Die weiße Krähe (Phil McCarthy 2)

  • Goldmann
  • Erschienen: September 2025
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Thomas Gisbertz
84°1001

Krimi-Couch Rezension vonDez 2025

Robotham ist einfach grandios.

Der 29-jährige Philomena McCarthy, die von den meisten nur Phil genannt wird, ist erst vor acht Monaten von Southpark nach Camden versetzt worden. In ihrer neuen Polizeistation Kentish Town hat erstaunlicherweise noch niemand nach ihren familiären Bindungen gefragt. Denn diese habe es durchaus in sich, ist Phil doch die Tochter eines berüchtigten Londoner Kriminellen. Ihrem Vater werden Geldwäsche, Erpressung, Diebstahl und organisiertes Verbrechen vorgeworfen, ohne ihm aber etwas nachweisen zu können. Doch Phil, das ,,schwarze Schaf'' der Familie, liebt ihren Job bei der Polizei und will Karriere machen.

Während sie eines Nachts mit ihrem Kollegen auf Streife fährt, beobachtet sie durch Zufall ein verängstigtes Mädchen. Die kleine Daisy behauptet, ihre Mutter nicht wecken zu können. Weil Phil einen Notfall vermutet, begleitet sie das Mädchen nach Hause - und muss eine grausame Entdeckung machen. Die Mutter sitzt gefesselt und leblos auf einem Küchenstuhl. Jede Hilfe kommt zu spät.

Gleichzeitig wird ihr Kollege DCI Brendan Keagan zu einem Überfall auf ein Juweliergeschäft gerufen. Der Inhaber des Geschäfts ist ausgerechnet Daisys Vater. Zufall? Während die Polizei zunächst vor einem Rätsel steht, verdichten sich zunehmend die Hinweise, dass Phils Vater in die Taten verwickelt sein könnte. Die junge Polizistin wird kurzerhand suspendiert und muss sich entscheiden, wem sie wirklich vertrauen kann.

Meister des Thrillers

Was 2021 eigentlich als Stand Alone geplant war, geht mit dem neuen Band rund um die taffe Polizistin Phil McCarthy in die zweite Runde. Autor Michael Robotham hat sich in Phil, aber vor allem in ihren Vater und ihre Onkels - allesamt East-End-Gangster der alten Schule - regelrecht verliebt. Dabei sind diese nicht nur knallharte Ganoven, denn der Autor stellt sie stets mit einem Augenzwinkern dar. Sie stehen in ihrem Auftreten in einem angenehmen Kontrast zu ,,modernen'' Verbrechern, was bestens unterhält. Es kommt, wie es sich gehört, zu einem Kräftemessen der Generationen, wenn die McCarthys vom aufstrebenden bulgarischen Kriminellen Dimitar Popov unter Druck gesetzt werden. ,,Der Ringer'', wie er wegen seiner olympischen Vergangenheit genannt wird, will nicht weniger als die Londoner Unterwelt an sich reißen. Und das um jeden Preis.

Gangster der alten Schule

Man spürt beim Lesen Robothams Faible für die kriminelle Großfamilie McCarthy. Diese Episoden haben ihren ganz eigenen Charme. Wenn sich die Oldschool-Gangster gegen den bulgarischen Emporkömmling zur Wehr setzen und noch einmal beweisen wollen, dass London ihnen gehört, gerät die Suche nach dem Täter beinahe zur Nebensache. In der Tat ist dieser Erzählstrang derart lesenswert, dass die eigentliche Protagonistin zur Nebensache werden könnte. Dass dies nicht der Fall ist, liegt ganz einfach daran, dass Michael Robotham einfach ein Händchen für starke Frauenfiguren besitzt. Dazu gehört Philomena McCarthy definitiv. Sie ist eine zielstrebige junge Frau und weiß, was sie will - beruflich wie privat. Deutlich mehr als noch im ersten Band der Reihe (,,Wenn Du mir gehörst'') steht die Beziehung zu ihrem Vater im Mittelpunkt des Romans. Sie leben auf unterschiedlichen Seiten des Gesetzes. Auf Phils Seite ist alles schwarz-weiß, während es auf seiner Seite unendliche Farben und Schattierungen gibt. Verlockend, möchte man meinen. Aber Phil geht einen anderen Weg: ihren Weg. Das Oberhaupt der Familie ist nicht der Vater, den sie sich gewünscht hat, aber so fällt es ihr leichter, wenn er von ihr enttäuscht sein sollte.

Ungewöhnlich, aber gut

Nicht nur die Darstellung einer Gangsterfamilie vom alten Schlag ist ungewöhnlich für Robotham, sondern auch der Umstand, dass man sehr schnell als Leser erfährt, dass für den Mord an Daisys Mutter nur ein ,,zufälliger'' Täter in Betracht kommen kann, der die Gunst der Stunde genutzt hat. An potentiellen Tätern mangelt es gewiss nicht. Obwohl die Suche nach dem Mörder sicherlich im Fokus steht, ist die Parallelhandlung um die Vorherrschaft in London sogar noch unterhaltsamer, spannender und auch humorvoller. Aber Robotham wäre nicht Robotham, wenn er beide Erzählsträngen nicht exzellt miteinander verbinden würde. Insgesamt ist der Roman gewohnt rasant und überzeugt mit so mancher überraschender Wendung.

Fazit

 Man kann nur hoffen, dass ,,Die weiße Krähe'' nicht der letzte Roman rund um Phil McCarthy und ihre kriminelle Großfamilie ist. Selten besaß ein Robotham-Roman derart feinen Humor. In gewisser Weise hat sich der australische Thrillerautor einmal aus seinem liebgewonnenen, aber auch bekannten Schreibstil etwas hinausgewagt und das mit Erfolg.

Die weiße Krähe (Phil McCarthy 2)

Michael Robotham, Goldmann

Die weiße Krähe (Phil McCarthy 2)

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