Die Frau in den Fluten

  • Edition M
  • Erschienen: August 2025
  • 1
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Sabine Bongenberg
90°1001

Krimi-Couch Rezension vonSep 2025

Alle sind freundlich - alle sind böse - alle sind nur Menschen.

Irgendwie ist das Leben an Chloe Cooper vorbeigelaufen. Immer stand sie unter der Fuchtel ihrer dominanten Mutter, immer wurde sie vor der Boshaftigkeit der Menschen gewarnt und nie konnte sie Vertrauen in ihre eigenen Stärken entwickeln. Aber Chloe hat gelernt, damit fertig zu werden. Sie ist jetzt damit zufrieden, die Menschen zu beobachten. Wenn schon ihr eigenes Leben keine tolle Rolle für sie bereithält, so vielleicht das ihrer Mitmenschen. Chloe schaut genau hin. 
Ganz genau beobachtet sie das glamouröse Ehepaar, das in den scheußlichen Betonklotz gegenüber eingezogen ist. Besonders gerne sieht sie der schönen Ehefrau Jemma bei ihrem Schwimmtraining am frühen Morgen zu. Die ist aber auch wirklich vorbildlich in ihrem Training. Auch wenn das Wetter noch so scheußlich ist, zieht sie mit ihrer pinken Badekappe die Runde durch die Bucht. Bis zu dem Tag, an dem sie von einem Jetskifahrer überfahren wird. Man könnte glauben - das war ein schrecklicher Unfall. Aber Chloe hat mehr gesehen - viel, viel mehr und ahnt nicht, welche Kette von Ereignissen sie lostritt. Ereignisse, die sich zuletzt auch auf ihr eigenes Leben auswirken werden.

Schon wieder eine autistische Heldin

Loreth Anne White konnte bisher mit vielen grandiosen Krimis punkten. Gerne geht es in diesen Werken um Menschen, die es sich zum Hobby gemacht haben, andere zu beobachten. Immer geraten sie dabei in einen Strudel von Geheimnissen. Auch hier frönt die Hauptdarstellerin Chloe diesem an und für sich harmlosen Hobby, das aber - falls es zur Obsession wird - gerne auch als "Stalken" bezeichnet wird. Ihr eigenes Leben schlägt keine großen Wellen: Sie arbeitet als Barkeeperin, malt in ihrer Freizeit, lebt mit ihrer pflegebedürftigen Mutter in einer winzigen Wohnung zusammen und damit sie die Miete irgendwie zusammenbringt, betätigt sie sich als Hundeausführerin. So einfach - so unspektakulär. Erst im Laufe des Romans erfahren wir, dass sich hinter der jungen Frau wesentlich mehr verbirgt, als anfangs gedacht. Ihre Barkeeper-Rezepte hat sie sich durch Internet-Tutorials beigebracht und ihre Bilder werden mit denen von Edward Hopper verglichen. Ihre Charakterisierung spiegelt aber für alle Hobbymediziner scheinbar deutliche Züge autistischer Menschen wider und das brachte mich anfangs zu dem Gedanken "Och, nöööö, nicht schon wieder". 

Täter, Opfer, Lügner, Betrüger - und dann dreht sich alles

Chloe ist aber nicht die einzige "Heldin" dieses vielschichtigen Romans. White erzählt auf verschiedenen Ebenen und lässt nach einem Zeitsprung die Geschehnisse rund um Chloe, Jemma und deren Ehemann Adam in einer Real-Crime-Show aufarbeiten. Ebenso wechseln die Protagonisten kapitelweise und so wird detailliert auch über die Charaktere und Motive aller Beteiligten berichtet. Das aber macht die Lektüre nicht immer einfach. Irgendwo kann der/die Leserin die Misere und das persönliche Unglück jedes Darstellers verstehen. Andererseits scheint jede und jeder hier hässliche kleine oder große Geheimnisse zu verbergen. Spätestens in der Mitte des Romans fragen sich sicher alle, die den Roman lesen, wer denn hier eigentlich der oder die "Gute" ist. 

White gelingt es in ihrem spannenden Roman tatsächlich die Perspektiven zu drehen. Aus Tätern werden Opfer, aus "Stalkern" herbeizitierte Zeugen und aus kleineren Vergehen und Lügen unüberwindliche Barrieren. Das Ganze wird so spannend präsentiert, dass ich den Roman kaum aus der Hand zu legen vermochte. Ein kleines wenig möchte ich allenfalls daran herummeckern, dass die beteiligte Polizei - wie aber gerne in Krimis - keine große Rolle spielt und vielmehr auch noch instrumentalisiert wird. Absolut treffend fand ich die Auflösung des Romans, denn White verhängt immer die Höchststrafe für all jene, die es am meisten verdienen. 

Fazit

Loreth Anne White liefert den bisher spannendsten Roman ihrer Werke ab. Niemand ist so, wie er scheint, nichts wird vergeben oder vergessen und dennoch wird das Ganze umfassend und grandios aufgeklärt. 

Die Frau in den Fluten

Loreth Anne White, Edition M

Die Frau in den Fluten

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