Kill for Me
- Goldmann
- Erschienen: Februar 2026
- 2


Zwei Opfer werden zu Mörderinnen – mit fatalen Folgen.
New York, 2018: Amanda Whites Leben war eigentlich perfekt – bis vor einem halben Jahr ihre sechsjährige Tochter Jess entführt, missbraucht und brutal ermordet wurde. Ihr Mann Luiz, der sich die Schuld am Verschwinden der Tochter gegeben hatte, beging eine Woche später Suizid. Was das Leben seit dem noch zusätzlich für Amanda so unerträglich macht, ist der Umstand, dass der vermeintliche Mörder Wallace Crone, ein bereits mehrfach wegen sexuellen Missbrauchs vorbestrafter Börsenmakler, weiterhin frei herumläuft. Ähnlich ergeht es Wendy, die Amanda bei einer Selbsthilfegruppe für Trauernde kennenlernt. Ihre Tochter wurde vom Musiklehrer vergewaltigt und getötet. Aber auch in diesem Fall wurde der Täter aus Mangel an Beweisen nicht zur Rechenschaft gezogen. So beschließen die beiden Frauen eines Nachts, dass Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, um mit der Vergangenheit abschließen zu können: Wendy soll Wallace Crone umbringen und Amanda den Musiklehrer töten, während die jeweils andere ein perfektes Alibi besitzt. Doch eine von beiden spielt ein perfides Spiel – mit ungeahnten Folgen für die andere.
Standalone des Bestsellerautors
Der britische Autor Steve Cavanagh ist aus der hiesigen Thrillerlandschaft seit 2022 nicht mehr wegzudenken. In diesem Jahr erschien im Goldmann Verlag mit „Thirteen“ der vierte Band der sensationellen Eddie-Flynn-Reihe erstmals in deutscher Übersetzung. Seitdem ist der Autor Dauergast in den Bestsellerlisten. Nun erscheint mit „Kill for me“ außerhalb der Reihe (Allerdings wird Flynns Freund, der Mafiaboss Jimmy „The Hat“ Fellini, erwähnt!) ein Standalone über zwei Frauen, die sich gegen ihr Schicksal zur Wehr setzen. Cavanagh macht in seinem aktuellen Thriller keinen Hehl daraus, dass das Grundmotiv des Romans eine Hommage an Alfred Hitchcocks Film „Der Fremde im Zug“ ist, der auf dem Debütroman „Strangers on a Train“ der US-amerikanischen Thrillerautorin Patricia Highsmith beruht. Der Film wird nicht nur häufiger erwähnt, sondern spielt auch eine zentrale Rolle. Allein schon deswegen dürfte die erfrischend modernisierte Version des Themas auch für Freunde des klassischen Kriminalromans interessant sein.
Meister des Twists
Im Mittelpunkt stehen mit Amanda und Wendy zwei vom Leben gebrochene Frauen, die es nicht ertragen können, dass die Mörder ihrer Töchter – obwohl sie bekannt sind – nicht bestraft werden. Vom Justizsystem im Stich gelassen, kennen sie nur ein Ziel - die Täter zu töten. Da der Verdacht verständlicherweise direkt auf die jeweils betroffene Mutter fallen würde, tauschen beide kurzerhand die Rollen. So weit, so mörderisch. Doch eine der beiden spielt mit falschen Karten. Klingt zunächst wenig spektakulär. Und tatsächlich zieht sich der erste Teil des Romans auch etwas, da der Autor sich sehr viel Zeit für die Entwicklung der Frauenfiguren nimmt. Den wahren Clou erkennt man dann auch erst viel später.
Cavanagh entwickelt von Beginn an einen zweiten Erzählstrang: Die Immobilienmaklerin Ruth Gelman wird eines nachts in ihrer New Yorker Wohnung von einem Unbekannten überfallen und schwer verletzt. Nur durch einen Zufall überlebt sie den Angriff. Mühsam findet sie dank ihres Mannes wieder ins Leben zurück – bis sie den Täter in einem Hotel wiedererkennt und erneut eine Welt für sie zusammenbricht.
Wie die beiden Erzählstränge zusammengehören, erfährt man im Laufe der Handlung. Spätestens ab diesem Zeitpunkt kennt die Geschichte dann auch kein Halten mehr. Ein Twist jagt den nächsten. Viele sind überraschend, aber nicht alle. Ab und an legt Cavanagh dann doch zu offensichtlich falsche Fährten. Das ist aber zu verschmerzen, hat er doch immer noch einen Pfeil im Köcher.
Wenn Opfer zu Tätern werden
Der multisperspektivisch, in kurzen Kapiteln erzählte Thriller spart auch die Sicht eines Ermittlerduos nicht aus. Besonders die Figur des Detectives Andrew Farrow ist für die Erzählung von Bedeutung. Farrow stellt eine Art moralisches Gegengewicht zu Amanda und Wendy dar, denn auch er ist von der Täterschaft der beiden Männer überzeugt, bewertet die Situation aber nicht nur aus beruflichen Gründen anders als die Frauen. Seine Hoffnung ist es, dass die Täter zukünftig einen Fehler machen werden. Der von Rückenschmerzen geplagte Ermittler ist gleichzeitig eine sehr emphatische Figur, weiß er doch um das Leid der Frauen. Über allem schwebt stets die Frage der Moral. Aber während das Verhalten der Frauen recht ambivalent ist, findet Farrow als einziger darauf am Ende eine klare Antwort. Überhaupt sind die Figuren sehr präzise gezeichnet. Dies gilt ebenso für die Zerrissenheit der Frauen und deren Probleme, ins Leben zurückzufinden, wie für das Auftreten der Ermittler, die nicht anders können, und auch für die Täter, die nicht anders wollen.
Fazit
Steve Cavanagh ist ein großartiger Thrillerautor, der erneut die gesamte Bandbreite seines Könnens unter Beweis stellt. Den Roman mit den Fällen des New Yorker Anwalts Eddie Flynn zu vergleichen, verbietet sich aber. „Kill for me“ besitzt nicht die Leichtigkeit und das Tempo der Bestseller-Reihe. Das wäre hier auch wenig zielführend. Dieser Rachethriller besitzt enorm viel psychologisches Feingespür, nimmt sich Zeit für die Figurenentwicklung und lässt die Frauen aus ihrer Opferrollen entkommen – auch wenn es unterschiedliche Wege und Meinungen dazu gibt. Ein wendungsreicher, clever konstruierter und überzeugender Thriller Cavanaghs.

Steve Cavanagh, Goldmann

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