Herr King, das können Sie besser!
Bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker wurde es zum ersten Mal thematisiert: Alan Duffrey, von einem Geschworenengericht zu einer langjährigen Haftstrafe wegen des Besitzes von Kinderpornographie verurteilt, war unschuldig. Aber das nützt ihm nichts mehr. Immer hatte er verzweifelt seine Unschuld beteuert, vielleicht wäre eine Wiederaufnahme seines Falls gelungen, aber vorher wurde er von einem Mitgefangenen erstochen. Dennoch scheint sein trauriges Schicksal ein Echo gefunden zu haben: Ein Unbekannter kündigt in einem an die Polizei gerichteten Schreiben an, dass er für jeden an der Urteilsfindung Beteiligten, einen Unschuldigen ermorden will.
Zuletzt soll auch noch ein Schuldiger sterben. Insgesamt macht das einen Todeszoll von dreizehn Personen und nach den ersten Morden macht sich die Polizei um das Ermittlerteam Izzy James, Lewis Warwick und Tom Atta fieberhaft auf die Suche nach den Tätern. Da aber Izzy mit der Privatermittlerin Holly Gibney gut befreundet ist, wird auch sie in diesen Fall involviert. Zumindest soweit es Hollys spärliche Zeit zulässt, wurde sie doch von der Feministin Kate McKay nach mehreren Anschlägen als Personenschützerin engagiert. Damit hätte sie schon einiges zu tun - aber wer zynisch ist, könnte jetzt sagen, es wird für sie einfacher, als sich die beiden Fälle verflechten.
Wenn sich jemand dazu entschließt, ein Serienmörder zu werden
Zugegeben - als kleine Hobby-Rezensentin würde ich mich kaum trauen, einem Erfolgsautor wie Stephen King, der mit seinen Werken schon Millionen von Leser*innen begeisterte, einfach so zu bescheiden, dass er das "doch besser kann". Hätte nicht seine Ehefrau Tabitha ihm nach der ersten Lektüre des Romans ganz genau das gesagt. Der Autor selbst sagt zu seinem Werk, er sei "zufrieden genug" - aber auch diese ehrliche Aussage lässt tief blicken. King erzählt die Geschichte von einem Serienmörder, der sich möglicherweise zunächst als verlängerten Arm der Gerechtigkeit erlebt, bis zuletzt im Laufe des Romans die wahre, ganze Geschichte über ihn zu Tage tritt.
Zu Beginn des Romans war ich über seine Konstruktion damit auch irritiert: Ein Mann entschließt sich zu einer Mordserie, vordergründig um einen unschuldig Verurteilten zu rächen? Würde sich sein Plan gegen diejenigen richten, die den Mann aktiv ins Gefängnis gebracht hätten, könnte ich die Geschichte noch verstehen. Aber der Täter ermordet willkürlich andere und hinterlässt in deren Händen nur Namen, die auf die tatsächlich Verantwortlichen hinweisen. Diese Handlung ist nicht nur - vorsichtig formuliert - eigenartig, sondern führt auch dazu, dass die Leser*innen kaum mit den zufällig ausgewählten und knapp in die Handlung eingeführten Opfern mitleiden kann. Darunter leidet aber auch die Spannungskurve und erst als sich das Augenmerk des Täters auf besser eingeführte Personen oder gar auf die Helden richtet, reißt die Handlung einen doch dann mit.
Wer wird eigentlich angeklagt?
Wesentlich lebendiger und spannender wird der zweite Strang des Romans geschildert. Die berühmte Feministin Kate McKay gerät auf einer Lesereise, die sie durch verschiedene Arenen der Südstaaten führt, in das Visier einer religiösen Gruppierung, die mit Andersdenkenden alles andere als zimperlich umgeht. King, der aus seiner politischen Einstellung insbesondere gegenüber der Trump-Regierung und gegen die MAGA-Bewegung nie ein Hehl machte, zeichnet hier ein düsteres Bild von den USA der Gegenwart. Wer sich für die Rechte der Frauen und damit auch für das Recht auf Abtreibung einsetzt, gilt im Handumdrehen als "Babymörder" und natürlich kann in diesem Fall - um ein berühmtes Zitat zu verwenden - "geschossen werden". Sein Roman wird hier zu einer Anklage gegen die herrschende Politik und zu einer Klage über die Menschen, die das Entscheidungsrecht der Frauen unterstützten und deswegen ermordet wurden. Berührend fand ich auch die im Nachwort genannte Liste der Menschen, die ihren Einsatz mit dem Leben bezahlen mussten.
Dennoch muss man King zubilligen, dass er auch diesen Roman in weiten Teilen spannend erzählen kann. Für die Holly Gibson-Fans gibt es ohnehin ein großes Wiedersehen - und auch ihrer Freundin, der Dichterin Barbara Robinson und ihrem Bruder Jerome wird eine große Bühne bereitet. Allerdings hätte die für meinen Geschmack ruhig ein bisschen kleiner ausfallen können und auch das ganze Tamtam um die Wiederauferstehung einer großen Gospelsängerin ging mir auch manchmal auf die Nerven.
Fazit
Stephen King bietet mit seinem neuen Roman eine gute Unterhaltung. Holly Gibney Fans konnten sowieso ein mehr als erfreuliches Wiedersehen feiern. Allerdings kennen wir von ihm auch "absolut spannende" und "fesselnde" Romane und so stellt sich die Frage: Ist "gut" hier dann "gut genug"? Der/die Leserin mag dann auch zum Urteil kommen, dass er/sie "zufrieden genug" ist. Ob das aber eine Empfehlung ist, das ist die Frage, die sich zuletzt stellt.

Stephen King, Heyne


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