Hammerschläge

Erschienen: Januar 1991

Bibliographische Angaben

Ein junger Mann wird auf dem Grundstück eines New Yorker Industriemagnaten auf Long Island zusammengeschlagen und ins Wasser des Atlantiks geworfen. Weil die Täter kommen ungeschoren davonkommen, nimmt der Bruder des Opfers das Gesetz in die eigene Hand, allerdings nicht mit einer Winchester oder Uzi, sondern mit den Mitteln Justitias.

Peter "Rabbit" Mullen wird eines Morgens tot am Strand eines exklusiven Grundstücks auf Long Island gefunden. Die korrupte Polizei sagt, er sei ertrunken oder habe Selbstmord begangen. Doch Peters Familie ist überzeugt, dass er dazu nie fähig gewesen wäre: Es muss Mord gewesen sein. Und as belegt auch der Befund der Gerichtsmedizinerin.

Der Mord soll von einem mächtigen Mann vertuscht werden

Für Peters Bruder Jack, ein Anwaltspraktikant und Student der Rechte, ist klar: Der Mord soll von einem mächtigen Mann vertuscht werden. Barry Neubauer ist ein Spielwarenfabrikant, der als Multimillardär rauschende Feste in seinem feudalen "Strandhaus" auf Long Island zu geben pflegte. Peter Mullen half dabei stets aus, indem er die edlen Karossen der Reichen und Schönen einparkte und ein nettes Trinkgeld kassierte. Sein Bruder Jack ist seit einem Jahr mit Neubauers Tochter Dana liiert.

Dies alles ändert sich mit Peters Tod. Jacks Bemühen, den Mord als solchen aufzudecken, führt ihn schnurstracks in die Katastrophe: Job weg, Freundin weg, Vater an Herzinfarkt verstorben, Freunde von Unbekannten bedroht, die Gerichtsmedizinerin eingeschüchtert und umgedreht - die Wahrheit bleibt unterm Teppich.

Jede Veränderung ist auch eine Chance

Doch bei solch radikalem Wandel kommt es darauf an, was man daraus macht, denn jede Veränderung ist auch eine Chance. Jack gewinnt in Pauline eine neue Freundin, die ihm zu einem neuen Job verhilft und dabei unterstützt, sein Studium als drittbester seines Jahrgangs abzuschließen.

Die Gelegenheit, mit den Neubauers und ihren brutalen Clique abzurechnen ergibt sich endlich (ab Seite 240) als Jack per Zufall mitten in New York City den totgeglaubten Freund von Peter sieht: Sammy Giamalva war Peters Komplize, wenn dieser die Schönen und Reichen (auch Neubauer selbst) sexuell verwöhnte. Und Sammy machte dabei viele, viele Fotos...

O.J. Simpons Prozess Anlass dieses Buches?

Der direkte Anlass, dieses Buch zu schreiben, könnten die Prozesse um O.J. Simpson und ähnliche Berühmtheiten sein. Dass Simpson teilweise freigesprochen wurde (zumindest von der Mordanklage), empörte viele Amerikaner, die nun ihr Vertrauen in das Rechts- und Justizsystem ihrer Nation verloren. Es sah so aus, als hätten die Mächtigen das Recht gekauft und die Mittellosen würden vom Recht nicht mehr geschützt. Kurzum: Das Ende der Demokratie stand kurz bevor. Im Buch selbst wird direkt auf diese bedauerlichen Vorgänge verwiesen. Dass die Bush-Administration auch den Datenschutz abgeschafft hat (mit dem Patriot Act), dürfte zu einer weiteren Verunsicherung beigetragen haben.

Jack Mullen, der Ich-Erzähler über weite Strecken hinweg, nimmt das Gesetz, das er von der Pike auf gelernt hat, selbst in die Hand: Die letzten 100 Seiten bestehen aus einer nicht rechtmäßig einberufenen Gerichtsverhandlung, die im Fernsehen der Nation übertragen wird. Ich werde nicht verraten, wie der Prozess ausgeht, aber die Tatsache, dass eine solche Verhandlung nur außerhalb der legitimierten Gerichte stattfinden kann, spricht doch Bände.

Die Co-Autoren

Warum haben Patterson und de Jonge - wie schon einmal zuvor - auch an diesem Buch kollaboriert? Ich stelle mir vor, dass de Jonge, ein Journalist beim "New York Times Magazine" und anderen Publikationen, entweder schon ein fertiges Manuskript hatte, es aber zu lang war, oder die entsprechende Faktenrecherche für Pattersons Idee erledigte. Patterson ist ja nicht gerade bekannt dafür, die Schickeria von New York City aufs Korn zu nehmen. Wenn er schon konkret werden muss, dass lieber anhand von Dr. Alex Cross in Washington, D.C. Würde man jedoch "The Great Gatsby" auf Patterson-Format stutzen, so bliebe sicherlich nicht viel von diesem Meisterwerk übrig.

Speed-Reading

Ohne Pattersons Markenzeichen wäre aus diesem Roman nur ein weiterer Dutzendroman über Long Island geworden. Doch die superkurzen Kapitel verleihen der Story nicht nur Speed, sondern sorgen auch für einen spannenden Cliffhanger-Schluss nach dem anderen. Als Folge will der Leser natürlich wissen, wie es weitergeht und blättert schnell um. Die Prosa ist direkt und schnörkellos, ohne den Leser geistig oder sprachlich zu fordern. In nur einem Tag sind die 300 Seiten verschlungen. Spätestens.

Diese Technik macht das Buch nicht per se gleich interessanter: Die Machenschaften der Long-Island High Society kann man sich auch ohne Thrillerbeleuchtung ohne weitere Anstrengung gut vorstellen. Man denke nur an die beiden Kennedys in den Sechzigern und ihre Eskapaden. Tatsächlich sind vielmehr die Aktionen der Figuren auf der Seite Neubauer vs. Mullen als die Entwicklung der Figuren an sich, die das Buch unterhaltsam machen. Die Gerichtsverhandlung fördert ein schockierendes Detail der Wahrheit nach dem anderen ans Tageslicht.

Kein fundiertes Gesellschaftsporträt mit kritischem Ansatz

Der Roman will einfach nur kompetente Spannungsliteratur sein, nicht etwa fundiertes Gesellschaftsporträt mit kritischem Ansatz. Insofern befriedigt der Roman ein nicht spezifisch amerikanisches Bedürfnis und muss daher durch die Konzentration auf Long Island und New York City die amerikanischen Leser direkter ansprechen.

Eine Menge US-Mythen kommen ins Spiel: Freiheit des Unternehmertums, der Palast am Meer als Machtdemonstration, das Abenteuer verbotener Sexspiele als Symbol zu großer Freiheit, dicke deutsche Autos als Symbole von Reichtum und wirtschaftlicher Vereinnahmung durch die deutsche Autoindustrie. Zudem werden eine Menge Ressentiments wiedergekäut, die dem deutschen Leser mitunter sauer aufstoßen, so etwa der deutsche Ausdruck "obere Klassen" im englischen Text - das klingt, als würden die Autoren Karl Marx zitieren. Und das ist im Land des freien Unternehmertums natürlich verpönt.

Robin Hood mit anderem Namen

Jack Mullen ist eine Art Robin Hood oder Michael Kohlhaas, kämpft er doch gegen ein unfähig gewordenes System, das ihm keine Gerechtigkeit zu verschaffen vermag. Dies ist eine uramerikanische Haltung, denn die Kolonisatoren und Staatsgründer waren ja Rebellen gegen das als ungerecht empfundene Kolonialregime der britischen Krone. Die beiden Autoren, die Jack Mullen und seine Freunde erfunden haben, können eigentlich nicht anders, als ihn siegen zu lassen. Aber das sollte man möglichst selbst nachlesen.

Patterson ist bereits eine Klasse für sich

Es gibt gute Thriller, und es gibt Patterson. Er ist bereits eine Klasse für sich. Jeder Leser muss selbst entscheiden, ob ihm de Jonge/Pattersons windschnittiger Gesellschaftsthriller behagt, der auf das typische Speed-Reading-Format zurechtgestutzt wurde, sozusagen auf Drehbuchformat. Fürs Lesen sollte man nicht länger als einen Tag benötigen, sonst gilt man als langsam.

Weil es kaum eine psychologische Entwicklung gibt, entwickelt der Leser keine weitergehende emotionale Bindung zu den Hauptfiguren Mack, Jack und Peter Mullen. Folglich zählt allein die Story, nicht so sehr die Frage, ob Gerechtigkeit das Leben für die Mullens und ihre Freunde besser machen wird. Nach dem Ende des Schein-Prozesses ist denn auch schnell die Luft raus.

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Was geschieht, wenn ein arbeitsloser armer Teufel im Lotto gewinnt und über Nacht zum Millionär wird? Er bricht alle seine früheren Kontakte ab, kleidet sich neu ein, erwirbt ein Haus, kauft Menschen und kann auch seine Mordgelüste ausleben. Denn er findet willige Helfershelfer, so lange er noch Kohle hat...

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Letzte Kommentare:
10.06.2017 18:14:59
Al Blindo

Abgedrehte Geschichte.
Herrlicher schwarzer Humor.
Flüssig geschrieben und gut übersetzt.
Über den Armen Teufel kann man tatsächlich nur den Kopf schütteln, aber bizarr diese Geschichte ist, aber man kann sie sich so vorstellen.
Andrei Martin hat besondere Geschichten, die immer etwas surreales haben