Die Pestinsel

  • Insel
  • Erschienen: September 2022
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Michael Drewniok
40°

Krimi-Couch Rezension vonDez 2022

Idealer Ort für Wahnsinn und Verbrechen

Göteborg ist 1925 eine Stadt im wirtschaftlichen Aufwind. Die lokale Polizei merkt es am zunehmenden Straßenverkehr, doch auch die Kapitalverbrechen nehmen zu. Gerade hat man einen gut gekleideten, aber mausetoten Mann aus dem Fluss Göta gezogen. Der Fall geht an den noch jungen und leidlich erfahrenen Kommissar Nils Gunnarson.

Er liest gern Kriminalromane und profitiert nun davon, denn ihm fallen erstaunliche Parallelen zu einem Buch auf, das er kürzlich gelesen hat. Die Suche nach dem Verfasser führt ausgerechnet auf die stadtnahe vor der Küste gelegenen Insel Bronsholmen. Sie wird gemieden, denn einst hatte man hier Männer und Frauen isoliert, die an der Pest erkrankt waren. Sie blieben, bis sie wieder gesund geworden oder gestorben waren.

Eigentlich sollte die Krankenstation schon vor Jahren geschlossen werden, doch stattdessen wurde hier der Mörder Arnold Hoffmann festgesetzt. Er hat dies- und jenseits des Atlantiks zahlreiche Männer und Frauen umgebracht, gilt als wahnsinnig und wurde deshalb nicht hingerichtet, sondern eingesperrt.

Um herauszufinden, was auf der Insel vorgeht, schleicht sich die Nachwuchs-Reporterin Ellen Grönblad als Dienstmädchen dort ein. Sie stellt fest, dass der überaus intelligente und manipulative Hoffmann sich zum Herrn über Bronsholmen aufgeschwungen hat. Er übt dort ein für die Inselbewohner lukratives Schreckensregiment aus und hat Ellen als nächstes Opfer ins Auge gefasst. Eine Flucht ist nicht möglich, ihre Briefe an den ahnungslosen Gunnarson werden abgefangen …

Historien-, Kriminal- und Schauerroman

„Die Pestinsel“ wird uns (deutschen) Lesern als „Thriller“ präsentiert. Offenbar suchte der Verlag eine Schublade, deren Inhalt auf möglichst viele Käufer verlockend wirken soll. Einschlägige Erwartungen werden freilich unterlaufen. Zwar folgt die Handlung oberflächlich den Vorgaben eines Kriminalromans, doch schwingen auch Elemente der Phantastik mit, wenn das Geschehen auf die verrufene „Pestinsel“ wechselt, wo der ebenso intelligente wie irre Killer Hoffmann wie die Stummfilm-Schurken Caligari oder Mabuse nicht nur seine Zelle verlassen hat, sondern über die Bewohner der isolierten Insel buchstäblich herrscht: Patient und Arzt haben die Rollen getauscht.

Doch was verlockend klingt, wirkt in der Umsetzung lahm. Ist „Die Pestinsel“ - welch‘ düsterer Verdacht! - womöglich ‚richtige‘ Literatur, die sich als Genreware tarnt, um dann in realen Missständen und moralischen Verfehlungen zu schwelgen? Man möchte es der Autorin freundlich unterstellen und so entschuldigen, dass sie weder Krimi noch Phantastik wirklich beherrscht. Schon die Zweiteilung ist irritierend trivial: Während Inspektor Gunnarson in und um Götaborg ermittelt, aber dem Zentrum des kriminellen Geschehens höchstens zufällig nahekommt, stößt Ellen Grönblad genau dorthin vor. Dies folgt keinem Plan, wie überhaupt Hermanson die grundsätzlichen Elemente eines Krimi-Plots entweder nur vage kennt oder ausdrücklich ignoriert.

Gunnerson und Grönblad sind als Ermittler eher unfähig und als Figuren bemerkenswert langweilig. Dies trifft auf sämtliche Protagonisten zu, die Hermanson primär als Projektionsflächen für kraftlose Klischees zu betrachten scheint. Sollte dies ein Versuch sein, die Handlung ‚hintergründig‘ zu beleben, misslingt es. Sämtliche Protagonisten scheinen mondsüchtig durch ihre Welt zu wandeln. Hermanson verheddert sich in Nebenhandlungen, die ausgiebig beschrieben werden, um dann aus dem Geschehen zu verschwinden. Auch der eigentliche Plot funktioniert kaum, weil die Autorin bewährte Spannungselemente ignoriert und sie nicht durch Eigenalternativen ersetzen kann.

Auf der Kippe zwischen Aberglauben und Moderne

„Die Pestinsel“ fällt stilistisch durch einen Duktus auf, der an jene „einfache Sprache“ erinnert, die alle Leser erreichen soll, die ihre Schwierigkeit mit komplexer Grammatik und Fremdwörtern haben. Man könnte dies auch ‚skandinavische Kargheit‘ oder die Konzentration auf das Wesentliche nennen, was nichts daran ändert, dass der Tonfall bald monoton wirkt und sämtliche Emotionen dämpft - leider auch dort, wo das Geschehen dramatisch wird und sich dies formal bemerkbar machen sollte.

Aber Hermanson scheint prinzipiell nicht an vordergründiger Spannung interessiert zu sein. Da haben wir also eine Insel, auf der buchstäblich der Wahnsinn regiert, was zusätzlich von allerlei Kapitalverbrechen begleitet wird. Hermanson schildert dies ebenso unaufgeregt - oder langweilig - wie die ‚Liebesgeschichte‘ zwischen Gunnarson und Grönblad, die dadurch wohl vor allem klischeefern bleiben sollte, aber seitens der Leser zwischen den Zeilen erkannt werden muss. Ansonsten schwelgt Hermanson in feministischer Kritik, die sie auf eine Gesellschaft projiziert, die nicht mehr existiert und somit jenseits solcher Attacken steht. Ellen Grönblad als ‚starke Frau‘, die sich gegen ihre altmodischen Eltern und eine ‚frauenfeindliche‘ Gesellschaft wehrt, muss dennoch ganz klassisch von Gunnarson gerettet werden.

Bronsholmen kann keine Schauerwirkung entfalten. Stattdessen fragt man sich, wie eine solch absurde Parallelgesellschaft über Jahre existieren konnte. Dass die Geschichte 1925 spielt, hilft nicht über diese Klippe hinweg. Ebenfalls eine Popanz-Figur ist Arnold Hoffmann. Nie gelingt es Hermanson plausibel zu machen, woraus sich seine vielfach angesprochene Übermacht gründet. Die Autorin lässt ihn wahnhaft seine Biografie erzählen, die von der schockierten Ellen per Schreibmaschine festgehalten wird, doch was zur Sprache kommt, ist Psycho-Alltagskost, die niemand hinter dem Ofen hervorlocken bzw. erschrecken kann.

Der Weg ist das Ziel

Hermanson will offensichtlich erzählen, ohne sich von einem Plot ‚einengen‘ zu lassen. Falls dem so ist, fragt sich zumindest dieser Rezensent, was uns die Autorin sagen möchte. Wir erfahren wenig über das zeitgenössische Götaborg, das von schurkischen oder begriffsstutzigen Männern bzw. unterdrückten oder stolzen, weil freigeistigen Frauen bevölkert wird. Die Story schlängelt und schleppt sich voran, wobei die Kapitel als ‚Cliffhanger‘ - man muss den Begriff so, wie Hermanson ihn versteht, in ‚Als-ob‘-Anführungsstriche setzen - enden, also in einem ‚spannenden‘ (dito), entweder bedrohlichen (Grönblad) oder (endlich) einer krimitauglichen Entscheidung folgenden (Gunnarson) Moment endet, um an das Geschehen des Vor-Kapitels anzuschließen.

Hermanson bleibt konsequent: Einen echten dramatischen Höhepunkt gibt es nicht. Sie blendet ihn aus, enthält ihn uns vor, was sicherlich eine Bedeutung hat, die sich aufgrund der Alternativauflösung aber erklärungsfrei nicht einstellen mag. Stattdessen folgt ein (wahrscheinlich nicht ironisch gemeintes) Happy-End sogar für die degenerierten Bewohner der Pestinsel - und zuletzt gibt es doch einen Moment echten Schreckens: Der Epilog könnte eine Fortsetzung der Geschichte von Nils & Ellen (oder eine „Netflix“-Mini-Serie) ankündigen!

Fazit

Obwohl ‚gotisch‘-schauerlich angelegt sowie mit Elementen des Kriminalromans angereichert, schleppt sich die Handlung lethargisch bis ins aufregungsfreie Finale. Die karge Sprache und leblose Klischeefiguren sorgen zusätzlich für einen Roman, der nicht bewegen kann - ein „Thriller“ ist dies sicher nicht!

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