Unheimliche Gesellschaft: Die Affäre Thomas Mann
- Droemer
- Erschienen: Mai 2025
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Die Geschichte lebt vom Stil.
Selbst im Thomas-Mann-Jahr 2025 muss man erst einmal darauf kommen, den großen deutschen Schriftsteller zu einer Art Sherlock Holmes in eigener Sache zu machen. Der Deutsch-Schweizer Tilo Eckardt, selbst in unterschiedlichen Funktionen in der Buchbranche tätig, hatte diese geniale Idee und setzt sie mit „Unheimliche Gesellschaft“ bereits zum zweiten Mal um. Als Manns „Watson“ dient sein litauischer Übersetzer Žydrūnas Miuleris, kurz „Müller“ genannt.
Die Jagd nach dem Unbekannten
Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 ist das eingetreten, was Thomas Mann schon lange vorhergesagt hatte. Seiner Heimat Deutschland beraubt, findet der Nobelpreisträger mit seiner Familie Zuflucht in Küsnacht. Ein dubioser Verkehrsunfall seiner Frau Katia lässt Mann in heller Aufregung zurück. Er ruft seinen Übersetzer und Freund Miuleris nach Zürich, um der Sache auf den Grund zu gehen. Zuerst erscheint alles als Lappalie, doch dann ereignen sich Anschläge gegen Miuleris und seinen treuen Hund Ludwik. Zudem wird das Getuschel immer lauter, dass die Gestapo auch in der neutralen Schweiz operiert. Mann und Müller sind auf das Äußerste beunruhigt – und das zu Recht.
Mann, Müller und Ludwik
Tilo Eckardt ist wirklich der große Wurf in Sachen Protagonisten gelungen. Thomas Mann war ein sehr egozentrischer und manchmal fast weltfremder Schriftsteller, der sein geordnetes Umfeld brauchte, um produktiv zu sein. Stets dabei waren seine Zigarren und seine Frau Katia, deren fragwürdige Fahrkünste in dem Roman mehr als einmal eine entscheidende Rolle spielen. Der Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 1929 ist vortrefflich geschildert. Seine Eigenarten und seine manchmal ganz trocken formulierten Ansichten, kommen zum Tragen. Das Gegenstück zu Mann ist sein Übersetzer Müller. Ohne monetären Rückhalt, dafür mit mehr Realitätssinn als Mann, steht er diesem zur Seite, wie auch Ludwik, der große weiße Hund. Das Dreiergespann dürfte eines der skurrilsten Protagonistenteams der Krimiliteratur sein, doch es macht einfach Spaß ihnen zu folgen, auch wenn die Krimihandlung selbst wenig hergibt.
„Die Affäre Thomas Mann“
Am Anfang steht das kleine Malheur von Katia Mann, das sich im Laufe der Geschichte zu einer sehr realistisch wirkenden, aber wenig spannenden Angelegenheit weitet. Viel passiert eigentlich bis kurz vor dem Ende nicht. Zwar werden Miuleris und Ludwik angegangen, aber das wird schnell abgehakt. Erst zum Schluss nimmt die Geschichte an Fahrt auf und wird noch richtig packend – auch wenn man den eigentlichen Ausgang aus Manns Biografie schon kennt. Wer also Spannung von Anfang bis Ende für einen guten Krimi braucht, wird hier wahrscheinlich enttäuscht werden. Wem der Stil am Herzen liegt, wird allerdings ein wahres Fest erleben.
Thomas-Mann-Stil
Die Vorkommnisse werden von Müller für seinen Enkel Jonas im Rückblick erzählt. Der Übersetzer hat scheinbar nicht nur Manns Werke ins Litauische transferiert, sondern sich enorm viel von dessen Stil angeeignet. Manchmal scheint es fast, als würde man Mann direkt lesen:
„Die krisenhafte Verzagtheit, die mich bei geradezu jedem einsamen Spaziergang ergreift, die körperliche Exzitation, die Furcht, die Besinnung zu verlieren … Was, wenn groteskerweise gerade deshalb in diesem thorheitsvollen Land die Freiheit am größten ist? Die Freiheit von den Zumutungen des Anstands! Die Behaglichkeit in der Antihumanität“ oder: „Die Existenz wird doch sehr herabgesetzt, wenn man aus dem Koffer zu leben gezwungen ist“.
Für Thomas-Mann-Fans dürfte der Stil viel der spannungsarmen Geschichte wett machen. Es ist ein Genuss, diesen dann auch noch mit einigem Humor angereichert zu lesen. Nicht selten kann man sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Leider scheint Eckardt aber auch ein Faible für den Begriff „Dichter“ zu haben, denn ständig wird Mann als solcher bezeichnet. Doch das ist Jammern auf hohem Niveau, denn selten ist ein Krimi stilistisch so ausgefeilt.
Fazit
Die Mischung aus Fiktion, historischen Fakten und einem sehr elaborierten Stil ist dem Autor auch in seinem zweiten Band der Serie hervorragend gelungen. Zwar ist die Krimihandlung wenig spannend, doch gerade für Thomas-Mann-Fans dürfte „Unheimliche Gesellschaft“ ein Leseschmaus sein. Bleibt zu hoffen, dass Mann und Müller noch öfter Sherlock Holmes und Watson geben und vielleicht sind dann die Ermittlungen auch etwas packender gehalten.

Tilo Eckardt, Droemer


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