The Return of Ellie Black
- Goldmann
- Erschienen: August 2025
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Spannender Psychothriller mit guter Figurendarstellung.
„Ich heiße Elizabeth Black. Ich glaube, ich werde vermisst.“ Mit diesen Worten wendet sich eine junge, verwahrloste Frau an einen Familienvater, der mit seinem Sohn eine Wandertour durch einen Nationalpark unternimmt. Exakt zwei Jahre und zwei Wochen nach ihrem Verschwinden taucht Ellie nun plötzlich in den Wäldern von Washington State wieder auf. Die damals 17-Jährige wurde während einer Highschool-Party entführt. Erneut ermittelt nun Detective Chelsey Calhoun in diesem Fall, der ihr persönlich sehr nah geht: Ihre eigene ältere Schwester wurde vor zwanzig Jahren entführt und ermordet. Seit Ellies Verschwinden hat Calhoun sich für jeden Fall gemeldet, der mit Gewalt gegen Frauen zu tun hat. Eine Art Wiedergutmachung: Sie hat ihre Schwester Lydia damals nicht retten und Ellies Fall nicht aufklären können.
Eigentlich müssten alle glücklich sein, dass die junge Frau nun endlich wieder zuhause bei ihren Eltern ist. Aber Ellie verhält sich merkwürdig. Irgendetwas scheint mit ihr nicht zu stimmen. Was ist mit Ellie in den zwei Jahren geschehen? Wo ist sie gewesen? Detective Chelsey Calhoun stößt bei ihrer Recherche auf weitere Fälle in den letzten Jahren, bei denen Mädchen entführt wurden. Sie setzt alles daran, die Opfer zu finden, bevor der Täter erneut zuschlägt. Aber warum schweigt Ellie beharrlich?
Thriller-Debüt
Emiko Jean veröffentlichte bereits erfolgreich Jugendbücher, mit denen sie es auf die New-York-Times-Bestsellerliste schaffte und die vom unabhängigen Buchhandel in den USA als „Indie Next Pick“ ausgezeichnet wurden. Ihre Romane wurden bislang in über 30 Sprachen übersetzt. „The Return of Ellie Black“ ist ihr erster Thriller für Erwachsene. Der Roman überzeugt mit einem gelungenen Plot, der sich mit Gewalt gegen Frauen auseinandersetzt. Dies gelingt sehr ansprechend, wenn es um das Verhalten Ellies geht. Das Motiv des Täters und die Tatsache, dass alles viele Jahre unentdeckt bleibt, ist etwas konstruiert und wirkt in seiner Gesamtheit leider nicht ganz überzeugend. Dies gilt auch für den Schluss, bei dem Emiko Jean mit einer großen Überraschung aufwartet, aber damit den Bogen doch etwas überspannt. Dabei wäre diese Wendung überhaupt nicht nötig gewesen.
Starke Erzählweise
Der Roman besitzt zwei Ebenen. Zunächst erzählt die Autorin die Geschichte rund um das Auffinden des Entführungsopfers Ellie Black und die Suche nach dem Täter. Zwischendurch wechselt Jean aber immer wieder die Erzählperspektive. Aus der personalen Sicht lässt sie Ellie selbst zu Wort kommen. Der Leser erfährt dadurch mehr über das, was ihr in den letzten zwei Jahren widerfahren ist. Vor allem - und das ist ein großer Gewinn für den Thriller - lässt das Opfer den Leser teilhaben an seinen intimen Gedanken. Schnell wird dank der beiden Erzählebenen deutlich, dass Ellie nicht in jeder Hinsicht die Wahrheit sagt. Die Autorin dosiert das Wissen, welches man durch die Schilderungen Ellies erhält, so gut, dass die Spannung stetig erhöht wird. Man muss aber als Leser einiges aushalten können, denn die Geschehnisse in Gefangenschaft sind kaum zu ertragen.
Psychologischer Tiefgang
Es war ein kluger Schachzug Emiko Jeans, als Protagonistin eine 17-jährige Teenagerin auszuwählen, denn das Alter spielt für das Verhalten und die Reaktion Ellies später eine wichtige Rolle. Aber auch die Darstellung der Familie und Freunde, die nach zwei Jahren gar nicht richtig wissen, wie sie sich verhalten sollen und die damit klarkommen müssen, dass sie eine veränderte Ellie vorfinden, ist differenziert und in der Gesamtheit überzeugend dargestellt. Dies gilt ebenso für die ambivalente Zeichnung der ermittelnden Polizistin Chelsey Calhoun. Ist es zunächst die Suche nach dem Täter, die bei ihr im Vordergrund steht, wird mehr und mehr deutlich, dass die Ermittlung ganz egoistische Züge annehmen. Calhoun wird geleitet durch den Verlust ihrer Schwester, für den sie sich unbegründeter Weise zumindest eine Teilschuld gibt, und das Versagen, Ellie nach der Entführung nicht gefunden zu haben.
So gut die Frauen - Ellie, deren Mutter Kat und Schwester Sam sowie Detective Chelsey Calhoun - dargestellt werden, sind die männliche Figuren überwiegend bösartig und frauenverachtend - und dies gilt bei weitem nicht nur für die Täter. Das ist manchmal etwas zu viel des Guten. Lediglich Ellies Vater und ihr Freund Daniel werden als durchaus differenzierte und positive Charaktere skizziert. Insgesamt wirken die Figuren aber durchweg authentisch und lebensecht. Das gibt es nicht häufig bei Thrillern.
Fazit
Emiko Jean gelingt mit wenigen Abstrichen ein packender Psychothriller, der sich mit Gewalt gegen Frauen auseinandersetzt. „The Return of Ellie Black“ ist ein eindrücklicher, bewegender und unter die Haut gehender Roman, der psychologischen Tiefgang besitzt. Gleichzeitig wird man mit den Abgründen der menschlichen Seele konfrontiert. Der Autorin gelingt der Spagat zwischen Spannung, Feingefühl und Überraschung. Ein überzeugendes Debüt der Autorin.

Emiko Jean, Goldmann

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