Mord im Jagdhaus

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • Garden City, N.Y.: Doubleday, 1930, Titel: 'The Mystery of Hunting´s End', Seiten: 314, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2000, Seiten: 287, Übersetzt: Markus Knop

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Michael Drewniok
Der Hund, der zu viel wusste

Rezension von Michael Drewniok Dez 2021

Sarah Keating ist nicht nur eine erfahrene Krankenschwester, sondern auch eine begeisterte Kriminalistin. Ihre Funktion als ebenso unsichtbare wie allgegenwärtige ‚Hilfskraft‘ hat schon manchen Unhold getäuscht. Detektiv Lance O’Leary hat längst erkannt, was er an Keating hat, die er gern zur Hilfe ruft, wenn ein verzwickter Fall gelöst werden soll.

Aktuell wird Keating in eine (vermeintlich) illustre Gesellschaft eingeschleust. Matil Kingery hat in „Hunting’s End“, eine luxuriöse Jagdhütte im US-Staat Nebraska, einige ‚Freunde‘ eingeladen. Dies ist ein Vorwand: Fünf Jahre zuvor wurde Huber, ihr Vater, erschossen in diesem Haus gefunden. Den ‚Selbstmord‘ konnte man vertuschen; die Kingerys zählen zur lokalen Hautevolee, weshalb Hubers Tat Schande über die Familie gebracht hätte. Dies musste auch deshalb verhindert werden, weil Hubers finanzielle Aktivitäten mit Misstrauen beobachtet wurden und ein Selbstmord die Anleger eines von ihm aufgelegten Fonds in die Flucht geschlagen hätte.

Matil ist überzeugt, dass ihr Vater ermordet wurde. Sie hat O’Leary um Hilfe gebeten, der sich unter einem Vorwand zu den Gästen gesellt. Matil hat dieselben Personen eingeladen, die in der Mordnacht im Haus waren. Auch die Angestellten sind wieder dabei. O’Leary hofft, dass sich der Täter oder die Täterin verraten wird. Im Hintergrund soll Schwester Keating ihre Augen offenhalten.

„Hunting‘s End“ liegt abgeschieden, und das schlechte Wetter sorgt für völlige Isolation. Die Nachforschungen beginnen zäh, aber sowohl O’Leary als auch Keating lassen nicht locker. Der Erfolg lässt auf sich warten. Geweckt wird stattdessen die Aufmerksamkeit des Täters. Er oder sie reagiert mörderisch, woraufhin in dem einsamen Jagdhaus Misstrauen und Panik aufkommen. Die Zeit wird knapp für O’Leary und Keating. Sie haben ihr ‚Wild‘ aufgeschreckt. Es sorgt für weitere Morde, was „Hunting’s End“ in einen Ort des Schreckens verwandelt, an dem man einander misstrauisch belauert  …

Krimi-Klassik (gibt’s auch) „Made in USA“

Die Nebraska Sandhills bestehen aus Sanddünen, die von einer mageren Vegetation bedeckt sind. Mignon Good Eberhart (1899-1996) lebte nach ihrer Heirat (1923) einige Jahre in dieser kargen Region, die durch heiße, trockene Sommer und eisige, schneereiche Winter geprägt ist. Ihre Ortskenntnis ließ sie in „The Mystery of Hunting’s End“ einfließen, dem zweiten Roman ihrer Reihe um die kriminalistisch aktive Krankenschwester Sarah Keate.

Diese gehört zu den frühen weiblichen Detektiven, die in Serie ermittelten. Eberhart sorgte kundig für die erforderlichen Voraussetzungen. Als Krankenschwester kommt Keating dorthin, wo der „Skandal“ als Schreckgespenst gilt: in die Häuser der Reichen und Schönen, die keinerlei Drang verspüren, moribunde Familienangehörige selbst zu pflegen. In dieser Funktion ist sie wie alle Hausangestellten quasi unsichtbar = ‚lebendes Inventar‘, das seine Aufgabe erfüllen, aber ansonsten den Herrinnen und Herren des Hauses nicht auffallen soll.

Dass sie als Mensch nicht wirklich wahrgenommen wird, bietet Sarah Keating ungeahnte kriminalistische Möglichkeiten, die der Polizei vorenthalten bleiben. In dieser Ära zwischen den Weltkriegen bedingen Reichtum und Macht einen Status, der vor schnöder Befragung durch ‚gewöhnliche‘ Polizisten = Dienstboten schützt. Auch die Kingerys haben diese Karte gespielt, um den rufschädigenden ‚Selbstmord‘ des Familienvorstands zu unterdrücken. Eine Wiederaufnahme des eigentlich gar nicht existierenden Falls ist deshalb nur als streng geheime Privatermittlung möglich, die weitab der Öffentlichkeit (und der Presse) stattfindet.

Das (Mord-) Haus mit den vielen Räumen

„Hunter’s End“ ist eine Blaupause für die vielen abgelegenen Krimi-Landhäuser, in denen ein offenbar ‚unmöglicher‘ Mord stattfindet: Huber Kingery lag tot in seinem von innen verriegelten Zimmer. Wie konnte er erschossen werden? Eine Waffe wurde nicht gefunden. Dieses Rätsel wird gelöst, aber bis es soweit ist, sorgt die Autorin dafür, dass exakt dieselben Personen anwesend sind wie in der Mordnacht. Wer damals unbestraft entkommen konnte, muss also wieder im Haus sein.

Wer sich (scheinbar) wo aufhält, wird uns Lesern nach alter „Whodunit“-Schule verdeutlicht: Es gibt einen Grundriss, der die beiden Stockwerke des Hauses zeigt. Eberhart teilt uns außerdem mit, wer in welchem der abgebildeten Zimmer einquartiert ist. So stehen wir mit am Start, als Keating und O’Leary ihre Ermittlungen beginnen (und der nächste Mord selbstverständlich nicht lange auf sich warten lässt).

Dass die/der Mörder/in Wind von der Sache bekommt, ist ein unverzichtbares Spannungselement. Überhaupt dreht Eberhart völlig unverhohlen an der Schraube, betont die wetterbedingte Einsamkeit, lässt Lebensmittel und Feuerholz knapp werden und einen schwermütigen Hund auftreten, der seinen toten Herrn nicht vergessen kann. Dies schürt die ohnehin explosive Situation, zumal die anwesenden ‚Freunde‘ sich nicht ausstehen können. Sie kamen nur, weil sie auf finanzielle Zuwendungen seitens der vermögenden Gastgeberin hoffen, die ihrerseits einen der ihren als Mörder enttarnen will. Eberhart schwelgt in der Zeichnung nur vordergründig vornehmer, egoistischer, niederträchtiger und hinterlistiger Zeitgenossen, die sämtlich als Täter/innen infrage kommen. Aus ‚feinen Leuten‘ werden rücksichtslose, verängstigte Egoisten - eine Entwicklung, der Eberhart breiten Raum gewährt.

Miss Keating - NICHT Mrs.!

Mit Sarah Keating präsentiert Mignon G. Eberhart eine weibliche Ermittlerin,  der kompromisslos jede ‚Weiblichkeit‘ ausgetrieben wurde. Der Begriff wird hier in Anführungsstriche gesetzt, weil die Reduzierung auf die quasi geschlechtslose Krankenschwester den Verzicht auf sonst übliche bzw. unumgängliche Klischees ermöglichte: Frauen waren (nicht nur) im zeitgenössischen Kriminalroman auf der Suche nach Mr. Right. Sie wurden in der Regel aus der Krise - (natürlich falscher) Mordverdacht und Lebensgefahr - gerettet und geheiratet. Matil Kingery ist ein typisches Beispiel.

Eberhart weicht ihren Krimi nicht durch die Liebesgeschichte auf, was man gerade heute nicht hoch genug bewerten kann, weil diese Tugend allzu oft in Vergessenheit gerät. Allerdings ist Keating keine Figur, mit der man ‚warm‘ wird. Dies liegt nicht nur an ihrer ständigen Behauptung, erotisch absolut zündungsfrei zu sein. (Eberhart kann freilich nicht widerstehen, zwischen Keating und O’Leary eine ambivalente ‚Zuneigung‘ zu schaffen.) Keating ist eine Mischung aus Tüchtigkeit und Neugier, die sie als Detektivin befriedigen kann, ohne in den Verdacht zu geraten, eine Voyeurin zu sein.

In diesem Punkt griff Eberhart u. a. Patricia Wentworth oder Agatha Christie vor, die mit Miss Silver bzw. Miss Marple ebenfalls Kriminalistinnen erfanden, die - hier altersbedingt - vor erotischen Anwandlungen und Verwicklungen sicher waren. Vor allem Christie sorgte allerdings dafür, dass Miss Marple freundlicher wirkte als die betont steife Keating. Nichtsdestotrotz bietet „Mord im Jagdhaus“ exakt jene Krimi-Nostalgie, die überzeugt (sowie diverse längst veraltete Vorurteile verzeiht) bzw. ‚funktioniert‘, weil Kriminalfall und Drama gleichwertig entwickelt werden.

„Mord im Jagdhaus“ im Kino

Unter dem Titel „Mystery House“ wurde Eberharts Roman 1938 für das Studio Warner Bros. verfilmt. Noel M. Smith (1895-1955) führte nach einem Drehbuch von Sherman L. Lowe und Robertson White Regie. Als Sarah Keate trat Ann Sheridan (1915-1967) vor die Kamera, die Rolle von Lance O'Leary übernahm Dick Purcell (1905-1944).

„Mystery House“ war ein typisches B-Movie seiner Ära - möglichst kostengünstig, aber dennoch professionell realisiert und nicht einmal eine Stunde lang, weshalb dieser Krimi vor dem eigentlichen Hauptfilm gezeigt wurde; ein Mehrwert, der mehr Zuschauer in die Kinos locken sollte. Als zwölfter und letzter Film erschien „Mystery House“  in der von Warner lancierten Filmreihe „Clue Club“ (1935-1938).

Fazit:

Der zweite Kriminalroman um das Team Keate & O’Leary bietet klassisches Rätselkrimi-Flair mit Schauer-Elementen und ‚raffinierten‘ Todesfallen. Zwar bemüht die Autorin zahlreiche Klischees, doch die Jahrzehnte haben diese nostalgisch aufgewertet. Das Handlungstempo ist trotz der Beschränkung auf wenige Räume beträchtlich, was auch an den überspannten Figuren liegt: Hier ist „altmodisch“ ein Gütesiegel.

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