Ozark Dogs

  • Atrium
  • Erschienen: April 2025
  • 1
Ozark Dogs
Ozark Dogs
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Sabine Bongenberg
65°1001

Krimi-Couch Rezension vonJul 2025

Von vielem zu viel.

Der alte Jeremiah Fitzjurls hat Fakten geschaffen. Er hat die Einladung der Universität von Arkansas an seine Enkelin Jo verschwinden lassen. Aber er weiß, dass er sie nicht mehr lange aufhalten kann. Warum sollte sie auch mit einem alten Mann auf dessen Schrottplatz bleiben, der neben dem Müll, den viele hierhin gebracht haben, auch noch den der Erinnerungen trägt? An einen Mord, der sich hier ereignete, an alptraumhafte Erinnerungen aus der Zeit eines Scharfschützen in Vietnam oder auch die vielen Geschichten über die Rücksichtslosigkeit und die Verzweiflung im Hinterland der US-amerikanischen Südstaaten. Immerhin: Jeremiah kann Jo ein wenig unterstützen und so fährt er sie zum großen Ball ihrer Schule, er pflückt für sie ein paar Blümchen, er posiert für das Bild und er macht sich auch auf die verzweifelte Suche nach seiner Enkelin, als diese vom Ball nicht mehr nach Hause kommt...

Was vom Glanz des Südens übriggeblieben ist

Eli Cranor erzählt in seinem Roman "Ozark Dogs" von der vergessenen Gesellschaft der amerikanischen Südstaaten. Einige von ihnen sind wie die wilde Bande der "Ozark Dogs", die der alte Jeremiah tatsächlich auf seinem Schrottplatz hält. Sich selbst überlassen, kennen sie keine Gnade. Der Stärkere frisst den Schwächeren und manchmal weiß man nicht, ob die Überlebenden tatsächlich die sind, die Glück gehabt haben. Dennoch - man kann sich hier irgendwie durchschlagen. Zumindest solange man in seiner Ecke bleibt und sich hier verschanzt. Problematisch wird es aber, wenn sich diese Ecken mit deren anderer Familien überschneiden.

In erster Linie handelt der Roman von zwei Familien, von denen die eine so verzweifelt wie die andere ist. Wenn das auch sicher keiner so bemerkt. Die eine hat sich auf die Herstellung und den Verkauf von Drogen spezialisiert und ist in ihrer Freizeit in einem berühmten Clan unterwegs. Die andere versteckt ein düsteres Familiengeheimnis, bekämpft ihre Alkoholsucht und schlägt sich mit dem Müll anderer Leute durch. Es ist ein Roman mit einer Sammlung finsterer Schicksale und mindestens genau so vieler dunkler Lebensentwürfe. In diesem tiefen Tal steckt auch die junge Generation - hier thematisiert von Jo Fitzjurls und ihrem Freund dem aufstrebenden Footballstar Colt - die aber genau wie die Generationen vor ihnen in die Mühlen der hiesigen Gesellschaft geraten.

284 Seiten und so viele Themen

Dennoch hat Cranor auf insgesamt 284 Seiten einfach zu viel gewollt. Da ist einerseits die Opa-Enkelin-Geschichte, andererseits die der verdorbenen Nachbarschaft, die der Clanmitgliedschaft, die der Teilnahme am Vietnam-Krieg und damit dem großen amerikanischen Trauma, die vom Kampf gegen die Alkoholsucht, die von komplizierten Familienverhältnissen, unbekannten Müttern und fehlenden Vätern und - wenn ich das richtig verstanden habe - zuletzt noch vom Bruch eines großen Tabus. Es ist einfach zu viel. Cranor lässt zudem einen Reigen von Personen auftreten, deren Charakter allenfalls angekratzt wird. Hier wäre ein vielschichtiger Roman möglich gewesen - aber wenn alles nur an der Oberfläche vorbeischrammt, kann das nicht funktionieren ...
Es darf aber auch nicht vergessen werden, dass Cranor, der auf eine Karriere als ehemaliger Footballprofi zurückschaut, mit diesem Werk erst seinen zweiten in Roman in Deutschland präsentiert. Gut und spannend erzählen kann er. Wenn er sich jetzt noch auf einen ruhigeren Fluss einlassen könnte und nicht meint, dass der Leser in jedem Kapitel eine neue - düstere - Idee lesen muss, dann kann das nächste Werk nur brillant werden. Bis dahin hat dieser Roman aber derzeit noch Luft nach oben.

Fazit

Mit "Ozark Dogs" erzählt der US-amerikanische Autor Eli Cranor einen neuen, düsteren Southern-Noir Roman. Sicherlich spannend beschreibt er menschliche Abgründe, verliert sich aber in zu vielen Aspekten. Hier wäre nach dem alten Motto "Weniger ist Mehr" ein sicherlich ruhigerer, aber dafür auch deutlich tieferer Roman denkbar gewesen.

Ozark Dogs

Eli Cranor, Atrium

Ozark Dogs

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