Der zweite Kuss des Judas

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

  • Mailand: Mondolibri, 2000, Titel: 'La scomparsa di Patò', Seiten: 253, Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Lübbe, 2003, Seiten: 251, Übersetzt: Christiane von Bechtolsheim
  • Bergisch Gladbach: BLT, 2004, Seiten: 253

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Peter Kümmel
Ungewohnte Darstellungsform mit überraschendem Ausgang

Buch-Rezension von Peter Kümmel Jul 2003

Das kleine fiktive sizilianische Küstenstädtchen Vigàta kennen wir ja schon gut aus den Montalbano-Romanen von Andrea Camilleri. Diesmal jedoch ist der Autor für seinen Roman ein Jahrhundert in der Zeit zurückgereist. "Der zweite Kuss des Judas" spielt im Jahr 1890. Doch nicht das "Wann" ist das Ungewöhnliche an diesem Buch, sondern das "Wie". Camilleri hat den Roman nicht im Stile einer herkömmlichen Erzählung aufgebaut, sondern setzt die Handlung aus Einzeldokumenten in chronologischer Reihenfolge zusammen. Dies sind vorwiegend Polizeiberichte, Briefe und Zeitungsartikel.

Da der Mensch ein Gewohnheitstier ist, fällt es natürlich zu Beginn schwer, den meist nach bürokratischer Manier verfassten Text flüssig zu lesen, da man erst mal sucht, wer hat hier an wen geschrieben, doch gibt sich dies schon nach relativ kurzer Zeit und bald merkt man kaum noch, dass man keinen Roman im üblichen Stil vor sich hat. Was die Sache zudem noch erschwert, ist die Vorliebe von Camilleri für Namen. Bereits aus seinen anderen Krimis weiß man, dass jede vorkommende Person namentlich erwähnt wird, und sei ihre Rolle auch noch so nebensächlich. Da hat man als Deutscher schon mit den aktuellen italienischen Namen so seine Probleme, hier kommen meist auch noch Titel dazu. Das macht es schon etwas schwierig, bis man den Einstieg geschafft und die wichtigen Personen herausgefiltert hat.

Am Karfreitag des Jahres 1890 finden wie jedes Jahr in Vigàta die Passionsspiele statt. Als Judas tritt dabei seit einigen Jahren Antonio Patò, der Filialleiter der örtlichen Bank, auf. Dieser Auftritt endet wie gewohnt mit seinem dramatischen Abgang durch eine Luke im Boden der Bühne. Diesmal jedoch war der Abgang auch das letzte, was man von Antonio Patò überhaupt sah, denn seit diesem Zeitpunkt war er nicht nur bildlich "wie vom Erdboden verschluckt".

Nachdem seine Frau das Verschwinden bei der Polizei angezeigt hat, beginnt Commissario Ernesto Bellavia zu ermitteln. Kurze Zeit später trifft auch bei den Carabinieri die Vermisstenmeldung ein, diesmal von Patòs Schwager. So bekommt auch Maresciallo Paolo Giummàro den Auftrag, nach dem Verbleib von Patò zu forschen, was sogleich zu Kompetenzstreitigkeiten im Großen zwischen dem Kommissariat und den Carabinieri sowie im Kleinen zwischen Bellavia und Giummàro führt. Erst als der Unterstaatssekretär, ein Onkel von Patò, auf Ergebnisse im Vermisstenfall drängt, kommt von höherer Stelle die Weisung, Polizei und Carabinieri sollten in diesem Fall zusammenarbeiten, kämpfen die beiden Ermittler miteinander und nicht mehr gegeneinander.

Zunächst werden Hypothesen aufgestellt, was denn nun passiert sein könnte. In der Zeitung ist zu lesen, dass sich Patòs Schwager Arnoldo Mangiafico sicher ist, dass Antonio Patò, als er durch die Bodenluke stürzte, den Kopf angeschlagen und dadurch einen vorübergehenden Gedächtnisverlust erlitten habe und nun umherirre und den Heimweg nicht finde. Eine Entführung wird ausgeschlossen, da niemand eine Lösegeldforderung gestellt hat. Es finden sich mehrere Personen, die ein Motiv hatten, Patò etwas Böses zu wollen. Und in Patòs Büro wird ein aus Zeitungsschnipseln zusammengesetzter Drohbrief folgenden Inhalts gefunden: "Du spielst den Judas und bist schlimmer als er."

Die weiteren Ermittlungen gestalten sich recht überraschend. Denn nicht immer ist das, was Bellavia und Giummàro vermuten und herausfinden, konform mit dem, was die höheren Stellen gerne als Ergebnis hätten. Und so gestaltet sich die Arbeit der beiden bei den entsprechenden Weisungen ihrer Vorgesetzten doch ziemlich schwierig.

Camilleri wird sich selbst mit diesem Kriminalroman in experimentellem Touch absolut nicht untreu, denn auch dieses Buch ist mit dem von ihm wohlbekannten Humor durchsetzt. Auch in den kurzen Dokumenten bekommt der Leser außer dem Hauptgeschehen wieder viele kleine Episoden vermittelt, die ein stimmiges Bild von den Bewohnern Siziliens abgeben. So amüsiert man sich über immer wieder neue Verwicklungen und selbst Zoten wie die der Ermittler, die weder Krethi noch Plethi persönlich kennen und Hippokrates für einen Bürger Vigàtas halten, machen Spaß. Daß Bellavia und Giummàro weitaus intelligenter sind als es uns der Autor glauben machen will, das merkt man erst sehr viel später. Natürlich prägen auch wie immer die Themen Korruption und schöne Frauen das Geschehen, auch die Mafia hat ein Wörtchen mitzureden. Einzig ungewohnt für Camilleri ist das gänzliche Fehlen von kulinarischen Köstlichkeiten.

Dadurch, dass sich die einzelnen Dokumente oft auf eine oder zwei Buchseiten beschränken, der eigentliche Text dabei nur wenige Absätze einnimmt, ist das Buch entgegen dem optischen Eindruck überaus kurz und lässt sich bequem in einem bis zwei Tagen lesen. Und am Schluß kann man nur behaupten, das Lesen hat sich absolut gelohnt. Denn Camilleri bietet nicht nur eine Lösung für den Fall an, sondern gleich mehrere, was aber nicht heißt, dass der Leser unbefriedigt zurückbleibt, denn manche Lösungen erscheinen einfach richtiger.

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