Die Engel von Alperton
- Atrium
- Erschienen: April 2025
- 0


Geheimnis & Lebensfaden gelöst.
Ex-Journalistin Amanda Bailey schlug sich durch raue Berufsjahre als Journalistin, stieg dann um und wurde Autorin mehr oder weniger reißerischer „True-Crime“-Krimis. Drei dieser Werke hat sie bisher veröffentlicht und sucht nach einem neuen Stoff, als ihr das Glück zu winken scheint: Ein Buchverlag möchte eine neue Reihe mit Sachbüchern über „wahre Verbrechen“ auf den Markt werfen. Bailey wird als Autorin geködert. Solche Aufträge sind rar gesät, sie sagt zu - und zappelt wie viele andere Pechvögel im Spinnennetz der „Engel von Alperton“.
18 Jahre zuvor begann im Großraum London ein nie gelöstes Morddrama, als drei Mitglieder einer kleinen Sekte - die von den Medien so getauften „Engel“ - offensichtlich kollektiven Selbstmord begingen. „Gabriel“, Anführer der Engel, brachte außerdem ein Nicht-Mitglied grausam um.
Am Ort der ersten Tat fand man „Jonah“, „Holly“ und einen damals gerade geborenen Säugling. Die beiden Siebzehnjährigen - die Eltern des Kindes? - waren so verwirrt, dass sie nicht verhört werden konnten. Man überführte sie in eine Pflegeeinrichtung, und dort sind sie quasi verschwunden.
Wie konnte das geschehen? Wider Erwarten fängt Amanda Feuer und beginnt zu recherchieren. Obwohl gut vernetzt und nie vor Notlügen zurückschreckend, kommt sie den überlebenden „Engeln“ zunächst nicht näher. Die Zeugen schweigen, und reden sie, erinnern sie sich alle anders an die Ereignisse - oder sie sterben, wie auch Amanda in Lebensgefahr gerät, als sie sich hartnäckig zum Kern des Mysteriums vorarbeitet ...
Schreiben als Handwerk und Lebensform
Eine Krimi-Geschichte, die mit ‚übernatürlichen‘ Elementen angereichert wird, ist eine Herausforderung. Wird die Verknüpfung von ‚Realität‘ und dem Mysteriösen gelingen? Der Grat, auf dem die Leser einer solchen Geschichte zu folgen bereit sind, ist schmal. Hinzu kommt, dass die Entscheidung, ob die unheimlichen Aspekte tatsächlich auf Aktivitäten aus dem Zwischenreich basieren, möglichst weit aufgeschoben wird. Oft entpuppen sich solche Heimsuchungen final als Inszenierungen sehr weltlicher Urheber, die auf die Leichtgläubigkeit weichgeistiger Mitmenschen setzen, um sich zu bereichern.
Janice Hallett erhöht den Einsatz: Sie erzählt keine stringente Geschichte, sondern setzt die Handlung aus Informationsbruchstücken zusammen. Vor allem wird uns die E-Mail-Korrespondenz der Hauptfigur Amanda Bailey präsentiert, die an sämtlichen Fäden zieht, um an Informationen über die „Engel“ zu kommen. Sie erhält unzählige Antworten, wobei diese mehrheitlich ins Leere laufen, weil selbstbewusstlose ‚Fans‘ an der Bekanntschaft mit einer vagen ‚Berühmtheit‘ kleben, sich als Spinner und/oder Verschwörungstheoretiker erweisen oder schlicht nichts wissen: Hallett gibt sich große Mühe, den mühseligen Alltag einer Berufs-Autorin darzustellen.
Hinzu kommen private Notizen, Ausschnitte aus Notizen, (Dreh-) Büchern, Zeitungsartikeln und anderen Publikationen. Sie bilden einen Informationswust, durch den man sich hindurcharbeiten sollte. Es lohnt sich, wie auch der Untertitel ankündigt: „Der Teufel steckt im Detail“, was man in diesem Fall wörtlich nehmen sollte. Das könnte für die Fraktion der Ungeduldigen hart werden, denn es dauert, bis sich aus einer Fülle banal wirkender Kurztexte eine Geschichte herauszukristallisieren beginnt, die nach und nach ihre unterschwellige Bedrohlichkeit erkennen lässt.
Vorsicht vor allzu günstigen Gelegenheiten!
„Die Engel von Alperton“ ist auch die Geschichte einer Frau in der Krise. Amanda Bailey mag erfolgreich sein, doch sie balanciert auf einem dünnen Seil. Als Produzentin moderner Verbrauchsliteratur muss sie schnell arbeiten und liefern, was in den Abverkaufsstationen, die an die Stelle von Buchläden getreten sind, möglichst viele Kunden findet. „Die Engel von Alperton“ schildert einen harten Alltag, in dem für Klio, die Muse der Autoren, kein Platz vorgesehen ist. Amanda schreibt unter dem stetigen Zeitdruck ohnehin geiziger (oder klammer) Verlage; ein Spesenkonto gäbe es leider nicht, erfährt Amanda, doch das ist keine Überraschung für sie, sondern der Normalzustand.
Greift Hallett auf eigene Erfahrungen zurück? Sie weitet den Blickwinkel, indem sie die moderne Medienwelt in ihren Fokus einschließt. Zeitungen sind nur noch ausgelaugte Schatten ihrer großen Vergangenheiten, das Fernsehen steht ebenfalls auf der Kippe, und das Internet schwemmt eine Flut aus „Influencern“ und Möchtegern-Journalisten unter schimmelschattigen Steinen hervor. Sie stellen eine neue, an Selbstausbeutung und subjektive, profitorientierte Themendarstellung gewöhnte Generation dar, mit der Amanda als noch ‚klassisch‘ ausgebildete Journalistin konkurrieren muss.
Längst sucht auch sie nach Themen, die wenig Recherche und Vor-Ort-Anwesenheit erforderlich machen, um Zeit und Kosten zu sparen. Gleichzeitig leidet sie quasi am Idealismus ihrer Jugend, als sie noch nach Fakten grub, um Rätsel zu lösen. Deshalb muss Amanda nicht in die Falle gelockt werden. Sie spürt den Sog, der von den „Engeln“ ausgeht, und kann ihm nicht widerstehen, denn er mobilisiert ihre brachliegenden Fähigkeiten. Amanda ist nicht ausgelastet mit der Herstellung von Urlaubsstrandliteratur. Ihre Intelligenz, ihr Ehrgeiz und ihre Findigkeit brechen sich Bahn - und bestätigen einmal mehr als alte Sprichwort, nach dem keine gute Tat unbestraft bleibt.
Wie soll das enden?
Wie es sich angesichts des Themas gehört, lässt uns Hallett so lange wie möglich im Ungewissen: Haben wir es mit einem Fall kollektiven Irrsinns zu tun, oder tückt im Hintergrund tatsächlich der Antichrist? Die Autorin stellt dar, wie einfach es ist, in eine psychische Ausnahmesituation zu geraten, die das rational Unmögliche ‚Realität‘ werden lässt. Dabei rückt die Frage nach der Logik in den Hintergrund. Das Internet sorgt für einschlägige Quellen. Dass sie einander nur zu oft widersprechen, spielt keine Rolle: Verblendung kann sich in einem Maße verselbstständigen, die den Betroffenen selbst Rätsel aufgibt, konnten sie sich endlich von ihrer Fixierung lösen. Dies gilt erst recht, wenn entsprechend begabte ‚Mentoren‘ mental und seelisch schwache Mitmenschen entsprechend triggern und fernsteuern.
Die Möglichkeit einer tatsächlichen satanischen Heimsuchung bleibt ebenso vage wie vorstellbar. Hallett muss sich in dieser Hinsicht besonders anstrengen, da die rudimentäre Form der Erzählung fordert, Zwischentöne und Unterströmungen anders als in einem Fließtext zu formulieren. Dass ihr dies gelingt, trägt zur spannenden Ungewissheit bezüglich der endgültigen Aufklärung bei.
Im letzten Drittel kommt Schwung in unser Rätsel. In rascher Folge entwirrt Hallett erfreulich unerwartet das Knäuel miteinander verschlungener Handlungsfäden. Hinter dem „Engel“-Mysterium steckt eine Story, die man als so unwahrscheinlich einordnen möchte, dass sie sich nur in der Realität ereignen könnte, die bekanntlich jede Fiktion in den Schatten zu stellen vermag. Es gilt am Ball zu bleiben, um in dem komplexen Gewirr die Übersicht zu behalten. Irgendwann sind tatsächlich sämtliche Fragen beantwortet. Das ist wichtig, denn Hallett hatte uns neugierig gemacht und so kunstvoll an der Nase herumgeführt, dass wir uns diese Befriedigung verdient haben.
Fazit
Aus Informationsbruchstücken setzt die Autorin ein Rätsel zusammen, dessen Brisanz auch viele Jahre später tödliche Folgen nach sich zieht. (Auto-) Suggestion, Manipulation und Neugier gehen nahtlos in toxische Zwischenmenschlichkeiten, Alltagsstress und skrupellose Komplottvertuschungen über: keine einfache Lektüre, aber die Autorin ‚liefert‘, wenn sie den Rätselknoten aufdröselt.

Janice Hallett, Atrium

Deine Meinung zu »Die Engel von Alperton«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!