Don't Let Her Stay
- HarperCollins
- Erschienen: Februar 2025
- 0


Gaslighting bis der Arzt kommt.
Seitdem Joanne ihr erstes Kind bekommen hat, hat sich doch so Einiges in ihrem Leben geändert: Früher hatte sie ihren eigenen Job, war aktiv, traf sich mit Freunden - jetzt ist sie oft noch mittags in der Jogginghose unterwegs, versucht ihrer Putzfrau ein Gespräch aufzudrängen und anstelle von Parfum tragt sie jetzt Babyspucke auf ihrem Shirt. Irgendwie hatte sie sich das mit dem Muttersein doch ganz anders vorgestellt. Aber es gibt immerhin auch eine schöne Nachricht: Chloe, die erwachsene Tochter ihres Mannes Richard will die kleine Familie besuchen. Ehrlich gesagt - das kommt ein wenig überraschend, hatte sich Chloe doch von ihrem Vater wegen seiner zweiten Hochzeit vollkommen losgesagt. Aber immerhin können Menschen sich doch ändern. Joanne träumt von gemeinsamen Mädelsabenden, von Gesprächen unter Frauen, von Shoppingtouren, doch muss sie alsbald einiges lernen: Mit der Chloe, die hier bei ihnen einzieht, ist das alles nicht möglich. Ganz im Gegenteil - bald lernt Joanne die Stieftochter zu fürchten - oder bildet sie sich das alles nur ein?
Wenn man den Tag mit "Babysprech" verbringt
Nicola Sanders lässt in ihrem zweiten in Deutschland veröffentlichten Roman die Ich-Erzählerin Joanne aus ihrem nicht ganz so spannenden Leben erzählen. Vor ihrer Eheschließung mit Richard und vor der Geburt der kleinen Evie hatte sie große Pläne, was das zukünftige Familienleben anging. Aber dann hat sich doch nicht alles so entwickelt, wie sie es sich früher wünschte. Mal ganz davon abgesehen, dass auch alles ziemlich schnell ging. Die kleine Evie ist wirklich süß und lieb - aber ein "Schreikind" und das schlaucht gewaltig. Viele von uns haben sicherlich diese Geschichte von Freundinnen gehört oder erleben sie gerade selber und haben für Joanne großes Verständnis.
Bei mir änderte sich das allerdings bald, als die junge, hübsche Chloe das Haus betrat und anfing ihre fiesen Intrigen zu spinnen. Schon nach ein paar Seiten fragte man sich, wie eine gestandene Frau wie Joanne dermaßen in das Netz einer gerade mal volljährigen jungen Frau gehen konnte und sich so dermaßen in Bockshorn jagen lässt. Joanne ist offensichtlich bereit, jede, aber auch jede Frechheit ihrer Stieftochter zu akzeptieren, ohne für sich irgendwelche Konsequenzen zu ziehen. Aus der Königin wird die Dienstmagd und eine boshafte Cinderella beherrscht das Feld.
So viel Naivität zerrt an den Nerven
Manchmal weiß man auch nicht was anstrengender ist: Chloes arrogante Attacken und miesen Intrigen, die nicht einmal besonders intelligent gestaltet sind, sondern nur eine gewisse Bauernschläue offenbaren - oder der hilflose Umgang der Ich-Erzählerin mit diesen Aktionen. Joanne scheint irgendwann jeden Funken Verstand ausgeschaltet zu haben. Die verzogene Göre lässt sich von vorne bis hinten bedienen und erpresst sie mit fotogeshopten, amourösen Fotos mit dem Gärtner? Joanne springt ohne Ende, um ein gewaltiges Geburtstagsbüffet auf die Beine zu stellen, nur um festzustellen, dass die Stieftochter doch schon längst alle ausgeladen hat? Chloe benötigt dringend den Code für ihr Handy und hat sich bisher nur durch Gemeinheiten und Boshaftigkeiten ausgezeichnet? Natürlich bekommt sie den und "natürlich" wird sie mit dem Code keinerlei Unsinn anstellen. Tritt das dann am Ende des Tages nicht ein, ist die gebeutelte Gastgeberin überrascht und gekränkt. Gerne würde ihr so manche*r Leser*in jetzt ein deutliches "Siehste!" entgegenschmettern - wären sie nicht langsam von Joannes Naivität genervt.
Tatsächlich ist der Roman keine einfache Lektüre, geht doch die Naivität seiner Protagonisten gewaltig auf die Nerven. Das ist eigentlich sehr schade, denn grundsätzlich ist der Roman spannend verfasst und es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass Sanders schon das "Thriller-Handwerk" versteht. Gut gemacht ist auch, dass die Leser*innen erst von dem einen und dann noch einem anderen Twist einmal hin und dann wieder hergerissen werden und sich in einem überraschenden Ende wiederfinden. Dennoch - bis dahin ist es ein anstrengender Spagat zwischen Naivität und Boshaftigkeit.
Fazit
Zieht jemand in dein Haus ein, den du nicht kennst - kann das funktionieren, muss es aber nicht. Lässt du aber jemanden in dein Haus einziehen, der dir in kürzester Zeit die Zügel aus der Hand nimmt, dann solltest du einmal gut überlegen, ob das nicht doch an dir liegt.

Nicola Sanders, HarperCollins

Deine Meinung zu »Don't Let Her Stay«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!