Der dunkle Garten

Erschienen: Januar 1935

Bibliographische Angaben

  • Garden City, N.Y.: Doubleday, 1933, Titel: 'The dark garden', Seiten: 312, Originalsprache
  • London: Falcon Books, 1934, Titel: 'Death in the fog', Seiten: 311, Originalsprache
  • Bern; Leipzig; Wien: Goldmann, 1935, Seiten: 216, Übersetzt: Georg Goyert
  • München: Goldmann, 1950, Seiten: 220
  • München: Goldmann, 1978, Seiten: 189

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Michael Drewniok
Das meint Krimi-Couch.de: Gegenseitiges Belauern im alten, dunklen, mörderischen Haus

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2003

In ihrem alten, abseits gelegenen und düsteren Haus am Michigan-See lebt Mina Petrie als unumschränkte Herrscherin. Auf den Tod krank soll sie sein, und mehr oder weniger unauffällig halten sich die hoffnungsvollen Erben in ihrer Nähe auf. Charlotte Weimann, Minas boshafte Kusine und Sekretärin, quält voller Freude diese Schmarotzer, wie sie die Dauergäste des Hauses nennt, als da sind: Fanny Siskinson, eine weitere Kusine, und ihr nichtsnutziger Trunkenbold von Ehemann Clarence; Steven Petrie, Minas Neffe, ein erfolgloser Maler, der von seiner Tante ausgehalten wird; Paul Duchane, Sohn einer alten Liebe Minas, angeblich ein erfolgreicher Geschäftsmann; Katie Warren, Tochter einer guten Freundin Minas und kürzlich als Anlageberaterin bankrott gegangen. Ebenfalls fast täglich im Haus: Chris Lorell auf, der Mina als Anwalt zur Seite steht und über dessen finanzielle Situation Unklarheit besteht.

Als Katie eines winterlichen Abends heimkehrt, gerät ihr an einer unübersichtlichen Stelle des riesigen Gartens die unglückliche Charlotte unter die Räder; sie ist sofort tot. Katie macht sich große Vorwürfe, was sich in Bestürzung verwandelt, als sie erkennt, dass die anderen Hausbewohner ihr böse Absicht unterstellen Charlotte war hauptverantwortlich für Katies geschäftlichen Ruin, und die beiden Frauen verabscheuten einander sehr.

Zu Katies Pech hält auch der in diesem scheinbaren Unglücksfall ermittelnde Detective Crafft sie für verdächtig. Charlotte hat am Abend ihrer Todes einen Brief geschrieben, der später verschwand, ohne dass sein Inhalt bekannt wurde. Hat Charlotte Katie konkret als Betrügerin und Erbschleicherin entlarvt? Musste sie deshalb sterben? Denn ihr Tod, das stellt Crafft klar, war kein Unfall, sondern Mord!

Um Katie zieht sich die Schlinge zu, es sieht schlecht aus für die junge Frau, die nur dunkel ahnt, dass sie das Opferlamm in einem Spiel werden soll, bei dem der wahre Mörder aus dem Hintergrund geschickt die Fäden zieht ...

Der Ort des Geschehens als Insel der Ahnungsvollen

Ein altes, dunkles, einsames Haus, bewohnt von einer überschaubaren Gruppe verdächtiger Gestalten, ein Mord geschieht: Kein Zweifel, wir lesen einen "Whodunit?"-Thriller der klassischen Art. Auch die Zeit stimmt: "Der dunkle Garten" entstand 1933, als dieses Genre in seiner Blüte stand. Alle Elemente sind in jener unschuldigen Aufdringlichkeit vertreten, für die diese Rätselkrimis noch heute überaus beliebt sind. Angenehm realitätsfern liegt der Fokus auf "dem Fall", während die zeitgenössische Realität weitgehend ausgeblendet bleibt: Die lästige Wirklichkeit hat endlich einmal Pause.

Die Ereignisse im Petrie-Haus könnten sich ebenso gut oder sogar noch besser Anno 1833 ereignen, denn schon in der Gegenwart von 1933 muss dieser Schauplatz reichlich altmodisch gewirkt haben. Mehrfach findet Erwähnung, wie verhasst der Hausherrin die Gegenwart ist. Mina Petrie ist eine Gestalt des 19. Jahrhunderts, als reiche und ehrbare Leute in Häusern außerhalb der schmutzigen Städte residierten und mit Kutschen reisten. Es gibt Strom und fließendes Wasser im Petrie-Haus, und die Kutsche wurde vom Automobil ersetzt, aber sonst ist alles beim Alten geblieben.

In einem solchen Haus muss es quasi spuken. Mehrfach gehen unheimliche Gestalten in notorisch lichtlosen und verwinkelten Räumen um, während der Wind die Vorhänge bläht: Der "Whodunit?" dieses Kalibers hat Berührungspunkte mit dem Phantastischen, obwohl sich die scheinbar übernatürlichen Aktivitäten im großen Finale als handfeste Schurkereien entpuppen. Bis es soweit ist, darf um der Spannung willen ordentlich im Dunkeln gemunkelt werden.

Eine Grusel-"Familie" schmort im eigenen Saft

Einer von ihnen muss es gewesen sein, der die verhasste Charlotte zum Schweigen brachte: Dies ist eine zementierte Prämisse des "Whodunit?", denn das "fair play" gehört zum Genre. Der Leser kann und soll mitraten, was ihm (und natürlich ihr) natürlich trotzdem möglichst schwer oder gar unmöglich gemacht wird. Die wenigen präzisen Hinweise auf den Übeltäter sind unter einer Flut missverständlicher Verdachtsmomente förmlich begraben.

Und verdächtig sind sie alle, die sich im Hause Petrie herumtreiben. Nicht einmal die Hausherrin selbst ist ausgeschlossen - eine erste Abweichung vom üblichen "Whodunit?"-Muster, denn eigentlich hätte Mina Petrie das Mordopfer sein müssen: Sie ist die alte, kranke und vor allem reiche Frau, die es lohnt auf den Friedhof zu bringen. Doch es erwischt Charlotte Weimann, die wohl etwas wusste, was ein bestimmter Erbe nicht öffentlich gemacht wissen wollte, während sich Mina im Verlauf der Handlung als erstaunlich lebendig und gar nicht schwächlich (oder liebenswert) entpuppt.

Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf die unglückliche Katie Warren, die gute Gründe hatte, Charlotte zu hassen und womöglich umzubringen, als diese sie auch noch als potenzielle Erbin schlecht machen wollte. Katie spielt die typische Opferrolle in diesem "Whodunit?": Sie könnte es gewesen sein, denn Motiv und Gelegenheit lassen sich ihr unterstellen. Aus der Sicht des Lesers ist sie genau deshalb unschuldig, bloß: Können wir unserem Urteil oder gar der Verfasserin vertrauen? Will sie etwa genau diesen Eindruck erwecken? Wir wissen es nicht, und das macht den Reiz dieses Krimis aus.

Im klassischen "Whodunit?" bildet in der Regel der Ermittler die Hauptperson, hat er (oder sie, denn das Genre war nie frauenfeindlich) erst einmal die Szene betreten. Dem genialen Polizisten oder Detektiv bleibt es überlassen, Licht ins Dunkel zu bringen, was bekanntlich in der großen Finalszene gipfelt, wenn alle Verdächtigen zusammensitzen, der Ermittler rekonstruiert, was geschehen ist, und schließlich aus der Schar diejenige Person als Schurken herauspickt, auf die wir garantiert nicht als Täter/in getippt hätten.

Aber Detective Crafft ist in dieser Hinsicht eine Überraschung. Er wirkt unsympathisch, scheint voreingenommen und vernagelt, fixiert auf die arme Katie als Mörderin, für die es dadurch - ein Kunstgriff der Verfasserin - noch übler aussieht: "Der dunkle Garten" bedient auch die (weiblichen) Fans der "Frau-in-Gefahr"-Fraktion, für die heute die berüchtigten "Lady-Thriller" fabriziert werden, in denen der Suche der Heldin nach Mr. Right mindestens so viel Raum wie dem kriminellen oder kriminalistischen Geschehen eingeräumt wird. "Der dunkle Garten" ist in dieser Beziehung erfreulich zurückhaltend.

Besagter Crafft tut übrigens nichts als seine Pflicht; er hat keine Geistesblitze, sondern sichtet Indizien und prüft Alibis - eine mühsame Tätigkeit, die für weiteren Druck auf die Verdächtigen sorgt, die sich natürlich fragen, ob der Schwarze Peter letztlich an sie fällt, sollte Crafft den wahren Mörder nicht erwischen. Eberhart schildert erstaunlich komplex ein Komplott, das dem Täter unter den Händen zerfällt: Ein zunächst perfekt scheinendes Verbrechen weist so viele lose Enden auf, dass der Versuch, diese zu kappen, den Mörder schließlich ins offene Licht bringt, wo der erfahrene Crafft auf ihn gewartet hat. Die Auflösung ist ebenso logisch wie krude und erfüllt damit eine weitere Bedingung für einen erfolgreichen "Whodunit?".

Kein Wunder also, dass sich dieser Roman trotz seines Alters und seiner Anachronismen auch im 21. Jahrhundert lesen lässt: Das Altmodische hat sich ins Nostalgische verwandelt. Außerdem wurde die Übersetzung von "Der dunkle Garten" einem Könner anvertraut, der sein Handwerk verstand und einen Tonfall fand, der die Zeitlosigkeit dieses Krimis heute eher noch unterstreicht.

Der dunkle Garten

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Letzte Kommentare:
02.10.2010 13:21:41
Harry

Spannend!
So richtig intelligent ist dieses Buch wirklich. Ich habe 2 Tage gebraucht, um es zuende zu lesen. Wirklich spannend, und auf dem Mörder wäre ich nicht draufgekommen. Und die Auflösung und überraschende Wendungen sind richtig verblüfft.
Mignon G Eberhart versteht es, Spannung zu halten. Am Anfang habe ich gedacht, er schreibt gut, obwohl es sich herausstellt, dass es ein Sie ist.

Spannendes Buch. Zum Weierempfehlen!