Not Quite Dead Yet
- Lübbe
- Erschienen: Juli 2025
- 9


Suche deinen Mörder - in einer Horde Verbrecher...
Gerade eben hatte sie ihre schaurige Maske im Zerrbild des Gruselkabinetts bewundert, war über den "Halloween Markt" ihrer Heimatstadt Woodstock geschlendert, als sich das Leben der 27jährigen Jet Mason plötzlich ein- für allemal ändert. Im Haus ihrer Eltern wird sie brutal niedergeschlagen und vermeintlich tot zurückgelassen. Aber der/die Mörder*in hat sich böse verrechnet: Jet ist nicht tot und kann im Krankenhaus ihr Bewusstsein wieder erlangen. Leider kann sie keinerlei Hinweise zum Tathergang liefern und es kommt noch wesentlich schlimmer: Jets Gehirn hat bei dem Mordversuch irreversible Schäden erlitten und bereits jetzt ist klar, dass sich ein inoperables Aneurysma bilden wird, das sie innerhalb einer Woche töten wird.
Aus medizinischer Sicht ist das so gewiss wie das berühmte "Amen" in der Kirche. Jet fragt sich jetzt, was sie mit ihrer verbliebenen, kostbaren Zeit machen kann. Sie könnte im Krankenhaus bleiben oder sich im Schoß der Familie auf ihre letzte Reise vorbereiten. Sie könnte aber auch versuchen, ihren Mörder zu überführen. Wie aber soll das gehen, scheint doch jeder in der Kleinstadt hässliche kleine Geheimnisse zu verbergen? Jet macht sich an die unlösbar scheinende Aufgabe und stellt fest, dass sie, die immer geglaubt hat, keine Feinde zu haben, nur einen echten Freund zu haben scheint.
Holly Jackson auf dem Gebiet der "Erwachsenenliteratur"
Holly Jackson rockte vor einigen Jahren mit ihrem Jugendroman "A good girls guide to murder" die Literaturszene. Nicht nur, dass dieser Roman die Bestsellerliste stürmte, er wurde auch verfilmt, lieferte einen spannenden Stoff für eine Serie und die Geschichte der spröden Heldin Pip wurde in zwei weiteren Bänden fortgesetzt. Mit dem Roman um den Mordversuch und den bald vollendeten Mord an Jet legt Jackson ihren ersten Erwachsenenroman vor. Eifrigen Krimilesern mag die Idee dabei nicht ganz neu erscheinen, drehten sich doch schon einige Handlungen in Romanen um Mordopfer, die ihre eigenen Täter suchten. Das geschah allerdings in der Regel aus dem Jenseits und nicht mit der Besonderheit, dass ein Verbrechensopfer unter zeitlich sehr engen Bedingungen ihren Mörder sucht.
Jackson berichtet über eine spröde Heldin, die es im Leben nicht ganz einfach hatte. Wegen einer Nierenerkrankung muss sie eine strikte salzarme Diät halten und eigentlich war ihr letzter großer Erfolg der, als sie mit zehn Jahren den Buchstabierwettbewerb ihrer Schule gewann. Aber selbst dieser Tag stellt kein Ruhmesblatt dar, wurde dieser Tag doch von einer familiären Tragödie überschattet. Seitdem gibt es immer den Gedanken "wenn sie nicht der Schule gewesen wären, ja dann…vielleicht..." Selbstverständlich ist es müßig darüber nachzugrübeln, aber Jet hat dennoch gelernt, dass es nicht schaden kann, wichtige Dinge auf den nächsten Tag zu verschieben. Denn - seien wir ehrlich - vieles gelingt ihr sowieso nicht.
Wenn es plötzlich kein "Morgen" mehr gibt
Mit der verbleibenden Lebensdauer ist sie jetzt aber gezwungen, ihrem Lebensmotto, der Prokrastination, abzuschwören. Es bleibt nur wenig Zeit, um herauszufinden, wer ihr nach dem Leben trachtete und dazu auch noch, um ihr Leben überhaupt ein wenig zu ordnen. Bei ihren Untersuchungen erfährt der/die Leserin aber dann doch Unglaubliches: Die gut situierte Bauunternehmerfamilie Mason versteckt so manche unappetitliche Leiche in ihrem gut gehüteten Keller. Kaum jemand scheint tatsächlich so zu sein, wie er vorgibt und im Laufe der Geschichte erfährt die sprachlose Leserschaft so einiges von Ehebrüchen, Betrug, weiteren Mordversuchen oder auch von Körperverletzungen. Erstaunlich war für mich allerdings, dass hier vieles nach dem Ruchbar werden nicht sofort zur Anzeige gebracht wird, denn das wäre für mich in jedem Fall eine logische Folge gewesen.
Gelegentlich hätte ich mir auch eine etwas straffere Handlung gewünscht. Dennoch erzählt Jackson ihre Geschichte mit Ruhe und Bedacht - und wer am Anfang vielleicht die Langsamkeit bemängelt, wird zum Schluss mit umso mehr Tempo belohnt. Ganz gelungen ist allerdings auch nicht alles, einiges wird doch auf "Kommissar Zufall" zurückgeführt und manches scheint ein wenig konstruiert. Beeindruckend fand ich allerdings die Rolle der Jet und natürlich hatte ich anfangs gedacht, dass es doch noch irgendwie ein gutes Ende - oder eine Fristverlängerung - für sie geben müsste. Als Jackson aber schildert, wie sich der Zustand ihrer Heldin im Lauf der Zeit verschlechtert, da musste ich dann auch zu dem Eindruck kommen, dass die Zeitvorgabe durchaus ernst gemeint war. Mir gefiel auch die zarte kleine Liebesgeschichte, die in der ganzen Schwärze doch immerhin für ein bisschen Licht sorgte.
Fazit
Holly Jackson beweist mit ihrem Roman, dass sie durchaus auch ein Schwergewicht auf dem Gebiet der Erwachsenenliteratur darstellen kann. Der absolut siedend heiße Garpunkt mag mit diesem Werk noch nicht ganz erreicht sein - aber es schadet doch auch nicht, wenn ein klein wenig Luft nach oben bleibt.

Holly Jackson, Lübbe

Deine Meinung zu »Not Quite Dead Yet«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!