Zurück unter Mördern

  • Aufbau - Taschenbuch
  • Erschienen: Dezember 2025
  • 1
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Carola Krauße-Reim
65°1001

Krimi-Couch Rezension vonMär 2026

Ausführliche Recherche wenig spannend umgesetzt.

Henry Mahler hat den Zweiten Weltkrieg zwar überlebt, aber dennoch tiefe Wunden davongetragen. Seine berufliche Existenz ist zerstört, seine Frau spurlos verschwunden. Ohne Perspektive lebt er in den Tag hinein, trinkt zu viel Alkohol und verliert immer mehr den Lebensmut. Da kommt das Angebot eines alten Freundes gerade recht – Mahler soll sich als Privatdetektiv engagieren lassen, um die Geschehnisse rund um die Hamburger Kaffeedynastie Lassally aufzuhellen. Die jüdisch-stämmige Familie verlor unter den Nazis alles und Oberhaupt Eduard Lassally soll angeblich Selbstmord begangen haben. Dessen Sohn Oswald glaubt nicht daran und möchte außerdem wissen, ob bei dem Verkauf des Firmenimperiums alles rechtens war, um eventuelle Regressansprüche stellen zu können.

Der Autor

Michael Jensen ist ein Arzt und Traumatherapeut, für den Geschichten und Worte „magisch“ sind. Daher ist es verständlich, dass er nicht nur Sachbücher verfasste, sondern auch über den Tellerrand hinausgeschaut hat und Autor von Krimis wurde. Seine berufliche Erfahrung hat ihm gezeigt, dass Traumata einen Menschen lange beeinflussen, wenn nicht sogar ganz zerstören können. Diese Erkenntnis lässt er häufig in seine Bücher einfließen, die sich meist mit der Nachkriegszeit und den damals herrschenden Zuständen beschäftigen.  

Sehr gute Recherche als Grundlage

Die Hamburger Familie Lassally gab es tatsächlich. Jensen hat ihr Schicksal in Archiven akribisch recherchiert. Wie viele jüdische oder jüdisch-stämmige Familien wurde auch sie von den Nazis verfolgt und zahlreiche ihrer Mitglieder umgebracht. Der Autor schreibt daher mit diesem Krimi auch gegen das Vergessen an. Ein weiterer wichtiger Aspekt für Jensen war aber auch die Darstellung der wirtschaftlichen Ausbeutung jüdischer Mitbürger. Enteignungen wohlhabender Familien waren unter der damaligen Gesetzgebung völlig legal. Das Naziregime hatte handfeste Interessen an Vermögen und Besitztümer zu kommen, um die eigenen Kassen aufzufüllen. So konnte jeder auf „Judenauktionen“ mitbieten, um an vorher Beschlagnahmtes zu gelangen. Jensen beschreibt die Enteignungen und ihre möglichen Folgen im Buch, genauso wie die Tatsache, dass im Nachkriegsdeutschland viele öffentliche Posten und Ämter mit ehemaligen Partei- oder sogar SS-Angehörigen besetzt waren und das Nazi-Gedankengut noch weit verbreitet war.

Es fehlt die Spannung

Leider ist „Zurück unter Mördern“ ein Beispiel dafür, dass eine exzellente Recherche noch lange nicht in einem guten Buch münden muss. Auch das beste Wissen muss noch einnehmend umgesetzt werden. Und diese Umsetzung bedeutet gerade bei einem Krimi vor allem auch Spannung zu erzeugen. Hier hakt es im vorliegenden Buch gewaltig. Die Suche nach der Wahrheit über den angeblichen Suizid entpuppt sich als langwieriges Stochern im Nebel, das zwar die 1955 herrschenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zustände in Hamburg bestens porträtiert, aber keine Spannung generiert. Die damals noch immer existierenden alten Seilschaften sind schockierend, ihre Auswirkungen auf Henry Mahler auch, aber ein spannender Krimi wurde daraus nicht gebastelt. Und die Rückblicke ins Jahr 1933 geben nur das wieder, was schon durch Erwähnungen im Jahr 1950 bekannt ist. So entsteht eine Aneinanderreihung von ständigen Wiederholungen, die auch den letzten Funken Spannung erlöschen lassen.

Fazit

„Zurück unter Mördern“ ist ein gut recherchiertes Gesellschaftsdrama, aber kein Krimi. Wer sich für die Verhältnisse im Nachkriegsdeutschland und die Probleme jüdischer Überlebender auf der Suche nach Gerechtigkeit interessiert, ist hier gut aufgehoben. Wer allerdings einen spannenden Krimi erwartet, dürfte enttäuscht werden.

Zurück unter Mördern

Michael Jensen, Aufbau - Taschenbuch

Zurück unter Mördern

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