Anna O.

  • Fischer
  • Erschienen: Juni 2024
  • 4
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Sabine Bongenberg
75°1001

Krimi-Couch Rezension vonJun 2024

Manchmal etwas schläfrig...

Dr. Benedikt Prince hat nie danach gestrebt, ein Alphamännchen zu sein. Er sah sich nie als Rock- oder Superstar, sondern sehnte sich nach einer guten Ehe, nach Kindern - einfach nach einem kleinen, bodenständigen Glück. Es kam aber anders. Seine Träume haben sich zerschlagen und mittlerweile führen die ehemaligen Eheleute Prince einen Hick-Hack-Krieg über das Wohl ihrer Tochter Katherine. Dennoch - eine kleine Eitelkeit führt Dr. Prince weiterhin mit sich und das ist die, einmal seinen großen Durchbruch als Experte für Schlafmedizin zu erringen. Möglicherweise erfüllt sich dieser Traum jetzt mit Englands berühmtester Patientin Anna Ogilvy. Sie ist seit vier Jahren in einem unüberwindlichen Tiefschlaf gefangen und stellt somit das reale Dornröschen dar, das möglicherweise tatsächlich von Prinz Benedikt geweckt werden könnte. Allerdings hat die Sache einen Haken, wurde doch das literarische Dornröschen neben einer Spindel gefunden, an der sie sich gestochen hatte. Anna Ogilvy dagegen lag neben ihren beiden ermordeten besten Freunden und hielt die Tatwaffe in der Hand.

Der einsame, verlassene Prinz möchte das schuldige Dornröschen wachküssen...

Mit seinem Debutroman widmet sich der englische Autor Matthew Blake einem interessanten und neuen Feld. Die Mordverdächtige kann nicht befragt werden, da sie nach dem Auffinden am Tatort in einen tiefen Schlaf gefallen ist, aus dem sie bisher nichts und niemand erwecken konnte. Möglicherweise beging sie die Verbrechen sogar, während sie schlafwandelte... Macht sie das jetzt zur Mörderin?  Oder ist Anna O. eine geschickte Lügnerin? Oder ist Anna sogar ganz und gar unschuldig? Erzählt wird diese zwiespältige Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln:  Benedikt Prince berichtet als Ich-Erzähler, über die Ansichten, die Beteiligung seiner Kollegin und Mentorin Virginia Bloom wird in der dritten Person gesprochen und über alte Tagebucheinträge kommt auch die schlafende Anna zu Wort. Selten meldet sich auch eine mysteriöse Person "X" und mit ihr tritt eine zusätzliche, dunkle Seite zu Tage, die weitere Möglichkeiten einer Lösung aufzeigt.

Matthew Blake beginnt seinen Roman mit der leisen Trauer, die Benedikt Prince umgibt, der sich als gescheiterten Familienvater sieht. Mit Prince erkennt der Leser, dass es natürlich auch andere dysfunktionale Familien gibt aber dennoch drängt sein persönliches "Versagen" - so wie er es empfindet - in den Vordergrund. Nach dem Zerbrechen seiner Ehe ist sein Leben langweilig und leer. Ist es daher überraschend, dass er vieles daransetzt, um Anna aus ihrem Schlaf zu erwecken? Blake schildert aber auch gut die Zerrissenheit des Arztes, will dieser zwar sicherlich akademische Palmen erringen, ist ihm aber auch andererseits vollkommen klar, dass er seine Patientin möglicherweise nur für einen lebenslangen Aufenthalt im Gefängnis weckt.

War sie es denn wirklich?

Natürlich richtet sich die Hauptfrage eines Thrillers aber danach, wer denn der Urheber eines Kapitalverbrechens war. In dem/der Leser*in wächst das ungute Gefühl, dass die schlafende Anna vielleicht nicht so schuldig ist, wie es die britische Regenbogenpresse aussehen ließ. Dennoch aber stellt sich die Frage: Wer soll es denn sonst gewesen sein? Befeuert wird diese Idee von einem spannenden Nebenstrang, der sich einer fiktiven britischen Mörderin widmete, die ihre beiden Stiefkinder ermordete und in wegen geistiger Unzurechnungsfähigkeit in das Broadmoor Hospital eingewiesen wurde. Vor dem Blutbad und ihrem tiefen Schlaf ermittelte Anna nach den eigenartigen Umständen in denen diese Frau zu Tode kam. Hat sie dabei vielleicht Geister aufgeweckt, die sie besser ruhen lassen sollte?

Dennoch ist bei vielen spannenden Wendungen einiges zu langsam und zu behäbig erzählt. Blake hat sich für meinen Geschmack in zu vielen Punkten dem Schlafrhythmus der prominenten Patientin angepasst. Zu guter Letzt wird der Krimi aufgelöst. Für mich war die Lösung überraschend, wenn ich auch das Setting als nicht allzu glücklich und für meinen Geschmack nicht als ganz nachvollziehbar empfand. Sicherlich sind aber hier die Geschmäcker wieder verschieden.

Fazit

Hat das schlafende Dornröschen bestialisch gemordet - oder läuft der wahre Täter immer noch durch die Gegend und sucht sich vielleicht schon neue Opfer? Blake schafft um dieses Szenario einen spannenden Thriller, dem aber vielleicht auch die eine oder andere Straffung nicht geschadet hätte.

Anna O.

Matthew Blake, Fischer

Anna O.

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