Todesschuss

  • Festa
  • Erschienen: April 2023
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Michael Drewniok
90°1001

Krimi-Couch Rezension vonAug 2023

Die Ehre im Visier von Hyänen

Sergeant Ray Cruz wird voller militärischer Bewunderung „Cruise Missile“ genannt: Wenn man ihn einmal mit einem Auftrag in Bewegung setzt, lässt er nicht locker, bis er sein ‚Ziel‘ eliminiert hat: Cruz ist ein Scharfschütze im Dienst der USA. Vor allem wird er im Nahen Osten eingesetzt, wo er Taliban-Kämpfer u. a. US-definierte Feinde der Freiheit auf große Entfernung mit seinem Hightech-Gewehr zur Strecke bringt.

Cruz geht in seinem Job auf und liebt den Außeneinsatz. Man hat ihn gejagt und angeschossen, doch stets konnte er entkommen und seiner Zielperson mit einem großkalibrigen Projektil den Schädel spalten. Vor sechs Monaten ging allerdings etwas gewaltig schief: Cruz sollte in Afghanistan den Warlord Ibrahim Zarzi ausschalten, der dort als „der Enthaupter“ bekannt ist. Doch die Mission wurde verraten. Schwer verletzt konnte Cruz untertauchen; er gilt als verschollen.

Aktuell hat sich der politische Wind gedreht. Zarzi wird in den USA hofiert und als kommender (und lenkbarer) Staatschef gestützt. Er unternimmt eine Reise durch die Vereinigten Staaten, um sich als starker Mann im Nahen Osten zu etablieren - und gerät erneut ins Visier von Ray Cruz, der es zurück in die USA geschafft hat und dort seine Mission wieder aufnimmt.

CIA und FBI können sich keinen Reim auf dieses Verhalten machen. Ist Cruz verrückt geworden? Ein Attentat auf Zarzi gilt es unbedingt zu verhindern. Deshalb wird ein alter Scharfschützen-‚Kollege‘ hinzugezogen. Ray Cruz kennt Bob Lee Swaggard und zieht diesen ins Vertrauen. Er behauptet eine Verschwörung im Afghanistan-Sektor des Geheimdienstes. Dass er damit richtig liegt, belegen mehrfache Attacken einer Söldnertruppe, die Cruz und bald auch Swaggard unbedingt ausschalten soll, bevor sie den wahren Umfang des Komplotts enthüllen ...

Die Sucht nach dem ‚perfekten‘ Schuss

Der „Military Thriller“ ist ein Genre, dem sich der unterhaltungsfreudige Leser offen, aber vorsichtig nähern sollte. Völlig außen vor bleibt, wer nicht nachvollziehen kann oder will, dass Männer, aber auch immer mehr Frauen tun, was Männer und Frauen tun müssen, was hier explizit den beinahe erotischen Einsatz von Feuerwaffen einschließt. Sie ermöglichen denen, die sie beherrschen (dieses Wort wird hier offen zweideutig verwendet), Kopf- und Körpertreffer mit einer Einschlagswucht, die getroffene Pechvögel gleichzeitig ‚tanzen‘ und in Stücke zerplatzen lassen - ein Höhepunkt (s. o.), den Autor Hunter immer wieder wortgewaltig zu beschreiben weiß.

Ungeachtet einer auf „political correctness“ gebürsteten (US-) Leserschaft ist es weiterhin möglich, zumindest literarisch zur Jagd auf ‚echte‘ Schurken aus dem Nahen Osten („Taliban“, „Hadschis“, „Bärte“, „Handtuch-Köpfe“) zu blasen, die aufgrund allzu intensiver Verworfenheit jegliche Wertschätzung und Lebensberechtigung verloren haben. Zudem gehören die Stammleser besagter „Military Thriller“ nicht unbedingt zur liberalen Fraktion der Menschheit.

Auch Stephen Hunter ist niemand, der einem Gegner die andere Wange hinhalten würde. Auch im siebten Band seiner Swagger-Saga bleibt sein Weltbild übersichtlich, wobei „schwarz“ und „weiß“ jedoch nicht identisch mit „gut“ bzw. „böse“ ist. Dies lässt aufhorchen, zumal Hunter kein schlammhirniger, permanent camouflage-gewandeter Baller-Fetischist, sondern ein gebildeter Mann, erfahrener Journalist und ausdrucksstarker Autor ist, der kein Problem damit hat, Humor und Hintergründigkeit in seine Werke einfließen zu lassen. Dem verdanken wir dieses Mal vor allem die Figuren Dr. Faisal und Professor Khalid, zwei aus dem fernen = finsteren Osten in die USA schleichende, schon ältere Akademiker, die ihren terroristischen Kontaktmann zur Verzweiflung bringen, weil sie sich ständig über den Koran streiten, aus großen Augen die gar nicht dämonisch wirkende US-Alltagswelt betrachten und doch zum Massenmord entschlossen sind: Hunter thematisiert den sinnlosen Fanatismus solchen Denkens, spielt ebenso ironisch wie ernst mit den Klischeevorstellungen über ‚typische‘ Bart-plus-Kalaschnikow-Unholde und reizt damit Kopfbrett-Leser, die Wert auf den ‚heiligen Ernst‘ der Terroristenaustilgung legen (und deshalb lieber zu Ben-Coen-‚Romanen‘ greifen sollten).

Eine eigenwillige Definition von „Ehre“

Eher auf Genre-Linie liegt Hunter mit seinen Spitzen gegen die US-Regierung, ihre Behörden und Geheimdienste. Sie gelten als übermäßig verkopfte, öffentlichkeits- und medienbestimmte Besserwisser, die keine Ahnung davon haben, wie es an der „Front“ zugeht, wo allein Ausbildung, Kameradschaft und Durchhaltevermögen zählen. Ständig mischen sich ‚Politiker‘ - eine Sammelbezeichnung für militärferne Eierköpfe und Spielverderber stets hart an der Grenze zum Verrat des stoisch sein Ziel verfolgenden Soldaten - ein und versauen, was sonst ein „sauberer“, d. h. in diesem Fall kopfschussgekrönter „Eingriff“ wäre.

Doch wieder schlägt Hunter einen Haken, indem er dem ‚gerechten‘ Scharfschützen den Söldner-Attentäter gegenüberstellt, der seine Ausbildung missbraucht, indem er für möglichst viel Geld tötet. Solche ‚modernen‘ Geschäftsmänner beschmutzen die Soldatenehre Hunter jener Sniper-Persönlichkeiten, die ihren Einsatz als Mission betrachten und sich deshalb wie Ritter fühlen, auch wenn sie im manchmal tageslangen Hinterhalt in ihre Hosen pinkeln müssen.

Bob Lee Swagger ist eine Gestalt der Vergangenheit. Sein Ehrgefühl wird durch die Herkunft geprägt. Ihn dominieren Weisheiten aus jener Pionierzeit, als sich die US-Siedler noch gegen Wölfe, Indianer, Engländer u. a. Gesindel wehren mussten. In diversen Regionen hat sich diese Mentalität gehalten; hier hausen jene Hinterwäldler, die auch am Steuer ihres Pick-ups stets eine Schusswaffe in Reichweite halten. Man macht sich gern über diese „Hillbillies“ lustig oder setzt sie in Horrorfilmen als degeneriertes Lumpenpack ein. Hunter leugnet die mentalen und charakterlichen Defizite nicht. Dennoch betrachtet er den Hinterwäldler à la Swagger als schroffe, einsame Personifizierung einer Disziplin, die der US-Gesellschaft ansonsten verlorengegangen ist. Haben sie einen Entschluss gefasst, setzen sie ihn um. Dabei weichen sie kein Jota von ihrem Kurs ab. Die moralische ‚Flexibilität‘ der Gegenwart ist ihnen fremd. Wer ihnen in die Quere kommt, wird gefällt. Geschriebene Gesetze sind dabei dem moralischen Kodex stets unterlegen.

Dem Schmutz eine klare Kante setzen

Es ist durchaus möglich, Hunters Meinung nicht zu teilen und sich trotzdem ausgezeichnet unterhalten zu fühlen. Der Mann kann schreiben (und darf sich wie seine deutschen Leser über eine kompetente Übersetzung freuen) sowie einen Plot voller überraschender Wendungen entwickeln. Nur manchmal dringt die rechtsliberale Eindringlichkeit gar zu deutlich durch, wenn Hunter beispielsweise seiner Faszination über den modernen Drohnenkrieg erliegt und beschreibt, wie junge Männer und Frauen wohlbehütet in den USA und in klimatisierten Großbarracken hocken, wo sie über die Vergnügungen des anstehenden Wochenendes sinnieren, während sie gleichzeitig voller Jagd-Elan den Tod auf ferne, nur umrisshaft auf ihren Monitoren sichtbare ‚Terroristen‘ regnen lassen: Dies ist hässlich und soll es wohl auch sein, denn Hunter ist ein Freund direkter und radikaler ‚Lösungen‘ und kennt kein Mitleid mit einem Feind, der es seiner Meinung nach ‚verdient‘, ebenso brutal und hinterhältig angegangen zu werden, wie er seine Gegner attackiert.

Anmerkung: Der Festa-Verlag scheint bereits jene noch junge Software auszuprobieren, die u. a. Cover durch KI-‚Künstler‘ ‚zeichnen‘ lassen kann. Die Möglichkeit Kosten einzusparen ist ein Faktor, der die Eintönigkeit der ohnehin auf Sparsamkeit zielenden Titelbilder vielleicht in schon naher Zukunft beleben wird. Aktuell produzieren die KI-Knechte freilich noch akkurat ausgeführte, aber aussage- und leblose Motive wie dieses.

Fazit

Politisch völlig unkorrekter, aber verführerisch unterhaltungsstark geplotteter und handwerklich kompetent erzählter Thriller, der einmal mehr schildert, wie moralisch nicht angekränkelte US-Patrioten ihr „die Freiheit“ gegen niederträchtige Lumpen schützen: als Roman überaus lesbar, manchmal sogar witzig, manchmal allzu ‚rechtsliberal‘ getränkt.

Todesschuss

Stephen Hunter, Festa

Todesschuss

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