Ravage & Son

  • Suhrkamp
  • Erschienen: August 2025
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Michael Drewniok
70°1001

Krimi-Couch Rezension vonApr 2026

Liebe als tödliche Sollbruchstelle.

Im Jahre 1913 steckt der US-Kapitalismus nicht mehr in seinen Kinderschuhen. Er hat sich prächtig entwickelt; Habsucht beherrscht in der Weltstadt New York City den Alltag. Gesetze, die den brutalen Wettbewerb regeln könnten, werden von einer skrupellosen Elite im Keim erstickt. Gierige Politiker und Geschäftsleute sowie gut geschmierte Juristen und Polizisten sorgen mit Gewalt für eine ‚Ordnung‘, ein soziales Netz existiert nur in Ansätzen: Wer nicht mithalten kann, ist ‚schwach‘ und muss untergehen.

Unbarmherzig geht es erst recht dort zu, wo man sich nicht mit Macht und Geld schützen kann. Dies trifft auf jene Stadtviertel zu, in denen die unzähligen Einwanderer vor allem aus Europa hausen. Sie gelten als billige, rechtlose Arbeitskräfte, die ausgenutzt und bei Krankheit vor die Tür gesetzt werden. Große Familien vegetieren in elenden Slums, in denen nicht nur Krankheit und Hunger umgehen, sondern auch das Verbrechen; nicht selten geht es von denen aus, die es eigentlich eindämmen sollen.

Die vor den Pogromen in Europa geflüchteten Juden bleiben auch in der „Neuen Welt“ eine systematisch unterdrückte Minderheit. Um sich dem zu entziehen, muss man seine Seele verkaufen, der Aufstieg gelingt nur auf Kosten anderer. Aber auch ‚oben‘ gibt es harte Regeln: Übel erging es Lionel Ravage, der sich in eine junge Frau verliebt hatte und seine Gattin verlassen wollte. Er überlebte die Strafe, aber in seiner Seele existiert seither eine bösartige Leere. Nicht einmal der Sohn aus der Liaison ist vor ihm sicher, und Ben hasst den Alten, den er für den elenden Tod der Mutter verantwortlich macht. Seinen Platz in der Gesellschaft hat er als Mitglied der Kehillah gefunden, einer privaten, von den jüdischen Magnaten Manhattans bezahlten Polizei. Trotz seiner Jugend hat sich Ben einen Namen als unbestechlicher, eisenharter Ordnungshüter gemacht, der geschickt zwischen den nur mühsam miteinander kooperierenden, oft verfeindeten Parteien laviert - bis auch ihn eines Tages eine Liebe zu Fall bringt ...

Was lesen wir hier?

Wieder einmal muss die Frage gestellt werden, ob „Ravage & Son“ ein ‚echter‘ Kriminalroman oder als solcher überhaupt gemeint ist. Für den Buchhandel ist die Lage schwierig. Jerome Charyn gilt als Krimi-Autor, der sich zum Literaten ‚hochgearbeitet‘ hat und dessen Werke von der Kritik hochgehalten werden.

Doch Bücher wollen und sollen verkauft werden, wobei Tricks seit jeher erlaubt sind. Daher wurde das Buch (in den USA und hierzulande) mit einem Cover versehen, das verheißungsvoll mit historisierender Krimi-Mystik à la „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ lockt: Vor lodernden Flammen reckt sich drohend eine übergroße Gestalt im Umhang und mit Stock. Hinzu kommt ein Klappentext, der in die gleiche Richtung geht und von einem kapitalkriminellen Nostalgie-New-York raunt, durch das ein gewitzter Ermittler einen monströsen Mörder jagt. Das ist in der Beschreibung einfallsreich, trifft aber nur beiläufig zu.

Dass reales Elend instrumentalisiert wird, ist sozusagen das tägliche Brot derjenigen, die „Historienkrimis“ schreiben. Was einst alltäglich war und oft nicht einmal die Betroffenen aufregte, wird in der Rückschau als Mittel genutzt, um Dramatik mit Drastik zu verknüpfen. Dies ist vergleichsweise simpel bzw. einfacher als Entwurf und Ausarbeitung eines zündenden Plots, denn solche Szenen gern sozialkritisch (oder einfach nur weinerlich) ausgewalzten Unrechts füllen Buchseiten und stoßen auf ein empörwilliges Publikum.

Gefangen in der Hölle auf Erden

Diesen Vorwurf kann man Jerome Charyn nicht machen. Sollte „Ravage & Son“ dennoch auf eine eher verhalten reagierende Leserschaft treffen, ist auch hierzulande die Werbung (s. o.) mitverantwortlich. Dennoch ist Charyn selbst nicht von Kritik freizusprechen. Schon während der Lektüre fragt man sich, worum es in diesem Garn eigentlich geht. Tatsächlich gibt es keinen roten Faden, der krimitypische Ereignisse und Figuren miteinander verknüpft oder gar eine zielgerecht auf Aufklärung zusteuernde Handlung.

Das Verbrechen kommt dessen ungeachtet laut und deutlich zu Wort. Doch es wird von Charyn nicht als Einzelfall geschildert und entwickelt, sondern als Normalzustand entfesselt, der eine bestimmte Zeit und einen Ort definiert. Charyn ist ein Autor, der dem Judentum auch in seinen ‚normalen‘ Kriminalromane Raum gibt, die sich u. a. um den „jüdischen Cop“ Isaac Sidel ranken, der es seit seinem Debüt 1974 bis zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gebracht hat!

Was in diesen Romanen das Geschehen bereichert, wird in „Ravage & Son“ zum Inhalt oder besser: soll einen Inhalt vorgeben. Schuld, Sühne und Erlösung von Lionel und Ben Ravage stehen im Mittelpunkt. Diese Rechnung geht nicht auf, denn obwohl Charyn intensiv recherchiert hat und es ihm gelingt, eine jüdisch-jiddische Parallelwelt des frühen 20. Jahrhunderts mit atemberaubender Intensität zu beschreiben, bleibt die Handlung auf der Strecke. Was der Verfasser buchstäblich mit Blut und Feuer ins Leben zu rufen versucht, bleibt vergleichsweise vordergründig. Die Beschwörung eines sich quasi verselbstständigten Elends gleitet rasch in Melodramatik ab, weil gar zu bekannte Methoden eingesetzt werden. Guter Wille ist keine Entschuldigung.

„Heaven’s Gate“ bleibt geschlossen

In einem Punkt drückt sich Charyn glasklar aus: Kollektives Elend ist keineswegs die Basis für eine im Lebenskampf vereinte Gemeinschaft! Sein Menschenbild ist weniger düster als realistisch und meidet „Anatevka“-Klischees. Die (jüdischen) Migranten, die in die USA kommen, sind mehrheitlich zu jeder (Schand-) Tat bereit, um sich und ihre Familien zu ernähren. Dies gelingt im Kleinen wie im Großen auf Kosten anderer, vom Pech (oder von Rücksicht) verfolgter Mitmenschen. Dies bedingt eine Niedertracht, die sich bei Charyn im Zwischenmenschlichen widerspiegelt. Der Verfasser schwelgt in schaurigen Szenen, die primär Frauen als Beute und Opfer zeigen. Naturalistische Szenen wechseln mit archaisch überhöhten Bildern, Gewalt mischt sich mit Sex und Religion: Charyn orientiert sich offensichtlich an Isaac Bashevis Singer (1902-1991), dem jiddischen Schriftsteller und Nobelpreisträger.

Manhattan wird zum sprichwörtlich gewordenen „Schmelztiegel“, in dem alle Menschen zusammenkommen; dies jedoch nicht in Frieden, sondern um einander zu zerstören, wie Feuer eben ist. Ben Ravage ist das Produkt dieses Infernos - ein Mann, der die Gewalt in seinen Alltag integriert hat, aber dies nicht konsequent genug durchzieht. Mitleid und Liebe, sogar der Glaube werden in diesem Milieu zu Schwächen, die gnadenlos von denen ausgenutzt werden, die auf ihre ‚Chance‘ lauern. Fortschritt ist für Charyn eine Illusion. Bens Leibwächter Monk Eastman ist der versehrte Überlebende einer Vergangenheit, in der das Verbrechen noch ‚ehrlich‘ war. Ben steht für den Übergang. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs werden sich die letzten gesetzlichen und moralischen Zügel lösen; der moderne Kapitalismus wird politisch weiterhin gut geölt eine neue Stufe der Ausbeutung erreichen - ein Epilog, der im Jahre 1919 spielt, deutet es an.

Zeuge und Chronist ist der Herausgeber Cahan, der eine einflussreiche Zeitung leitet und zwischen den Lagern laviert. Er muss seine ‚sozialistischen‘ = menschlichen Anwandlungen vor denen verbergen, die ihn benutzen oder wenigstens dulden: die jüdische Elite, jene Familien, die sich Geld und Einfluss erkämpft haben und alle, die sich an ‚ihrem‘ Kuchen beteiligen wollen, ebenso brutal niederknüppeln lassen wie die notorisch antisemitischen Vertreter der wahren Herrscherdynastien US-Amerikas. Deren Vorfahren sind mit den Pilgervätern in ein Land gekommen, das sie nach und nach in ihren Besitz und unter ihre Gewalt gebracht haben. Die jüdischen ‚Geschäftsleute‘ folgen ihrem Vorbild, müssen aber damit leben, ungeachtet ihrer Reichtümer außerhalb Manhattans - ihres Ghettos - verachtet und ausgeschlossen zu werden.

Fazit

Das von Alltagsgewalt und Elend geprägte Stimmungsbild einer Epoche, die von denen, die sie überlebten, gern mit einem Gründungsmythos verklärt wird, gerät zum düster-melancholischen Inferno vor historischem Hintergrund. Ein Krimi ist dies nur, wenn man sich hart den Grenzen des Genres nähert und „Krimi“ als „Abwesenheit von Gesetz und Moral“ definiert.

Ravage & Son

Jerome Charyn, Suhrkamp

Ravage & Son

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