Die Insel - Einer kennt die ganze Wahrheit
- Penguin
- Erschienen: Juni 2025
- 4


Spannender Thriller - mit etwas viel Mystery.
Isak ist eigentlich mit seinem Leben ganz zufrieden. Mit seinem Kleinwagen saust er als Altenpfleger zu den alten Leuten, die sich selbst nur noch schwerlich helfen können und kümmert sich liebevoll um sie. Für ihn ist sein Beruf tatsächlich noch "Berufung". Natürlich könnte das aber dennoch ein bisschen besser bezahlt werden, muss er doch mit Freundin Madde manchmal schon schmerzlich erfahren, dass andere sich wesentlich mehr leisten und ein viel schickeres Leben führen können. Aber gut - es ist nun mal so, wie es ist. So oder so ähnlich ist zumindest Isaks Einstellung - bis sich eines Tages sein Vater Fredrik bei ihm meldet.
Nach einer Familientragödie hatte er seinen Sohn seinerzeit bei dessen Großvater zurückgelassen und - abgesehen von einigen seltenen Kontakten - hatte er sich nie wieder gemeldet. Beruflich ist ihm aber der Durchbruch als Künstler gelungen. Für seine Werke werden hohe Beträge gezahlt und sein Leben spielt sich an der Sonnenseite der Gesellschaft ab. Nach Jahren des Schweigens will er jetzt seinen entfremdeten Sohn wiedersehen und daher lädt er Isak und Madde auf sein elegantes Anwesen in Gotland ein. Hier sollen dann neue Familienbeziehungen geknüpft werden. So war zumindest die Grundidee - aber je länger die sonnigen Tage auf dem Anwesen dauern, umso größer werden die Schatten, die sich auf die Stimmung schlagen. Immer drängender stellt sich die Frage: Was will Fredrik eigentlich von seinem Sohn?
So reich sein, dass man tun kann, was man will
Viele von uns kennen Ulf Kvensler bestimmt noch aus seinem spannenden Roman "Der Ausflug", bei dem sich innerhalb einer Wandergruppe tiefe psychologische Abgründe auftaten und nicht alle wieder nach Hause zurückkehrten. In seinem neuen Roman bleibt er dem spröden Schauplatz Schwedens treu und führt seine Protagonisten auf die Insel Gotland. Hier - in einem abgeschiedenen großartigen Haus - versuchen der Ich-Erzähler Isak und sein berühmter Vater Fredrik einander wieder näher zu kommen. Dabei bietet sich ein zerrissenes Bild. Einerseits ist der junge Mann durchaus von dem Reichtum und dem Einfluss des Vaters geblendet - andererseits scheint dieser besonders daran interessiert zu sein, die dunklen Seiten seines Sohnes zu wecken.
Kvensler erzählt seinen Roman auf verschiedenen zeitlichen Ebenen: Einerseits wird von dem Aufenthalt auf der Insel und den zunehmend düsteren Entwicklungen gesprochen, andererseits spielt der Roman auch mit einem deutlichen Zeitsprung in der Gegenwart. Irgendetwas Schlimmes muss zwischen diesen beiden Ebenen passiert sein, wird der junge Mann doch eines Verbrechens angeklagt. Lange Zeit weiß der/die Leser*in auch nicht, worum es sich hier handelt. Überrascht ist man von dieser Entwicklung aber eigentlich nicht, lässt doch Fredrik keinen Versuch aus, seinen Sohn zu korrumpieren und zu einem rücksichtslosen Machtmenschen umzuerziehen.
Einiges bleibt im mystischen Dunkel
In der langsam erzählten Geschichte lässt sich vieles nicht so recht packen. Es gibt mystische Elemente, so der einer kleinen Götterfigur, die offensichtlich einen großen Machtanspruch erhebt. Es wird von Menschen erzählt, die diesem kleinen Götzen bedingungslos zu dienen scheinen - und von weiteren eigenartigen Geschöpfen, die nicht ganz wie ein Mensch, sondern fast wie ein Tier wirken. Vieles ist sehr mysteriös gehalten und nicht alles nachvollziehbar. Unklar bleiben auch die Motive des Vaters. Natürlich sind wir dem Ich-Erzähler Isak wesentlich näher - aber auch dieser lässt vieles im Dunklen, hinterfragt nicht, was eigentlich einmal passiert ist - oder war schlicht und einfach zu betrunken.
Mich störte an diesem psychologischen Krimi, wie schnell es angeblich möglich ist, einen Menschen, der bisher mit einfachen Dingen zufrieden war, zu korrumpieren. Kaum sitzt er in einem Lamborghini, gelten für ihn die wichtigen gesellschaftlichen Regeln nicht mehr. Von hier aus ist es scheinbar nur ein kurzer Weg zu wilden Nächten mit viel Alkohol, harten Drogen und käuflichem Sex. Das Ende des Romans überraschte mich allerdings sehr, hätte ich doch mit dieser Entwicklung nicht gerechnet. Aber auch hier wirkte für meinen Geschmack dann doch Einiges zu abgehoben und zu mystisch.
Fazit
Ulf Kvensler erzählt mit seinem neuen Roman von dunklen Mächten, die nach dem einfachen Leben seines Helden greifen. Spannend erzählt ist vieles, dennoch bleibt genauso einiges im mystischen Dunkel und irgendwie konnte ich mich des Eindrucks nicht so ganz erwehren, dass hier eher der Weg das Ziel war.

Ulf Kvensler, Penguin

Deine Meinung zu »Die Insel - Einer kennt die ganze Wahrheit«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!