Der Tote in der Crown Row (Ein Fall für Sir Gabriel Ward 1)
- Goldmann
- Erschienen: April 2025
- 7


Kleine Maus mit kapitalen Folgen.
Erst vor wenigen Monaten starb nach mehr als sechzigjähriger Regierung Queen Victoria, da werden die Bürger von London von einer neuen Schreckensbotschaft schockiert: Im „Inner Temple“, jenem Teil der Stadt, der den Juristen vorbehalten ist, findet man Lord Norman Durning, Lordrichter von England und damit oberster Richter des Landes, nicht nur erstochen, sondern auch seiner Schuhe und Strümpfe beraubt!
Der Skandal ist beträchtlich, weshalb man ihn eindämmen will - und kann: Der „Inner Temple“ ist ein juristisch eigenständiger Bereich, den nicht einmal die Stadtpolizei ohne Genehmigung betreten darf. Stattdessen soll Sir Gabriel Ward eine private Ermittlung durchführen. Der Kronanwalt ist für seine Genauigkeit berühmt und kann den Fall womöglich lösen, ohne dass die Ehrwürdigkeit des „Temple“ darunter leidet. Gern würde man einen Eindringling als Mörder präsentieren, doch leider ist der „Temple“ von Mauern und Gittern umgeben und wird nachts abgeriegelt. So muss man davon ausgehen, dass der Täter ein Jurist oder ein Familienmitglied, ein Bediensteter oder gar der Pfarrer der „Temple“-eigenen Kirche ist!
Sir Gabriel steht somit von Anfang an unter einem Druck, den er, der von Zwängen und Phobien geplagt wird, schlecht aushält. Trotzdem geht er die Sache bedächtig und präzise an. Die Stadtpolizei konnte immerhin durchsetzen, dass ihm der junge, unerfahrene Constable Wright an die Seite gestellt wird. Wider Erwarten kommen die beiden Männer gut miteinander aus, was hilfreich ist, denn die Ermittlungen gestalten sich schwierig. Sämtliche Verdächtigen geben sich zugeknöpft und sind beleidigt, überhaupt befragt zu werden. Ward und Wright arbeiten sich langsam, aber unaufhörlich tiefer in ein Gestrüpp aus Eitelkeiten, enttäuschten Hoffnungen, vertuschten Konflikten und heimlichen Akten der Boshaftigkeit vor und finden heraus, was tatsächlich geschah ...
Die trügerisch idyllische Nische
Wer hätte gedacht, dass so etwas möglich ist? „Der Tote in der Crow Row“ bietet etwas, das zumindest der klassische Krimifreund kaum noch erwartet hätte: einen echten Historienkrimi, dessen Handlung sich auf die kriminalistische Kernhandlung konzentriert, statt in Zeitkolorit zu ersticken und vor allem ohne eine „love story“ zu entfesseln! Dieses Verb findet mit Bedacht Verwendung, weil „Vergangenheit“ mehr und mehr zum Auslöser für entsprechende ‚Krimi‘-Garne wurde, in denen „starke Frauen“ einerseits gegen niederträchtige Chauvinistenschweine aufstehen, während sie andererseits nach dem einen „Mr. Right“ suchen, der im Verlauf der Handlung seine Tauglichkeit als Lebensgefährte unter Beweis stellen muss.
Sally Smith zeigt, dass es möglich ist, Anspruch und Unterhaltung miteinander zu verknüpfen, ohne die Handlung zu einer Abfolge wässriger Klischees zerlaufen zu lassen. Eine Liebesgeschichte gibt es nicht, die Stellung der Frau in der viktorianischen Gesellschaft wird durchaus thematisiert - dies jedoch nicht als Selbstzweck, um emotionelle Erschütterung seitens der Leserschaft zu provozieren, sondern eingebettet in einen Plot, der seine Auflösung nur über jene Umwege preisgibt, die man in einem Rätselkrimi erwartet.
Die Autorin ersetzt scheinwütende Aufregung durch scheinbare Zurückhaltung. Sie präsentiert uns als Hauptperson einen Mann, dessen Ermittlung zugleich zur Entdeckungsreise in eine Welt wird, die Gabriel Ward bisher bewusst ausgeschlossen hat. Er lebt in einem Heim, das er in die sprichwörtliche Burg verwandelt hat. Deren Schutz verlässt er nur, um sich in seine Kanzlei zu begeben, wo er sich in seiner Arbeit verliert. Heim und Kanzlei liegen in einer Exklave, die von der ‚echten‘ Welt schwer zu erreichen ist. Uralte Privilegien halten die meisten ‚Eindringlinge‘ dem „Inner Temple“ fern. Der Bezirk ist allerdings auch ein Topf, in dem die Bewohner im Sud altmodischer Privilegien vor sich hin köcheln - erneut ein absichtlich gewähltes Verb, denn selbstverständlich kochen zwischenmenschliche Konflikte unter dem ‚Deckel‘ = in einer von niedergeschriebenen Vorschriften und ungeschriebenen Regeln dominierten Isolation besonders heftig auf.
Ort und Zeit definieren das Verbrechen
Unter der polierten Oberfläche geht es betont ‚normal‘ zu. Dabei haben viele ehrenwerte Gesetzesmänner neben der Familie - die auch der Repräsentation in der Öffentlichkeit dient - eine Geliebte. Hinter sorgfältig verschlossenen Haustüren geht es disharmonisch bis gewalttätig zu. Untereinander begegnen man sich mit ausgesuchter Höflichkeit, wetzt aber die Zungen (und in unserem Fall auch ein Messer), um sich in vollendet beherrschter übler Nachrede zu ergehen. Der geistige Horizont spannt sich genau dort, wo die beruflichen und privaten Welten enden. Was jenseits dieser Grenze vorgeht, interessiert die ‚bessere‘ Gesellschaft nicht. Smith macht deutlich, dass diese auch im eigenen Heim verläuft, wo Bedienstete ihre Arbeit wie Roboter verrichten; wer aus der Reihe tanzt, wird auf die Straße gesetzt, wo Armut, Elend und ein schneller Tod warten.
Untereinander geben sich die Herren ihrer Welt betont korrekt und manchmal jovial, aber dies dient der Etablierung einer errungenen (oder ererbten) Position sowie der Vorbereitung des nächsten Karriereschritts. Intrigen sind an der Tagesordnung. Besonders tragisch ist die Beteiligung der Ehefrauen, die mangels einer sinnvollen Beschäftigung ihre Energie in die Unterstützung eines solchen Aufstiegs einfließen lassen, der ihre Gatten dem Heim noch länger fernhalten wird. Der Druck im Kessel wird von der Autorin langsam, aber sicher geschürt. Tatsächlich hat er sich schon im ersten Kapitel durch Mord entladen, aber er baut sich erneut auf und steigt an, als Gabriel Ward damit beginnt, an festen bzw. verkrusteten Strukturen zu rütteln, um dahinter die Wahrheit entdecken zu können.
Dass die kleine, merkwürdige Welt des „Inner Temple“ so glaubhaft wirkt, liegt auch daran, dass die Autorin selbst dort lebt und als Juristin arbeitet. Natürlich hat sich die Topografie mehr als ein Jahrhundert nach Gabriel Ward verändert, doch die einst erteilten Vorrechte und die Anmutung einer Insel sind weiterhin gültig.
Ermittler wider Willen
Es ist ein Klischee, dass eine denkbar ungeeignete Person als Ermittler tätig wird. Smith bürstet es gegen den Strich, indem sie Ward ‚erwachen‘ lässt. Sie lässt auch keinen Zweifel daran, dass der Anwalt kein simpler Exzentriker ist, sondern unter einer psychischen Störung leidet. Smith verleiht ihm autistische Züge, vermeidet aber die übliche „Rainman“-Dramatik oder sorgt für eine finale Heilung = ‚Erlösung‘ (durch die Liebe einer Frau), sondern lässt Smith erkennen, dass es auch für ihn Wege zu einem erfüllteren Leben gibt.
Um dabei nicht zu weit gehen zu müssen, führt die Autorin den Constable Maurice Wright ein. Er ist ebenfalls eine Klischeefigur als junger, eifriger, aber unerfahrener ‚rookie‘, der einen ungewöhnlichen, aber tauglichen Lehrmeister findet und erledigt, was diesen überfordert; dies kann schon eine Recherchereise sein, die in eine Stadt außerhalb Londons führt.
Erstaunlich plausibel legt Smith dar, wie Ward, der über kein systematisches kriminologisches Wissen verfügt - das um 1900 ohnehin noch nicht existiert -, sich zu einem Ermittler mausert. Er schöpft seine ausschließlich theoretischen Kenntnisse aus seinen geliebten Büchern. Was er dort ‚lernt‘, versucht er auf die reale Situation anzuwenden. Dies sorgt für reizvolle Missverständnisse, führt aber über Umwege zum Ziel.
Behaltet die Maus im Blick!
Stilistisch zitiert Smith die klassischen Kriminalromane der „Goldenen Ära“ vor dem Zweiten Weltkrieg. In den sachlichen Ton mischen sich damals wie heute nicht unbedingt komplexe, aber mit trockenem „britischen“ Humor aufgewertete Aperçus, die den Lektüregenuss ebenso verstärken wie die maßvoll eingeschobenen Verweise auf zeithistorische Sachverhalte und Ereignisse.
Zunächst für Erstaunen sorgt ein zweiter Handlungsstrang, der sich um einen bizarren Urheberstreit dreht: Nachdem ein Kinderbuch, in dessen Mittelpunkt die Abenteuer einer Kirchenmaus stehen, zu einem gewaltigen Erfolg wurde, taucht die bisher anonyme Autorin auf und fordert vor Gericht ihr Urheberrecht - und ihren Anteil an den Einnahmen. Dies wirft 1901 ganz eigene juristische Fragen auf, die Smith sachkundig einfließen lässt. Mit der Primärhandlung scheint der Streit um Millie, die Maus, nichts zu tun zu haben, was sich im Finale als kapitaler Fehlschluss entpuppt: Die Entstehungsgeschichte besagter Maus gibt dem Plot seinen Rahmen.
Das sorgt nicht nur für eine Überraschung, sondern erfreut auch durch die Eleganz der Überleitung und vollendet „Der Tote in der Crown Row“ als rundum angenehme Lektüre. Dies gilt für die Geschichte und die Figuren ebenso wie für den Stil (sowie für die gelungene, gleichzeitig altmodische bzw. nostalgische wie moderne Übersetzung). Deshalb ist es eine vielversprechende Information, dass ein zweiter Band in England bereits erschienen ist.
Fazit
Gelungener Historienkrimi, der die Vergangenheit als Ausgangspunkt einer Handlung nutzt, um eine spannende Kriminalstory mit kritischen Anmerkungen zu versehen, die eindeutig der Gegenwart entspringen. Dies geschieht unaufdringlich und trägt zum Plot bei, der zudem stilistisch durch einen ruhigen, aber keineswegs trägen Wortfluss gefällt: eine Entdeckung!

Sally Smith, Goldmann

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