Ordentlicher Start einer neuen Thrillerreihe aus Finnland.
Wenn die Kripo Helsinki den Profiler Milo Perho um Hilfe bittet, geht es zumeist um rätselhafte Mordfälle. Diesmal wird eine junge Frau an einem eisigen Novemberabend am Ufer der Insel Seurassari gefunden. Das Opfer ist vollständig mit weißer Farbe bedeckt und in dessen Speiseröhre findet man später eine Schachfigur, das schwarze Pferd. Handelt es sich beim Täter vielleicht um einen Fetischisten, der seinem Opfer ein erregendes Aussehen geben wollte, oder um eine perverse Form eines Schachspiels? Auch wenn man den Namen der Toten schnell klären kann, gibt die Identität des Täters Rätsel auf.
Als Perho eine anonyme Nachricht in Form einer Schachnotation erreicht, ahnt er, dass er sich mitten in einem tödlichen Spiel befindet. So sehr es ihm widerstrebt, kontaktiert er den Ex-Partner seiner Mutter, einen versierten Schachspieler, der aber eine dunkle Vergangenheit besitzt. Die Zeit drängt, denn Perho weiß, dass das Spiel gerade erst beginnt.
Nordic Crime aus Finnland
Max Seeck ist aktuell einer der erfolgreichsten und angesagtesten finnischen Thrillerautoren. Kritiker bezeichneten ihn schon als Meister des „Finnisch Noir“. Mit seinem 2019 erschienenen ersten Roman „Hexenjäger“ um die ungewöhnliche Ermittlerin Jessica Niemi, der in 35 Länder verkauft wurde, gelang ihm der internationale Durchbruch. Für den dritten Band „Feindesopfer“ wurde er mit den renommierten „Nordischen Krimipreis“ ausgezeichnet. Nachdem die Tretralogie der Jessica-Niemi-Reihe mit „Waiseninsel“ ihr Ende fand, legt Seeck nun mit „Blindspiel“ (ebenfalls im Lübbe Verlag erschienen) den Auftakt seiner neuen Thrillerreihe vor, in deren Mittelpunkt der ungewöhnliche Profiler und polizeiliche Berater Milo Perho steht. Der Roman belegte bereits kurz nach Erscheinen den 1. Platz der finnischen Bestsellerlisten und wurde für mehrere Literaturpreise nominiert. Für September 2025 ist in Seecks Heimat bereits die Fortsetzung angekündigt.
Moderne Thriller-Algorithmen
Der Autor hat selbst mit seiner letzten erfolgreichen Reihe die Messlatte sehr hochgelegt. Die Romane um die die charismatische Ermittlerin Jessica Niemi überzeugten mit Thrill, starken Figuren und einen cleveren Plot. Die Mischung aus klassischen Elementen und Mystery sorgt für Spannung auf sehr hohem Niveau.
Davon ist zumindest der Auftakt der neuen Reihe noch etwas entfernt, obwohl Seeck insgesamt ein ordentlicher Thriller gelingt. Allerdings verzichtet der Autor auf das Außergewöhnliche. Stattdessen bedient er sich - wie auch schon in der Jessica-Niemi-Reihe - zu sehr angesagter gesellschaftlicher Trends wie Tinder oder sexueller Freizügigkeit und verbindet diese mit allzu bekannten Elementen, wie zum Beispiel dem charakterlich schwierigen Profiler und den rätselhaften Verbündeten. Es wirkt mitunter etwas, als würde man modernen „Thriller-Algorithmen“ folgen. Das Ergebnis lässt sich trotz allem lesen, was sicherlich Seecks Talent zu verdanken ist, erinnert aber zu sehr an derzeit erfolgreiche Streamingserien.
Die Handlung ist insgesamt zu gewöhnlich umgesetzt, auch wenn die Grundidee, den Täter als hybriden Schachspieler agieren zu lassen, durchaus seinen Reiz besitzt. Gerade hier punktet der Roman, wenn sich Perho auf die Denkweise und Motivation des Täters einlässt. Die Bezüge zum Schachspiel sind nicht nur real, sondern verleihen dem Roman den Charakter eines Katz-und-Maus-Spiels, welches in diesen Passagen bestens unterhält. Hieraus hätte Seeck sicherlich noch mehr machen können. Gelungen ist ebenfalls erneut die atmosphärische Umsetzung des Romans, der im nasskalten finnischen Winter spielt.
Zu viel des Guten
Schwächen weist der Roman vor allem bei der Figurendarstellung auf - eigentlich eine Stärke des Finnen. Sein Protagonist Milo Perho arbeitete früher beim Auslandsgeheimdienst und ist darauf spezialisiert, Menschen aufzuspüren, zu beobachten und zu identifizieren. Er scheint aber etwas aus der Übung zu sein, was sich spätestens am Ende des Romans zeigt. Seit Jahren ist er in losen Abständen als externer Berater bei der Polizei Helsinki tätig und arbeitet ansonsten in einer eigenen Kunstgalerie. Gleichzeitig findet der Kinderwunsch mit seiner Frau Ronja keine Erfüllung, was zum einen an Milos Zeugungskraft und zum anderen am beruflichen Stress liegt. Dass Perho seiner Frau beim Sex mit willigen jungen Männern zusieht, trägt weder zur Festigung der ehelichen Beziehung noch zum Lesevergnügen bei. Seeck verrennt sich nicht nur hier beim Vorhaben, den Protagonisten einen ungewöhnlichen Charakter und eine besondere Biografie zu geben. Dazu gehören auch Perhos Probleme mit seiner Mutter, die als Gerichtsmedizinerin immer wieder auf ihren Sohn trifft, und die rätselhafte Vergangenheit des Ex-Partners seiner Mutter, dessen Hilfe der Profiler beim aktuellen Fall benötigt. Dass jener ihm immer wieder in Meister-Yoda-Manier Ratschläge erteilt, spricht nicht gerade für die Klasse Perhos.
Fazit
Autor Max Seeck besitzt ohne Zweifel ein großes Talent, welches er zuletzt mit seiner erfolgreichen Jessica-Niemi-Reihe unter Beweis gestellt hat. Der Auftakt seiner neuen Thrillerreihe schwächelt aber etwas. Trotz Spannung, cleveren Wendungen und guter Ermittlungsarbeit wirkt der Roman etwas überladen und inhaltlich zu gewöhnlich. Dennoch darf man gespannt sein, wie es im zweiten Band der Reihe weitergehen wird.

Max Seeck, Lübbe


Deine Meinung zu »Blindspiel«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!