Sechs Einfaltspinsel in einem Boot.
Früher waren sie ein unzertrennliches Kleeblatt - die drei Freundinnen Libby, Maggy und Hannah. Dann aber trennten sich ihre Wege. Maggy und Libby stiegen gesellschaftlich auf, Hannah aber blieb der Erfolg verwehrt. Mit ihrer kleinen Design-Firma erlitt sie Schiffbruch. Jetzt hält sie sich mühsam mit Aushilfs-Jobs über Wasser. Dennoch - so ganz haben die drei Frauen nie den Kontakt verloren und das soll auch dieses Jahr wieder bei der gemeinsamen Silvester-Feier zelebriert werden. Die wohlhabenden Gastgeberinnen haben sich dabei mitsamt ihren Ehemännern etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Gefeiert wird auf einer großen Yacht in einem französischen Hafen. Dennoch will die richtige Stimmung in diesem Jahr nicht aufkommen. Hannah stellt fest, dass die gesellschaftlichen Gräben mittlerweile zu tief geworden sind, um der alten Freundschaft noch eine Chance zu geben. Sie beschließt, am Neujahrsmorgen abzureisen. Doch da stellt sie Unglaubliches fest: Das Schiff, das beim Mitternachtsfeuerwerk noch solide vertäut im Hafen lag, treibt nun auf dem offenen Meer. Sicher wäre es ein Einfaches, die Yacht an das sichere Ufer zurückzubringen - wenn sie denn jemand in Gang bringen könnte.
Wenn die Freundin deine alten Klamotten erbt
Vielleicht haben wir das auch schon mit alten Freunden erlebt: Früher wussten wir nicht, was wir ohne sie gemacht hätten. Aber heute ist ehrlich gesagt der Lack ab. Man hat sich unterschiedlich entwickelt und wenn es ganz hart kommt, dann haben die einen mittlerweile ein gehöriges Vermögen angehäuft, wogegen die anderen nicht wissen, wie sie am Ende des Monats die Miete zahlen können. In genau dieser Position findet sich Hannah. Zwar ist der Kontakt zu ihren alten Freundinnen nie so ganz abgerissen, dennoch sieht Hannah sich als Mensch zweiter Klasse. Sie trägt die alten Klamotten der beiden anderen auf - bitter ist es dann zu erfahren, dass sie nie auch nur von ihnen getragen wurden, sondern eigentlich sofort in den Müll sollten.
Natürlich kommt es auf der Silvesterparty zum großen Knall und eigentlich war alles gesagt, wenn sich das Schiff nicht auf eigene Faust auf große Reise gemacht hätte und damit die Karten neu gemischt worden wären. Unabhängig von Macht und Einfluss zeigt sich nämlich schnell, wer im Notfall belastbar oder kreativ reagiert.
Mit dieser Idee kam ich aber nicht so richtig zurecht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine große Yacht im Handumdrehen aus einem Hafen heraus treibt ohne ein anderes Boot zu rammen - oder zumindest zu zerschrammen - und ohne, dass jemand davon Notiz genommen hätte. Im Wasser selbst fühlt sich ein treibendes Boot anders an als eines, das im Hafen solide vertäut ist. Viel zu schnell ging auch die "Rollenumkehrung" der Passagiere. Wer sich bis zum unfreiwilligen "Auslaufen" noch duckmäuserisch wegduckte, übernimmt jetzt plötzlich das Kommando.
Wieder ein Gott des Gemetzels
Alsbald entwickelt sich jetzt auf dieser unfreiwilligen Reise ein Szenario, das sich am besten unter dem Titel "Die Hölle, das sind die anderen" beschreiben lässt. In endlosen, zermürbenden Debatten werden alte Verletzungen aufgearbeitet und neue verabreicht. Natürlich wird die Lage an Bord nicht besser. Offensichtlich macht sich nämlich niemand darüber Gedanken, warum zwar kein Motor läuft, der zu einer Stromgewinnung beitragen könnte, aber alle Lichter brennen, alle Heizungen auf Hochtouren laufen und alles, was irgendwie Energie verbrauchen kann, tatsächlich auch fröhlich genau das macht. Erst mit dem Zusammenbruch wird klar, was besser oder sinnvoller gewesen wäre. Aber wie so vieles, kommt auch diese Einsicht zu spät.
Natürlich fragt sich jede*r Leser*in wo denn jetzt eigentlich der Thriller bleibt. Ehrlich gesagt, war mir das nicht so recht klar. Irgendwie spielt sich der Thriller am Rande ab und beginnt mit dem mehr oder weniger beiläufigen Verschwinden der ersten Person - ehe sich der Kreis der Seefahrer zum Schluss drastisch reduziert. Ein*e traditionelle*r Mörder*in ist hier auch nicht zu finden. In dem ganzen Gemetzel und den ganzen Gefechten ist es vielmehr nicht erstaunlich, dass es Kollateralschäden gibt.
Immerhin - es gibt zwei Personen, die das ganze Drama überleben und auch wenn sich nach deren Neustart ins Leben erst einmal hoffnungsvolle Momente ergeben, sind diese nicht von langer Dauer. Zum Schluss werden nämlich doch noch einige Geheimnisse geklärt und diese sorgen noch einmal für weitere Spannungen.
Fazit
"Die Yacht" kündigt einen closed-room-Thriller an, mit Protagonisten die sich gegenseitig an die Kehle gehen könnten. Im übertragenen Sinne machen sie das auch tatsächlich, dennoch wird am Ende des Tages viel zu viel persönliches Drama erzählt. Der Thriller scheint dagegen irgendwo unbemerkt abgebogen zu sein und dümpelt in einer vergessenen Ecke.

Sarah Goodwin, Lübbe


Deine Meinung zu »Die Yacht«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!