Inspektor Cromwells Trick

  • Apex-Verlag
  • Erschienen: Januar 1959
Inspektor Cromwells Trick
Inspektor Cromwells Trick
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Michael Drewniok
70°

Krimi-Couch Rezension vonJan 2023

Der „Henker“ kommt nach Ellsworth Castle

Erregt fordert Anwalt Mark Henderson Nachtportier Jobling auf, ihm ein Taxi zu besorgen. Als dieser ins Büro zurückkehrt, findet er den alten Mann mit einem Dolch im Herzen und folglich mausetot vor. Chefinspektor Bill „Old Iron“ Cromwell von Scotland Yard und Sergeant Johnny Lister übernehmen den Fall. Verschwunden sind aus Hendersons Büro ausschließlich Papiere, die sich mit dem Nachlass von Lord Ellsworth beschäftigen. Der reiche Adlige lebt auf Schloss Ellsworth in der Grafschaft Surrey, wo Cromwell und Lister ihn befragen wollen. Doch der Lord liegt tot in der Bibliothek; ein Herzschlag hat ihn dahingerafft.

Wurde er ein Opfer des „Henkers“, jenes Familiengespenstes, das die Familie Ellsworth seit Jahrhunderten heimsucht und dezimiert? Verwalter Brian Grant hat das Phantom kurz vor der Tragödie nicht nur gesehen, sondern ist auch handgreiflich mit ihm aneinandergeraten. Cromwell glaubt nicht an Geister und ermittelt auch sonst ergebnisoffen. Dagegen schießt sich der tumbe Inspektor Brodribb, der im Todesfall Lord Ellsworth ermittelt, auf Grant als Verdächtigen ein, zumal dieser sich verdächtig benimmt sowie mit Lord Ellsworth vor dessen Tod lautstark gestritten hat.

Cromwell vermutet einen Zusammenhang zwischen dem Mord an Henderson und dem Schrecktod des Lords. Brodribb ist ein Störenfried und Hohlkopf, und dummerweise betätigt sich auch Grant als Detektiv. Kurz darauf landet er in einem Brunnenschacht, denn er ist zufällig einer Bande von Strolchen auf die Schliche gekommen, die ein großes Interesse daran haben, das Testament von Lord Ellsworth aus dem Verkehr zu ziehen …

Als wär’s ein Stück vom alten Edgar!

Victor Gunn alias Edwy Searles Brooks (1889-1965) ist ein interessanter (Krimi-) Autor - einerseits ein Schreibautomat, dessen Gesamtwerk bis heute nicht in seiner Gesamtheit rekonstruiert werden konnte, weil es zu umfangreich ist und unter zahlreichen Pseudonymen erschien, andererseits ein versierter Erzähler, der sein Handwerk durchaus beherrschte, weshalb auch „Inspektor Cromwells Trick“ für Unterhaltung sorgt, obwohl wir den 32ten Band einer Serie lesen, die insgesamt 43 Titel zählt.

In Deutschland zählte „Gunn“ viele Jahre zu den beliebtesten Autoren. Die Cromwell/Lister-Romane erreichten eine Auflage von mehreren Millionen, obwohl die Plots und ihre Umsetzung schablonenhaft waren. Der Erfolg überrascht nicht, denn er basierte gerade auf der simplen Machart. Gunns Krimis füllten eine Lücke, die der frühe Tod des Verfassers Edgar Wallace gerissen hatte. Er galt hierzulande seit den 1920er Jahren als der Autor erfolgreicher Kriminalromane, was seit den späten 1950er Jahren aufgrund der überaus erfolgreichen Verfilmung zahlreicher Wallace-Romane unterstrichen wurde.

Die überaus stilisierten, realitätsfern in einer Nostalgie-Blase angesiedelten Gunn-Garne wiesen einen starken Wallace-Touch auf. „Inspektor Cromwells Trick“ entstand 1959, doch die moderne Gegenwart dieses Jahres bleibt komplett ausgeblendet. Nur kurz spielt die Handlung in London, bevor Gunn sie in ein Landschloss verlagert, wo die Zeit irgendwann vor dem Zweiten (oder gar Ersten) Weltkrieg stehengeblieben ist. Schloss Ellsworth ist ein Ort, an dem konserviert wurde, was der deutsche Krimi-Leser einst goutierte.

Düster, seltsam, spannend

Der Plot ist verworren, beinhaltet juristische Winkelzüge und schließt einen Wallace-typischen, scheinbar übernatürlichen „Henker“ ein. Autor Gunn weiß trotz solcher theatralischen Effekte, in welche Richtung die Geschichte gehen soll. Erstaunlich früh steht fest, wer den Rechtsanwalt und den Lord killte sowie den Verwalter in den Brunnen stürzte. Doch hinter diesen Übeltaten verbirgt sich ein Komplott, das von Inspektor Cromwell trickreich aufgeklärt werden muss, wie es der deutsche Titel verkündet.

Noch stärker als sonst charakterisiert Gunn einen Polizeibeamten, der sich von Vorschriften höchstens leiten, aber nicht einschränken lässt. Das ist nur gut, da er in einer Ermittlerwelt existiert, die primär von Nulpen bevölkert wird. Während Cromwell beobachtet, zuhört und daraus Schlüsse zieht, lässt sich sein ‚Kollege‘ Brodribb von ‚Indizien‘ leiten bzw. täuschen, denen er hirnlos folgt wie der Karrenesel der ihm an einem Bindfaden vor die Nase gehaltenen Möhre.

Auch ‚Assistent‘ Johnny Lister ist höchstens als Chauffeur tauglich. Offenbar soll er ‚die Jugend‘ repräsentieren, die in einem Gunn-Krimi freilich nie wirklich das Sagen hat. Vor allem stellt er jene Fragen, die uns Lesern durch die Köpfe gehen. Wenn ihn Cromwell nicht gnädig an seinem Wissen teilnehmen lässt, bleibt Lister ratlos. Womöglich ist „Old Iron“ auch deshalb notorisch unwirsch, weil stets nur er nicht in die (nicht einmal raffiniert gestellten) Fallen von Unholden tappt, die gern mit Masken und Puppen arbeiten und auch sonst möglichst altmodisch zur kriminellen Tat schreiten. Wohl nur deshalb fallen sie im Finale auf den alles andere als originellen ‚Trick‘ herein, mit dem sie Cromwell demaskiert.

Treffen der (Stereo-) Typen

Gunns Figuren sind simpel gezeichnet und archaisch charakterisiert. Immer noch herrscht der Adel über leibeigen wirkendes Landvolk, das geistig schlicht die Gegenwart ignoriert und sich gern befehlen lässt. Die Gesellschaft ist hierarchisch unterteilt; jede/r hat seinen oder ihren Platz, um dort zu verharren. Ungeschriebene, aber allen bekannte Regeln bestimmen den Alltag. Verstöße werden streng geahndet - und dazu gehört die ‚verbotene‘ Heirat einer Adelstochter mit einem schnöden Gutsverwalter.

Dies führt u. a. zu einem Plot, der heute oft nur nostalgisch genossen werden kann. Immer wieder lähmen sicher schon damals und heute endgültig lachhaft wirkende Gebote Zungen dort, wo einige offene Worte eine dramatische Handlungswende verhindern würden. Profi Gunn nutzt solche Situationen, um die Geschichte in die Länge zu ziehen. Immer wieder erkennt man solches Strohdreschen, wird aber versöhnt, da Gunn gleichzeitig allerlei Kaninchen aus seinem Hut zieht, um sein Publikum bei der Stange zu halten.

Mit der erwähnten Demaskierung der Schurken weicht der Verfasser vom üblichen Whodunit-Schema des britischen Cozy-Krimis ab. In den Vordergrund rückt die Frage nach dem Motiv; außerdem will man als Leser wissen, wie Cromwell, der sich mehrfach über die Unmöglichkeit beklagt, den schlau ihre Spuren verwischenden Tätern ihre Schuld nachzuweisen, diese trotzdem überlistet. Auf diese Weise bringt Gunn auch diesen Roman ins Ziel - nie aufregend, aber solide die Erwartungen seines Publikums erfüllend.

Fazit

Dieser späte Band gehört ins Mittelfeld der Cromwell-Lister-Serie. Oft allzu schematisch treibt der Verfasser die Handlung voran. Im letzten Drittel wird der Whodunit zum Whydunit, wobei die handwerkliche Professionalität des Verfassers doch für altmodische bzw. ‚gemütliche‘ Krimi-Spannung sorgt; Nostalgie sorgt für zusätzliche Würze.

Inspektor Cromwells Trick

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