dort verwandelte sich ihre Energie in Bitterkeit und Bosheit, verstärkt durch einen religiösen Fundamentalismus, der sie in eine moralische Instanz verwandelt.
‚Thronfolger‘ Eaghan ist ebenso schwach wie sein Vater. Die ständige Geldnot trieb ihn ins Glücksspiel, wo er ebenfalls kein Glück hat. Um ‚standesgemäß‘ leben zu können, setzt er nicht nur sich, sondern auch seine Gattin und den Sohn dem Regiment der bösen Tante aus. Oonagh wird von der Schwiegermutter systematisch terrorisiert, und der kleine Hamish zeigt alle Zeichen einer nervösen Belastungsstörung. Hilfe ist nicht zu erwarten. Dass Hausarzt Dr. McDonald die geplagte Oonagh moralisch unterstützt, nutzt Mary gnadenlos aus: Nach dem Gesetz verliert ein Doktor, der ein Verhältnis mit einer Patientin eingeht, nicht nur seinen Ruf, sondern auch seine Berufserlaubnis.
So kreist man auf Duchlan Castle schon vor der nun einsetzenden Mordserie nur mühsam kontrolliert umeinander. Dass mehrere Menschen auf eine Weise zu Tode kommen, die sich jeder rationalen Erklärung zu entziehen scheint, beschäftigt die Ermittler dagegen lange nur nebenbei. Vor allem die Polizei konzentriert sich auf die Familiendynamik und geht von Eifersucht, Ehebruch und Vertuschung aus.
Der klare Blick von außen
Seit 1925 ließ Anthony Wynne Dr. Hailey - Arzt wie der Autor selbst - ermitteln. „Das Geheimnis von Duchlan Castle“ ist der zwölfte Band einer Reihe, die bis 1950 fortgesetzt wurde. Zweieinhalb Jahrzehnte blieb der Verfasser seinem Credo treu, eine spannende und ‚realistische‘ Ermittlung mit der Auflösung eines kapitalen Mordmysteriums zu krönen. Dafür nahm Wynne in Kauf, nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende des klassischen englischen Rätselkrimis an den Rand einer Szene geschoben zu werden, in der es nunmehr gegenwartsnäher und härter zuging.
Obwohl Wynne letztlich den Plot in den Mittelpunkt rückte, war ihm der psychologische Aspekt ebenso wichtig. Die Duchlans belauern einander, die Beamten der Polizei und natürlich Dr. Hailey sind nicht unfehlbar; sie tappen im Dunkeln, irren sich, sind ratlos. Vor allem berücksichtigen sie jedoch, dass der Mensch in der Gruppe vielen, oft unterbewussten Vorgaben und Zwängen ausgesetzt ist, die krisenhaft zur Katastrophe führen können. Gerade Hailey ist für einen klassischen Privatdetektiv zurückhaltend, oft sogar zögerlich und keineswegs so von sich eingenommen wie einst Sherlock Holmes. Der Mensch ist ein komplexes Geschöpf: Das berücksichtigt Anthony Wynne, während er gleichzeitig an jene denkt, die in ihrem Krimi ein ‚echtes‘ Geheimnis erwarten (das übrigens in unserem Fall die Grenzen des Plausiblen zwar nicht sprengt, aber tüchtig dehnt).
Fazit
Klassischer kann der englische Rätselkrimi kaum sein; unter Wahrung sämtlicher vom Publikum erwarteten Vorgaben, aber unter Berücksichtigung des psychologischen Aspekts verfasste ein geschickter Autor diesen zu Unrecht vergessenen Klassiker, der spät, aber endlich auch in (guter) deutscher Übersetzung erscheint.

Anthony Wynne, Ullstein

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