Jack the Ripper – Die Whitechapel-Morde 1888: Eine Chronologie

  • via tolino media
  • Erschienen: Juni 2023
  • 0
Wertung wird geladen
Michael Drewniok
75°1001

Krimi-Couch Rezension vonSep 2023

Faszination eines ungelösten/unlösbaren Rätsels

Eine Tragödie wird sich in eine Touristenattraktion verwandeln, wenn genug Jahre seit dem geschehenen Grauen verstrichen sind. Was zynisch klingen mag, wird von der Realität bestätigt, und die Untaten von Jack the Ripper sind ein Paradebeispiel. Auf der einen Seite trieb im London des Jahres 1888 ein Serienmörder sein Unwesen. Sein Tun wurde durch ein Milieu begünstigt, dessen Missstände ihm bestialische Morde ermöglichten, ohne dass er jemals gefasst wurde.

Dies ist andererseits ein wesentlicher Faktor des Ripper-Kults: Der Killer entkam, obwohl es unzählige Spuren und zahlreiche Verdächtige gab. Hinzu kommt die Wucht einer Mordserie, die sich stetig und geradezu dramatisch steigerte und in einem Exzess gipfelte, der mehr als ein Jahrhundert später nur mehr für wohliges Schaudern sorgt: Die Differenz der Jahre schafft eine Barriere, hinter der man sich sicher verschanzen kann.

Hinzu kommt eine Kulisse, in der solche brutalen Morde quasi geschehen mussten. Das reale Elend in den Slums einer Millionenstadt, deren arme Bewohner jenseits jeder organisierten Sozialgerechtigkeit buchstäblich krepierten, liegt ebenfalls so lange zurück, dass die pittoresken Seiten als horrortauglicher Alltag Eingang in die Unterhaltungskultur gefunden haben. Heute ist das neblige, dunkle, schmuddelige, lebensfeindliche London ein Ort, dem gut genährte Touristen sich bei guter Beleuchtung und in Begleitung sachkundiger Gästeführer gern und gruselwillig nähern.

Der Schrecken und die Faszination

Das hier vorgestellte Buch dokumentiert nicht nur den Fall Jack the Ripper, sondern auch die Arbeit eines Projekts, das den Namen „London Beyond Time and Place“ trägt und u. a. von den beiden Autoren getragen wird. Hier diskutieren Historiker, Journalisten und Autoren, aber auch Stadtführer oder Musiker, digital und persönlich sowie immer wieder direkt vor Ort, über die alte Stadt an der Themse und ihre ebenso reale wie bizarre Geschichte. Meinungen und Anekdoten werden ausgetauscht, Fakten ausgegraben: So entstand auch dieses Buch. Es vermag - dies sei vorab festgestellt - das bisher über die Ripper-Morde Bekannte nur in Details erweitern und schon gar nicht das ewige Rätsel lösen; ein Anspruch, der freilich an keiner Stelle erhoben wird.

Röttgers und Schröder fassen zusammen, was gesichert ist, (fälschlich) vermutet oder inzwischen geklärt wurde. Hinzu kommen zahlreiche, zum Teil farbige Fotos, die jene Stätten, an denen der Ripper umging, in ihrem heutigen Zustand zeigen. Vieles wurde abgerissen oder umgebaut, aber es gibt Orte, an denen die Vergangenheit fortzuleben scheint. Hinzu kommen zeitgenössische Bilder; nicht nur Fotografien, sondern auch Stiche, Gemälde oder Reproduktionen reißerischer Zeitungsartikel. Hinzu kommen ursprünglich rein interne Polizeiunterlagen, die natürlich von besonderem Interesse sind. Die Wiedergabequalität ermöglicht den Lesern glücklicherweise die Sichtung zum Teil winziger Einzelheiten.

Während die erstaunlich klaren Fotos aus dem London Ende des 19. Jahrhunderts das Auge fesseln, sorgen die Tatort- und Leichenschaufotos der Opfer für Unbehagen. Selten zuvor hat man sie so deutlich = in ihrer ganzen schauerlichen Drastik gesehen! Man versteht sofort den Furor, den die Ripper-Morde einst auslösten, sowie das daraus resultierende Interesse, denn dieser Killer kann es in Sachen Brutalität mit jedem Psychopathen der Gegenwart aufnehmen!

Man wird ihn niemals identifizieren

Warum dies so ist, steht nach der Lektüre fest: Die Ermittlungen litten 1888 nicht nur unter einem Polizeiapparat, dessen Ausbildung und Ausrüstung der Herausforderung nicht gewachsen war, sondern auch unter Fehlern und Fehlentscheidungen, die zum Teil einer Politik geschuldet waren, der die Beschwichtigung einer durch evidente Missstände ohnehin erzürnten Bevölkerung mindestens so wichtig war wie die Aufklärung der Ripper-Taten.

Mehr als ein Jahrhundert später wird es nicht mehr gelingen, die Wahrheit aus den durchaus existierenden Indizien und Aussagen zu destillieren. Die Zeit hat Jacks Spuren so gut verwischt, dass auch die „CSI“-Hightech der modernen Kriminalistik die eiskalte Fährte nicht mehr aufwärmen kann. Röttgers und Schröder gewähren knappe Blicke auf entsprechende Versuche, die bis auf den heutigen Tag andauern, jedoch höchstens die Verwirrung von Fakten und Mythen verstärken.

Die Zusammenfassung der Gruppe „London Beyond Time and Place“ kann, wie schon gesagt, diesen gordischen Knoten nicht durchschlagen. Wer sich für Jack the Ripper, das viktorianische London und ein düsteres Kapitel der Kriminalhistorie interessiert, kann dennoch auf dieses Buch zurückgreifen.

Das Sein vor dem Schein

Vom bescheidenen Layout sollte man sich nicht abschrecken lassen. Dieser Band ist nicht in einem ‚echten‘ Verlag erschienen. „London Beyond Time and Place“ ließ es von einem Dienstleister drucken und hat wohl die dafür erforderlichen digitalen Vorlagen selbst geliefert. Das Ergebnis erinnert an die 1990er Jahre, als Textverarbeitungsprogramme die private Erstellung eines druckfähigen Manuskripts suggerierten. Vor allem die übergroßen Zeilenabstände beeinträchtigen das (generell biedere) Druckbild.

Dem gegenüber steht eine nicht nur gut gegliederte und essenzielle, sondern auch durchweg angenehm lesbare Darstellung; keine Selbstverständlichkeit dort, wo „self publishing“ allzu oft mit Befreiung von Stil und Grammatik gleichgesetzt wird! Es gibt sogar ein Register, was stets mit Arbeit verbunden ist und hier unterstreicht, dass keine unbedarften „fanboys“ (oder „fangirls“) hinter diesem Buch stehen, sondern Autoren, die etwas mitzuteilen haben, über einschlägiges Wissen verfügen und dieses zu vermitteln wissen.

Fazit

Ungeachtet des schlichten Layouts fassen die Autoren Tatsachen und Begleitumstände des Falls Jack the Ripper knapp, aber umfassend zusammen. Es gibt keine ‚sensationellen Enthüllungen‘, sondern solide Fakten, die zudem reich und informativ bebildert werden: kein Sachbuch- ‚Muss‘, aber ein deutliches „Kann“.

Jack the Ripper – Die Whitechapel-Morde 1888: Eine Chronologie

Dorothee Schröder, Philipp Röttgers, via tolino media

Jack the Ripper – Die Whitechapel-Morde 1888: Eine Chronologie

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Jack the Ripper – Die Whitechapel-Morde 1888: Eine Chronologie«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Dr. Drewnioks
mörderische Schattenseiten

Krimi-Couch Redakteur Dr. Michael Drewniok öffnet sein privates Bücherarchiv, das mittlerweile 11.000 Bände umfasst. Kommen Sie mit auf eine spannende und amüsante kleine Zeitreise, die mit viel nostalgischem Charme, skurrilen und amüsanten Anekdoten aufwartet. Willkommen bei „Dr. Drewnioks mörderische Schattenseiten“.

mehr erfahren